Liverpool
Liverpool steht finanziell am Abgrund

Der britische Traditionsverein ist miserabel in die Meisterschaft gestartet. Doch neben der sportlichen Misere kämpft Liverpool vor allem um das wirtschaftliche Überleben.

Stefan Baumgartner
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Sportlich ungenügend, finanziell am Abgrund

Sportlich ungenügend, finanziell am Abgrund

Als hätte das peinliche Out im Ligacup gegen das viertklassige Northampton vor gut zwei Wochen nicht als Blossstellung gereicht, lieferte der FC Liverpool am Wochenende den nächsten Beweis dafür, dass er derzeit völlig neben den Schuhen steht. Er verlor gegen Aufsteiger Blackpool nach einer weiteren indiskutablen Leistung 1:2. Die Zuschauer an der Anfield Road waren ausser sich, buhten ihr eigenes Team aus. Und die Fans auf der «Kop» schrien nach einem neuen (alten) Trainer.

Für den 63-jährigen Roy Hodgson war die Ernennung zum Manager des Traditionsvereins und Nachfol-ger von Rafael Benitez ein Karrieresprung. Es scheint aber, dass er die Hinterlassenschaft des Spaniers weder verwalten noch zu (neuem) Erfolg führen kann. Bislang erfolgreichster Wettbewerb ist die Europa League, in dem Liverpool nach zwei Partien ohne Niederlage die Rangliste seiner Gruppe anführt. In der Premier League laufen die «Reds» dem Erfolg seit der Gründung der Liga vor 18 Jahren hinterher; der letzte Meistertitel geht auf das Jahr 1990 und die Verdienste des damaligen Trainers Kenny Dalglish zurück.

Verärgerter Kop

Am Sonntagnachmittag um 16.49 Uhr Lokalzeit, wie der «Guardian» beim genauen Blick auf die Uhr festhielt, wurden die Rufe nach der lebenden Klub-Legende (sieben Meistertitel, fünf FA-Cup-Siege, drei Europacup-Triumphe) lauter denn je. «Dalglish, Dalglish» hallte es kurz vor Ende der 14. Partie unter Roy Hodgson von der «Kop»-Tribüne her durch die Anfield.

Nachdem Direktor Christian Purslow und Präsident Martin Broughton das Engagement des 59-jährigen Schotten im Sommer noch abgelehnt hatten, dürfte der ehemalige (Spieler-)Trainer mit der enormen Popularität spätestens in ein paar Wochen wieder zum Thema werden. Ausser es träte die sofortige sportliche Besserung ein. Nie seit 1953 ist Liverpool so schlecht in eine Saison gestartet.

Hodgson, dem in der zweiwöchigen Länderspielpause viel Arbeit bevorsteht, war nach dem 1:2 gegen Blackpool völlig ratlos. «Unsere letzten paar Resultate waren sehr, sehr schlecht. Derzeit sieht es düster aus», sagte Hodgson, der die Schuld nicht weiterreichte. «Ich bin als Trainer derjenige, der in der Verantwortung steht. Und ich habe es zu akzeptieren, dass ich die Zielscheibe für die Frustration der Fans bin. Aber ich glaube nicht, dass ich nach 35 Jahren im Geschäft seit Mai meine Fähigkeiten verlernt habe.» Im Frühling hatte es der ehemalige Schweizer Nationaltrainer mit Fulham in den Final der Europa League gebracht.

Stichtag 15. Oktober

Am 17. Oktober steht für Roy Hodgson, falls die Vereinsführung bis dahin an ihm festhält, im Stadtderby bei Everton die nächste Bewährungsprobe bevor. «Judgement Day», der Tag der Entscheidung, für den LFC ist aber bereits zwei Tage davor. Mitte Monat wird ein Darlehen von 237 Millionen Pfund an eine grosse britische Bank (Royal Bank of Scotland) fällig.

Den Kredit nahmen die bei den Fans verhassten und untereinander uneinigen amerikanischen Klubbesitzer George Gillett und Tom Hicks im Februar 2007 mit ihrer extra gegründeten Firma (Kop Football Holdings) auf, um den Verein zu kaufen.

Sollten Gillett und Hicks den Betrag nicht zurückzahlen (können), und darauf deutet derzeit einiges hin, ginge das massiv verschuldete Liverpool in den Besitz der zu 84 Prozent staatseigenen Grossbank über. Was wiederum zur Folge hätte, dass es wohl zu einem sofortigen Weiterverkauf käme. Von Sanktionen durch die Premier League bliebe der 18-fache Meister verschont. Laut Zeitungsberichten sieht die Liga den Verkauf des Vereins nicht als Insolvenzerklärung.

Die Fans wehren sich seit Wochen gegen die unliebsamen «Yankees». Nach dem Heimspiel gegen Sunderland am vorletzten Wochenende veranstalteten über 10000 Supporter im Stadion eine Sitzblockade, um gegen das US-Duo zu protestieren. Am Samstag liefen rund 7000 Personen mit Transparenten zum Stadion. «All we are saying is sell up and go!» (alles, was wir sagen wollen: verkauft und geht!) sangen die Fans zur Melodie von John Lennons «Give peace a chance».