Als Jürgen Klopp im Oktober 2015 den FC Liverpool übernahm, fand er einen Klub vor, der sich selbst verloren hatte. Vorgänger Brendan Rodgers hatte das Team mit schläfrigem Ballbesitzfussball in das Mittelfeld der Tabelle geführt; gegen den Viertligisten (!) Carlisle United war man Wochen zuvor nur nach einem Elfmeterschiessen in die nächste Runde des Ligapokals eingezogen.

Der Schwabe wehrte sich energisch gegen die Stilisierung als Erlöser («The normal one»), aber LFC hatte ihn nicht zufällig im Hope Street Hotel untergebracht – in der Strasse der Hoffnung.

Knapp drei Wochen vor Beginn der Fussball-WM steht im ukrainischen Kiew das Highlight der Saison im Klubfussball an. Real Madrid und Liverpool spielen am Samstag ab 20:45 Uhr um den Titel in der Champions League. Dabei stehen die beiden Trainer im Fokus. Zinédine Zidane kann sich mit Real Madrid zum dritten Mal in Serie Europas Krone aufsetzen. Das gelang letztmals Bayern München zwischen 1974 und 76, aber mit unterschiedlichen Trainern. Derweil lechzt Jürgen Klopp mit Liverpool nach neuerlichem Ruhm. Der Deutsche hat in der Stadt der Beatles eine grosse Euphorie ausgelöst. Und möchte nach seinem verlorenen Final 2013 mit Dortmund gegen Bayern nun erstmals den Thron besteigen.

Auf der Jagd nach Europas Krone

Knapp drei Wochen vor Beginn der Fussball-WM steht im ukrainischen Kiew das Highlight der Saison im Klubfussball an. Real Madrid und Liverpool spielen am Samstag ab 20:45 Uhr um den Titel in der Champions League. Dabei stehen die beiden Trainer im Fokus. Zinédine Zidane kann sich mit Real Madrid zum dritten Mal in Serie Europas Krone aufsetzen. Das gelang letztmals Bayern München zwischen 1974 und 76, aber mit unterschiedlichen Trainern. Derweil lechzt Jürgen Klopp mit Liverpool nach neuerlichem Ruhm. Der Deutsche hat in der Stadt der Beatles eine grosse Euphorie ausgelöst. Und möchte nach seinem verlorenen Final 2013 mit Dortmund gegen Bayern nun erstmals den Thron besteigen.

Vor Heimspielen logiert das Team der Reds noch heute im selbigen Boutique-Etablissement in der Innenstadt, aber aus der wagen Hoffnung auf Besserung ist längst Gewissheit geworden, aus dem Zweifel der feste Glaube: Es geht voran, schneller als erwartet.

Liverpool ist nach einer «verrückten Fahrt» (Klopp) in der Champions League fast wieder dort angekommen, wo sich der fünffache Europapokalsieger am allerliebsten sieht. Wie bei keinem anderen Klub von der Insel speist sich das Glück der Fans aus Triumphen in Europa.

Zum Wohle der Fans und Gemeinschaft

«Klopp hat Liverpool an die Schwelle zum Gelobten Land geführt», schreibt der «Independent». Das seriöse Blatt sieht im 50-Jährigen einen Wiedergänger von Bill Shankly, jenem Erfolgscoach, der in den Siebzigerjahren den Aufstieg des unscheinbaren Vereins von der Mersey zum Weltklub befeuerte und seine Spieler immerzu daran erinnerte, dass sie zuallererst zum Wohle der Fans und Gemeinschaft gegen den Ball traten.

Klopp, der in Mainz und Dortmund auf tieferem Niveau bereits erfolgreich an ähnlichen fussballerischen Gesamtkunstwerken gearbeitet hat, darf sich freuen, dass ihm nach nur zweieinhalb Jahren in Anfield die ganze Stadt zu Füssen liegt.

Sympathie-Offensive: Jürgen Klopp lernt «Scouse», Liverpools Dialekt, von einem Schulbub.

Sympathie-Offensive: Jürgen Klopp lernt «Scouse», Liverpools Dialekt, von einem Schulbub.

Der deutsche Kulttrainer hat beim 18-fachen englischen Meister eine Kloppomania entfacht.

«Er ist ein Idol. Und wenn er in Kiew gewinnt, wird er noch mehr sein», sagt Rafael Benítez, der als Trainer der Roten die Champions League 2005 in Istanbul gewann und seitdem inoffiziell als «Gott» beim LFC-Anhang firmiert.

Im Oktober war der Himmel jedoch noch so fern, dass einige ungeduldige Fans den stoppelbärtigen Mann aus dem Schwarzwald am liebsten zum Teufel gejagt hätten. Liverpool stand nach einem 1:4 gegen Tottenham auf Platz neun der Tabelle; Ex-Trainer und Spielerlegende Graeme Souness sah sich genötigt, öffentlich für Klopp Stellung zu beziehen.

«Er ist mit seiner Leidenschaft und seiner Art, Fussball spielen zu lassen, genau der richtige Mann», sagte der Schotte. Intern war man von den Fähigkeiten des Deutschen stets überzeugt, aber in Anfield breitete sich in jenen Wochen der Fatalismus wie eine giftige Wolke aus.

Coutinhos Wunsch nachvollziehen

Als im Januar auch noch der brasilianische Spielmacher Philippe Coutinho für 142 Millionen Pfund zum FC Barcelona desertierte und der Verein keinen Ersatz verpflichtete, machte die Basis ihrem gewaltigen Frust in Radio-Sendungen und den sozialen Medien Luft.
Klopp bewahrte die Ruhe.

Als ehemaliger Spieler konnte er Coutinhos Wechselwunsch nachvollziehen; er wollte keinen unglücklichen Profi, der die Stimmung beeinträchtigt. Coutinhos Abgang sei eine Chance für den Rest des Kaders, seine Qualität unter Beweis zu stellen, erklärte er in der Kabine.

Die Mannschaft sprang darauf an. Beständig guten Leistungen in der Liga folgte ein 5:0-Auswärtssieg beim FC Porto, der Liverpool das eigene Potenzial vor die Augen führte. «Wir merkten, dass hier etwas Grosses passieren könnte», so Klopp.

Das «organisierte Chaos»

Liverpools Strategie des «organisierten Chaos» (BBC) in der gegnerischen Hälfte erwies sich für alle Gegner in Europa als verhängnisvoll. Sadio Mané, Roberto Firmino und der alles überragende Mohamed Salah (44 Saisontore in allen Wettbewerben) sind in der Summe schlichtweg nicht zu verteidigen.

Dazu stürmen mit Andy Robertson und Trent-Alexander Arnold zwei junge, britische Aussenverteidiger die Linien entlang, die vor der Saison niemand ernsthaft in Verbindung mit europäischem Topfussball gebracht hätte.

Von der Strasse auf den Fussball-Thron: Mo Salahs weiter Weg

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Mohamed Salahs Geschichte ist ein echtes Fussballmärchen. Der Stürmer, der gerade mit dem FC Liverpool in der Champions League überzeugt, musste einen weiten Weg gehen, um dort hinzukommen, wo er jetzt ist.

Klopps Team schoss auf dem Weg nach Kiew inklusive Barrage gegen Hoffenheim 46 Tore – ein neuer Rekord – kassierte aber auch dreizehn Treffer. Die Alles-oder-Nichts-Spielweise ist, obwohl es sich zunächst paradox anhört, der Vernunft geschuldet. Liverpool kann mit seinem individuell eher unterdurchschnittlich besetzten Mittelfeld Spiele nicht kontrollieren, sondern zielt darauf ab, mit kurzen Angriffswellen die grösstmögliche Verwirrung zu stiften.

«Wir haben nichts zu verlieren, deswegen sollten wir jede Minute geniessen», hat Klopp vor dem Final gegen Real Madrid ausgegeben. Falls das gelingt, winkt dem Grossmeister des Underdog-Fussballs die Unsterblichkeit.