WM14
Kroatien-Trainer Kovac: «Wir können frei aufspielen»

Kroatiens Trainer Niko Kovac ist vor dem ersten Spiel der WM gegen Rekordweltmeister Brasilien guten Mutes und sieht es als grosse Ehre an, das Eröffnungsspiel bestreiten zu dürfen. Und er sagt auch, warum Kroatien für Furore sorgen kann.

Markus Brütsch, São Paulo
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Kroatiens Trainer Niko Kovac.

Kroatiens Trainer Niko Kovac.

Keystone

Herr Kovac, zittern Ihnen und Ihrer Mannschaft die Knie? Es gibt Einfacheres, als ein WM-Turnier auswärts beim Rekordweltmeister und Topfavoriten zu beginnen.

Niko Kovac: Wo denken Sie hin? Es ist für uns eine riesengrosse Ehre, dieses Eröffnungsspiel (Donnerstag, 22 Uhr) zu bestreiten. Das macht uns stolz. Wir können auf einer Weltbühne Reklame für das kleine Land Kroatien mit seinen viereinhalb Millionen Einwohnern machen. Viele hier wissen wohl nicht einmal, wo auf der Landkarte Kroatien liegt.

Aber Brasilien wird Gas geben ohne Ende.

Ich betrachte diese Konstellation aber auch als eine grosse Chance für uns. Obwohl die brasilianischen Spieler bei den besten Klubs auf der Welt engagiert sind, haben sie noch nie ein Spiel unter einem solch extrem hohen Druck gespielt, wie jenes von morgen gegen uns. Jeder hier erwartet, dass Brasilien Weltmeister wird. Das kann eine riesige Bürde sein, während wir frei aufspielen können und nichts zu verlieren haben.

Wie sind Sie denn mit dem aktuellen Formstand zufrieden?

In der zweiten Halbzeit haben wir gegen Australien gut gespielt. Obwohl Australien natürlich nicht Brasilien ist: Wir werden bereit sein für dieses Eröffnungsspiel. Wenn mein Team sein Potenzial ausschöpft, dann bin ich optimistisch, dass wir etwas erreichen. Dann wird Brasilien ein schweres Leben haben. Auch wenn wir den gesperrten Torjäger Mandzukic schmerzlich vermissen.

Warum kann Kroatien für Furore sorgen?

Wir haben eine Mannschaft von Topqualität mit genügend Erfahrung, die es für ein solches Turnier braucht. Wir haben eine gute Mischung zwischen Alt und Jung. Die Jungen bringen viel Energie und aufregendes Talent. Unsere Führungsspieler Srna, Modric, Olic, Mandzukic und gewiss auch Rakitic haben wichtige Rollen bei den wichtigsten Klubs und sind in unserer Mannschaft von starken Mitspielern umgeben. Wir wollen mindestens die Achtelfinals erreichen. Seit dem dritten Rang bei der WM 1998 hat Kroatien nicht mehr viel gerissen. Das wollen wir ändern und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber das wollen Kamerun, Mexiko und Brasilien natürlich auch.

Der «Schweizer» Ivan Rakitic soll gar zu Barcelona wechseln.

Ich muss nicht viel über seine Bedeutung für unser Team sagen. Er ist für uns ein absoluter Schlüsselspieler. Er spielt beim FC Sevilla in einem grossen Klub und ist selber zu einem grossen Spieler herangewachsen. Dazu ist er ein Topprofi und ein wertvoller Mensch und Leader. Über seine fussballerischen Qualitäten muss ich keine weiteren Worte verlieren. Es ist nicht verwunderlich, dass die besten europäischen Teams um ihn werben. Das sagt ja alles.

Worauf haben Sie in der Vorbereitung den Schwerpunkt gelegt?

Das Wichtigste überhaupt ist die Gesundheit und die Fitness der Spieler. Nach einer langen Saison sind sie müde gewesen und wir sind sehr vorsichtig mit der Belastung umgegangen. Wir haben die physische Verfassung jedes Einzelnen analysiert und ihm einen individuellen Trainingsplan geschneidert.

Aus Ihrer grossen Erfahrung als Spieler wissen Sie, wie wichtig der Teamspirit bei einem solchen Turnier ist.

Ganz klar. Daran haben wir auch sehr gezielt gearbeitet. Es ist eine grosse psychologische Herausforderung, die Spieler, die in ihren Klubs unter hohem Druck auf ein Ziel hingearbeitet haben, nun noch einmal auf ein neues Ziel hin zusammenzuschweissen. Und dies in möglichst kurzer Zeit. Ich habe den Eindruck, dass uns dies ganz gut gelungen ist. Jeder unserer Spieler ist stolz, das kroatische Trikot zu tragen. Ich bin ein Trainer, der an die Kraft des Teamgeistes glaubt.

Für welche Spielphilosophie stehen Sie?

Für mich steht die Mannschaft über allem. Kein Einzelner darf sich wichtiger nehmen als ein anderer. Jeder muss seinen Teil zum Erfolg beisteuern. Ein gutes Team tritt immer als Kollektiv auf, egal, ob in der Defensive oder in der Offensive. Ich verlange bei gegnerischem Ballbesitz Kompaktheit, aber ganz rasches Umschalten, wenn es in die andere Richtung geht.

Sie sind der Chef Ihres jüngeren Bruders, der Ihr Assistent ist.

Das bin ich, seit er auf die Welt gekommen ist. Nein, wir ergänzen uns perfekt und er macht mich immer wieder auf Dinge aufmerksam, die mir sonst vielleicht entgangen wären. Wir entscheiden die meisten Dinge gemeinsam.

Eine WM in Südamerika stellt eine zusätzliche Challenge dar.

Ich sage sogar, das wird ein grosses Abenteuer für die meisten europäischen Mannschaften, ausser jenen vielleicht, die beim Confedcup im letzten Jahr Erfahrungen sammeln konnten. Wir aber zum Beispiel sind solche Bedingungen überhaupt nicht gewohnt, wir können nicht wirklich sagen, was uns erwartet. Wir vertrauen unseren Spezialisten, dass sie uns gut beraten, was Impfungen und die Ernährung betrifft. Jedes Detail kann auf dem Platz die Differenz ausmachen. Unser Logistikteam sorgt dafür, dass alle unsere Reisen so speditiv wie möglich und ohne unnötigen Energieverlust ablaufen.

Welchen Fussball werden wir bei dieser WM zu sehen bekommen?

Das Klima wird einen entscheidenden Einfluss auf den Spielstil haben. Es ist ein Unterschied, ob man bei 80 oder 20 Prozent Luftfeuchtigkeit spielt. Die Qualität hängt davon ab, wie gut wir uns den Gegebenheiten anpassen können.

Kroatien hat sein Team Camp in Praia do Forte, Mata de São Joao, in der Region Salvador. Warum?

Wir sind glücklich mit unserem Quartier. Wir wollten nahe bei einem Flughafen sein und irgendwo zwischen unseren drei Spielorten São Paulo, Manaus und Recife. Auch das Klima spielte eine Rolle. Der Süden wäre uns zu kalt, der Norden zu heiss gewesen. Und natürlich wollten wir ein komfortables Quartier, wo sich die Spieler auch wirklich wohlfühlen. Wir sind eine lange Zeit beisammen und es ist wichtig, dass es Abwechslung gibt. Das alles haben wir gefunden.