jogi löw
«Klose erinnert mich an meine eigene Geschichte»

Der 50-jährige Joachim «Jogi» Löw hat eine atemberaubende Trainerkarriere hingelegt. Ausgangspunkt war die Schweiz, der Mentor Rolf Fringer. Frühere Weggefährten über die Fähigkeiten des deutschen Trainers Joachim Löw

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«Klose erinnert mich an meine eigene Geschichte»

«Klose erinnert mich an meine eigene Geschichte»

Markus Brütsch

Die Erfolgsgeschichte beginnt im «Kastanienbaum». Hier füllten sich Rolf Fringer, Jogi Löw, Axel Thoma und andere Spieler nach dem Morgentraining die Bäuche. Werner Vollmer, der Wirt dieser Schaffhauser Altstadtbeiz, sagt: «Fringer nahm Löw am ersten Tag mit zu uns. Jogi hat dann während dreier Jahre hier zu Mittag gegessen.»

Anfang der 90er-Jahre war Fringer Trainer des Nationalliga-B-Ligisten FC Schaffhausen, Löw sein spielmachender Captain und Thoma der Vollstrecker. Im «Kastanienbaum» wurde aber nicht nur gegessen, sondern auch diskutiert. Über Gott, die Welt und Fussball. Löw erinnert sich: «Fringers Art und Weise, das Spiel zu analysieren und seine Vorstellungen klar und deutlich zu vermitteln, das hat mich geprägt.» Fringer weiss von intensiven Gesprächen: «Jogi ist vom SC Freiburg zu uns gekommen. Es war die Zeit, als es in Deutschland nur das 3-5-2-System gab. Für ihn war unser 4-4-2 völliges Neuland. Aber er war extrem interessiert daran, es schnellstens zu begreifen.» Verteidiger Mirko Pavlicevic, der später mit Fringer zum FC Aarau wechselte und 1993 mit diesem Meister wurde, sagt: «Löw hat schon damals auf dem Platz wie ein Trainer gedacht und den jungen Spielern viel geholfen.»

Gedanken an die Zukunft

31 Jahre alt war Löw damals. Der gelernte Grosshandelskaufmann aus Schönau im Schwarzwald hatte begonnen, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. 52 Einsätze in der Bundesliga für Stuttgart, Frankfurt und Karlsruhe mochten eine schöne Erinnerung sein, leben liess sich davon nicht. Mit Thoma zusammen versuchte er sich im Verkauf von Krawatten und Werbeartikeln – mehr zum Zeitvertreib und mit mässigem Erfolg.

Die Zeit in Schaffhausen ist für Fringer, Löw und Thoma nicht in Minne zu Ende gegangen. Sie hatten sich mit Präsident Aniello Fontana verkracht. Die Episode, wie Fontana vor der Heimreise von einem Auswärtsspiel der Zutritt zum Mannschaftsbus verweigert wurde, ist in der Stadt legendär.

Und dann kam der FC Winterthur

Löw wechselte zum FC Winterthur. Einer seiner damaligen Teamkollegen war Giorgio Contini. Der heutige U21-Trainer des FC St.Gallen weiss viel zu berichten. Etwa die Geschichte vom Disput zwischen Trainer Wolfgang Frank und Löw. Der Captain hatte in der Kabine den Trainer verbal angegriffen. «Jogi hat dann schnell eingesehen, dass dies nicht geht. Tags darauf ist er vor die Mannschaft gestanden und hat sich entschuldigt», sagt Contini. «Ich denke, dies war für seine spätere Trainerkarriere eine wichtige Erfahrung.»

Löw ist danach Spielertrainer beim Erstligisten Frauenfeld geworden. Contini fällt eine Begebenheit ein, die vielleicht genügt, um Löws jetzigen Erfolg zu erklären. «Beim FC Winterthur wollten sie mich nicht mehr – ich sei zu schlecht! Löw nahm mich mit zum FC Frauenfeld und redete mich stark. Plötzlich war ich voller Selbstvertrauen – und gut! Wenn ich sehe, wie bei dieser WM Miroslav Klose aufblüht, kommt mir meine eigene Geschichte in den Sinn.» Für Contini sind dies Belege, welch grosser Menschenkenner Löw ist und was für eine enorme Sozialkompetenz ihn auszeichnet.

Es war auch die Zeit, als Löw seine Trainerausbildung vorantrieb. Instruktor Roland Frei hatte Löw in Magglingen unter seinen Fittichen. «Mir ist damals aufgefallen, wie wissbegierig er war», sagt Frei. Er hat Löw als flotten, smarten und korrekten jungen Mann in Erinnerung.
So, wie er später dann auch in Deutschland herüberkam: als «der nette Herr Löw».

Nett, freundlich, zuvorkommend, zurückhaltend und ohne Geltungsdrang – so ist Löw immer gewesen. So ist er auch heute noch. Dies gilt auch für seine Frau Daniela, eine ausgebildete Bankerin. Sie hat die Finanzen im Griff, aber nie das Bedürfnis, sich im öffentlichen Ruhm ihres Mannes zu sonnen. Dies in einer Zeit, wo dieser Millionen scheffelt und seine Position so wichtig ist, dass sich selbst Bundesinnenminister Thomas de Maizière bemüssigt fühlt, die Ausbootung von Thorsten Frings öffentlich zu kritisieren. Von Frings spricht niemand mehr. Auch Kevin Kuranyi ist kein Thema. Im Fall des verschmähten Torjägers hat Löw gezeigt, wie hart und unnachgiebig er in der Sache sein kann. «Er ist ein kompletter Trainer geworden, er zieht seine Sache durch», lobt Fringer.

Löw sitzt fester im Sattel denn je. Nach dem Zwist um Geld und Kompetenzen mit Verbandspräsident Theo Zwanziger haben die Siege in Südafrika Löw wieder in die Herzen der Deutschen gespielt. 92 Prozent wollen, dass ihr Jogi weitermacht. Doch dieser ziert sich. Wie damals, vor sieben Jahren, als FCZ-Sportchef Axel Thoma seinen Kumpel als Trainer nach Zürich lotsen wollte. «Jogi hoffte auf eine Rückkehr zum VfB», sagt Thoma. Lucien Favre erhielt danach den Zuschlag.

Löw weiss aber aus Erfahrung als Trainer des VfB Stuttgart, von Fenerbahce Istanbul, Adanaspor, Tirol Innsbruck (Meister 2002) und Austria Wien, wie schnell der Wind drehen kann. Mit dem VfB 1997 noch Cupsieger geworden, wurde er 1999 vom Karlsruher SC als Retter vor dem Abstieg in
die Regionalliga geholt. Nach
18 Spielen mit nur einem Sieg aber wurde er entlassen. Hautnah dabei war damals der Schweizer Stürmer Patrick De Napoli. «Löw hat mit dem KSC das nötige Glück gefehlt», sagt De Napoli. «Er hat taktisch hervorragend gearbeitet und mit uns Spielern viel gesprochen.» De Napoli, heute Trainer des Zweitligisten Baar, sagt: «Löw hat in jener Saison viel gelernt, vor allem im Umgang mit den Medien und Vereinsverantwortlichen. Jetzt erntet er die Früchte.» Hat dieser «nette Herr Löw» keine Schwächen? Hanspeter Macher, einst Teamkollege in Schaffhausen, schmunzelt: «Jogi ist ein Schwabe – ein wenig geizig eben. Ab und zu hat er gern eine Zigarette geraucht. Dass er sich selbst mal ein Päcklein gekauft hätte, ist nicht bekannt.»

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