EM 2016

«Lieber Xherdan, bitte lege gegen Polen deinen Zeigefinger auf die Lippen»

Xherdan Shaqiri brachte seine Kritiker an der WM 2014 mit drei Toren gegen Honduras zum Schweigen. Gelingt ihm dies nach langer Durststrecke gegen Polen?

Xherdan Shaqiri brachte seine Kritiker an der WM 2014 mit drei Toren gegen Honduras zum Schweigen. Gelingt ihm dies nach langer Durststrecke gegen Polen?

Lieber Xherdan

In den letzten Tagen haben wir wieder einmal etwas intensiver über dich nachgedacht. Bald ist es ja so weit, die Schweiz fordert Polen im EM-Achtelfinal. Endlich einmal an einem grossen Turnier in den Viertelfinal kommen, nie war die Chance grösser. Aber dafür brauchen wir dich. In Bestform.

Am Sonntag in Lille hast du uns zum Lachen gebracht. Wie du vor die Kameras getreten bist und über die vielen zerrissenen Schweizer Trikots gesagt hast: «Hoffentlich stellt Puma keine Kondome her.» Du hast ein bisschen gewirkt wie früher. Entspannt, fröhlich, voller Schalk, zufrieden mit dir und der Welt.

Am liebsten würden wir dich genau so auch auf dem Rasen sehen. Wie du wirbelst. Und die Gegner zur Verzweiflung bringst. Wie du Bälle ins Netz knallst. Und die Torhüter nur noch staunen. Es gibt nur ein Problem: Wer dich so sehen will, darf nicht ins Stadion. Der muss in die Tiefen des Internets vordringen. Es gibt einige hübsche Videos von dir und deinen Dribblings, von dir und deinen Toren. Wer dich auf diesen Bildern sieht, sieht einen Spieler, den es nicht mehr gibt.

17 Tore hast du geschossen für das Nationalteam. Einige sind schöner anzusehen als jedes Kunstwerk. Häufig ziehst du von der rechten Seite in die Mitte und zauberst den Ball ins hohe Eck. Natürlich haben wir uns auch das Spiel gegen Honduras an der letzten WM angeschaut. Drei Tore hast du erzielt beim 3:0. Die Schweiz damit in den Achtelfinal geschossen. Nach deinem ersten Streich bist du losgerannt und hast deinen Zeigefinger auf die Lippen gesetzt. «Euch Kritiker habe ich es gezeigt!», sollte die Geste bedeuten. Und wie du es uns gezeigt hast!

Gerade hast du aber eine ziemlich schwierige EM-Vorrunde hinter dir. Es ist dir kaum etwas gelungen. Du hast gewirkt wie ein «Schriftsteller mit Schreibstau», schrieb die «NZZ». Es scheint, als wärst du ein bisschen verkrampft auf der Suche nach deinem nächsten grossen Moment. Auch wir warten sehnlichst. Und tief in unserem Innern glauben wir ja daran, dass du ihn findest. Du warst doch schon immer jener Spieler, der im wichtigsten Moment da war, um die Partien zu entscheiden. Oder liegen uns da einfach deine Worte im Ohr?

Schauen wir auf die Statistik, die du gerne und oft betonst, um deine Leistungen zu untermauern. Von deinen 17 Treffern hast du je einen gegen England und Argentinien erzielt. Sonst hiessen die Gegner: Bulgarien, Albanien, Tunesien, Peru, Honduras, San Marino, Liechtenstein und Litauen. Das Tor gegen Litauen war dein bisher letztes für die Schweiz. Ein Jahr und neun Tage ist es her.

Vielleicht sind ja auch wir Medien ein bisschen schuld. Was haben wir immer geschrieben über dich! Der Shaqiri sei unverzichtbar, er sei der Einzige, der den Unterschied ausmachen könne, jeder Angriff laufe über ihn. Wir haben es so lange geschrieben, bis sich diese Zeilen vielleicht auch in deinem Kopf als Gesetz eingebrannt haben.

An dieser EM stellen wir gerade fest, wie sich dieses Schweizer Team ein bisschen von dir emanzipiert hat. Die Stars tragen plötzlich andere Namen. Granit Xhaka wird mit Lob überhäuft. Gut 50 Millionen Franken hat Arsenal für ihn bezahlt. Er, und nicht du, darf Mitglied im Captain-Team sein. Und Breel Embolo hat dich in Sachen Sympathiewerte bei den Fans ein bisschen in die zweite Reihe gedrängt. Er hat sogar ein Lied gekriegt, «Oh Embolo» singen jetzt alle. Wir hoffen inständig, dass dich das nicht zu sehr neidisch macht. Und zweifeln ein bisschen, wenn wir deinen Äusserungen zur Captain-Frage lauschen. Deinen Überlegungen, was denn wäre, wenn du plötzlich Captain des Kosovo werden könntest.

Warum aber ist es überhaupt so gekommen? Stellen wir eine einfache Frage: Wie wichtig ist der Fussball in deinem Imperium? Manchmal beschleicht einen das Gefühl, du bist ein bisschen Opfer deines eigenen Erfolgs. Dass du mittlerweile mehr Marke als Fussballer bist. Selbst hier an der EM begleitet dich ein eigener Kameramann auf Schritt und Tritt. Die Ergebnisse sind dann in deiner eigenen Shaqiri-App zu sehen. Dein Strahlen, wenn du von Girls zum Selfie gebeten wirst. Du plauderst darüber, momentan lieber mit den Jungs in den Ausgang zu gehen als eine Freundin zu haben. Blond oder brünett – das ist dir nicht so wichtig (untermauert mit heftigem Grinsen). Bleibt eigentlich nur noch die Frage: Warum gibt es noch kein Xherdan-Shaqiri-TV?

Lieber Xherdan, zwei Tage noch bis zum Achtelfinal gegen Polen. Viele Wünsche haben wir nicht. Vielleicht nur diesen einen: Lege während dem Spiel deinen Zeigefinger auf die Lippen und schau ganz böse. Es würde Gutes bedeuten.

Etienne Wuillemin

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