Wochenkommentar
Korruption bei der Fifa: Das Phänomen Blatter

Blatter ist nicht Bundesrat, Kirchenratspräsident, Staatsschreiber oder Polizeikommandant - sondern der Präsident eines weltumspannenden Verbandes, in dem andere Regeln gelten. Ob uns das gefällt oder nicht, schreibt az-Chefredaktor Christian Dorer.

Christian Dorer
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FIFA-Präsident Blatter besänftigt die Bild-Leser.

FIFA-Präsident Blatter besänftigt die Bild-Leser.

Keystone

Dem Fifa-Präsidenten Sepp Blatter kann man zu Recht einiges vorwerfen. Zum Beispiel, dass er von Schmiergeldzahlungen wusste und sie nicht verhinderte. Dass er überfällige Ethik-Reformen viel zu lange nicht in Angriff nahm. Dass unter seiner Ägide der Ruf der Fifa so tief gesunken ist, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen mehr für Korruption als für Fussball steht.

Trotzdem erstaunt bisweilen, mit welcher Vehemenz sich Kritiker gerade in der Schweiz in Blatter verbeissen - so, wie das wohl in kaum einem anderen Land passieren würde, das den Präsidenten einer der weltweit mächtigsten Organisationen stellt. Würden dieselben Kritiker einen ausländischen Fifa-Chef ebenso hart in die Mangel nehmen?

Vom Kleinbetrieb zum Milliardenkonzern

Blatter ist ein Phänomen. Er hat die Fifa innert 37 Jahren vom Kleinbetrieb zum Milliardenkonzern aufgebaut. Er hat alle Machtkämpfe, Intrigen und Königsmord-Versuche überlebt. Und ja: Er hat die Stellung des Fussballs als wichtigste Nebensache der Welt gestärkt. Die WM ist ein professionell organisiertes globales Ereignis. Dieser Leistungsausweis rechtfertigt natürlich nicht alles. Aber es ist vergebene Mühe, wenn die Schweiz an den Fifa-Präsidenten dieselben moralischen Anforderungen stellt wie an unsere demokratisch gewählten Persönlichkeiten.

Blatter ist nicht Bundesrat, Kirchenratspräsident, Staatsschreiber oder Polizeikommandant - sondern der Präsident eines weltumspannenden Verbandes, in dem andere Regeln gelten. Ob uns das gefällt oder nicht.

Was Blatter in der Schweiz zusätzlich zum Hassobjekt macht: Er gebärdet sich total unschweizerisch. Wir lieben Führungspersönlichkeiten, die sich bescheiden, ja demütig geben. Die mit dem Tram zur Arbeit fahren und Swatch tragen. Die dienen und zurücktreten. Blatter ist das pure Gegenteil. Von seinen Mitarbeitern lässt er sich mit «Herr Präsident» ansprechen. Das sagt viel.

Blatter erinnert an Hoover

Blatter erinnert an J. Edgar Hoover, den legendären FBI-Chef, der den Dienst von 1924 bis 1972 führte. Er konnte sich bis zu seinem Tod im Amt halten, weil er über jeden, der ihm hätte gefährlich werden können, zu viel wusste. Blatter und Hoover: Beiden ging es nie um Reichtum, sondern um Macht - hätte Blatter sich persönlich schmieren lassen, wäre das wohl längst aufgeflogen. Beide hatten in ihrem Leben einzig ihre Arbeit - Blatter sagt das im «SonntagsBlick» erstaunlich ehrlich: «Ich habe keine Jacht, keinen Ferrari, keine Villa in der Karibik. Eine Frau habe ich auch nicht.»

Schadet Blatter der Schweiz? Primär ist es positiv, wenn ein Schweizer einen wichtigen Posten besetzt. Es wird dann zum Image-Problem, wenn alle über den «korrupten Schweizer Fifa-Präsidenten» reden. Blatter hat es bisher versäumt, Korruption auszumerzen. Weil bei ihm der Machterhalt an erster Stelle steht, und weil er zudem unter starkem Druck steht, ist ihm ein Sinneswandel zuzutrauen. Falls die Reform mit einer zweigeteilten, unabhängigen Ethikkommission tatsächlich gelingt, dann wäre das ein grosser Erfolg.

Sepp Blatter ist nicht sauber. Aber gewiss sauberer als die Funktionäre aus all jenen Ländern, in denen Korruption zum Alltag gehört. Und das sind leider die meisten.

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