Fussball
«Kindheitstraum wird wahr» – FCB-Stürmer Sio reist mit Elfenbeinküste an die WM

Giovanni Sio vom FC Basel wird mit der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste an der WM in Brasilien teilnehmen. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» spricht er über Fussballträume und -vorbilder.

Markus Brütsch
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Giovanni Sio (Nummer 21) und sein Vorbild Didier Drogba (links ) feiern die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Brasilien.Keystone

Giovanni Sio (Nummer 21) und sein Vorbild Didier Drogba (links ) feiern die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Brasilien.Keystone

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RESPECT! «L’Equipe» feiert mit grossen Buchstaben l’Equipe de France. Diese hat sich am Vorabend mit einem 3:0 über die Ukraine für die WM qualifiziert. Giovanni Sio greift sich die auf dem Tresen liegende Sportzeitung und sagt: «Frankreich hat brillant gespielt!»

Auch er hatte einmal davon geträumt, eines Tages für «Les Bleus» aufzulaufen. Für deren Nachwuchs hat er fast vierzig Länderspiele absolviert. Doch dann hat sich der in Frankreich geborene Doppelbürger entschieden, künftig das Trikot der Elfenbeinküste zu tragen und inzwischen fünf A-Länderspiele bestritten. Ein Tor ist dem 24-jährigen Stürmer des FC Basel dabei noch nicht gelungen, doch beim 1:1 am Samstag gegen Senegal hat er seinen Teil dazu beigetragen, dass die «Elefanten» auch 2014 in Brasilien mit dabei sind.

Giovanni, schildern Sie uns bitte die Schlussminuten dieses Barrage-Krimis von Casablanca.

Giovanni Sio: Senegal war stark und drängte auf das 2:0. Aber unser Goalie Boubacar Barry war fantastisch. Wir müssen uns bei ihm bedanken...

...und bei Senegals Cissé, der das 1:1 vergab. Aber dann kam Ihr Auftritt.

Na ja, ich eroberte im Mittelfeld einen Ball, spielte ihn zu Yaya Touré und dieser lancierte Salomon Kalou, der das 1:1 schoss und alle erlöste.

Sie sassen während 75 Minuten auf der Ersatzbank. Das muss die Hölle gewesen sein.

Es war purer Stress da draussen. Ich wollte doch der Mannschaft helfen. Als mich der Trainer dann endlich auf den Rasen schickte, war ich wie aufgedreht.

Und nach dem Spiel gab es dann vermutlich ein riesiges Fest.

Ja und nein. Nach unserer Rückkehr ins Hotel wurde zwar mit Musik etwas gefeiert, aber wir waren ja in Casablanca und viele unserer Mannschaft sind anderntags gar nicht erst in die Elfenbeinküste zurückgeflogen, sondern zu ihren Klubs in Europa. Aber klar, im Land selber sind die Menschen schon auf der Strasse gewesen, um den Erfolg zu bejubeln.

Wobei: Das ist ja fast schon Normalität. Die Elfenbeinküste ist zum dritten Mal in Folge bei der WM dabei.

Wir haben eine Mannschaft mit viel Qualität und grossen Spielern. Die «Elefanten» werden in ganz Afrika respektiert. Es wird von ihnen erwartet, dass sie sich jeweils für die WM qualifizieren. Das ist ganz einfach Pflicht.

Was gibt es über den hier nicht sonderlich bekannten Trainer Sabri Lamouchi zu sagen?

Er ist Franzose und hat lange in Frankreich gespielt. Als Trainer versteht er es, uns so heiss zu machen, dass wir in jedem Moment alles geben. Er hat viel dazu beigetragen, dass diese Mannschaft gereift ist. Aber vor allem gibt er auch uns Jungen eine Chance. Das ist sehr wichtig. Er spricht viel mit uns Spielern.

Sio und seine Konkurrenten

Mathis Bolly (Düsseldorf), Wilfried Bony (Swansea), Gohi Bi Cyriac (Anderlecht), Seydou Doumbia (ZSKA Moskau), Didier Drogba (Galatasaray), Gervinho (AS Roma), Salomon Kalou (Lille), Abdul Kader Kéita (vereinslos), Arouna Koné (Everton), Yannick Sagbo (Hull City), Lacina Traoré (Machatschkala), Max Gradel (AS St. Etienne), Kevin Zougoula (Dinamo Bukarest), Mamadou Bagayoko (Slovan Bratislava), Didier Ya Konan (Hannover 96).

Aber die Aufstellung macht dann vermutlich doch Didier Drogba...

Nein, überhaupt nicht! Klar wird Drogba von Lamouchi sehr respektiert, aber der Trainer hat schon seine eigenen Ansichten und Ideen. Drogba ist der Captain und natürlich ist seine Meinung wichtig. Für uns Junge ist er ein Vorbild. Von ihm können wir lernen, wie wir uns in der Offensive zu verhalten haben, und er findet immer die richtigen Worte. Die Aufstellung aber macht der Trainer.

Wo liegen die Stärken des Teams?

Jeder hat begriffen, dass wir nur über das Kollektiv Erfolg haben können. Früher hatte es zwar auch hervorragende Spieler im Team, Lamouchi aber hat es geschafft, dass sich alle unterordnen, ohne dabei ihre individuelle Klasse zu verlieren.

Die Mannschaft ist zudem ausserordentlich erfahren.

Viele Spieler wie Drogba, Yaya und Kolo Touré sowie Zokora haben extrem viel Erfahrung, das wird uns bei der WM zugute kommen. Es ist wichtig, dass wir Jungen die Ratschläge der Älteren annehmen.

Ist die Mannschaft nicht überaltert?

Unterschätzen Sie unsere Routiniers nicht! Diese wissen, dass die WM ihr letztes grosses Turnier ist. Sie werden alles geben – und von den Jüngeren wie Gervinho, Kalou, Diomandé und mir zu Bestleistungen getrieben.

Was liegt in Brasilien drin?

Das kann ich Ihnen erst nach der Gruppenauslosung am 6. Dezember sagen. Denn bei den letzten Turnieren haben wir eine sogenannte «Todesgruppe» erwischt. Aber natürlich kann es nur unser Ziel sein, erstmals die erste Runde zu überstehen.

Wie beurteilen Sie denn Ihre persönlichen Chancen auf ein WM-Aufgebot? Die Konkurrenz im Sturm ist mörderisch, wie diese Liste (siehe Box; die Red.) zeigt.

Wir haben ein gigantisches Offensivpotenzial. Ich bin stolz, ein Teil davon zu sein. In den letzten Monaten ist es gut für mich gelaufen. Ich werde alles daransetzen, dass sich mein Kindheitstraum erfüllt und mich der Coach nach Brasilien mitnimmt.

Wo es dann vielleicht zum Spiel gegen die Schweiz kommt.

Darüber haben wir soeben in der Kabine des FCB gesprochen. Geoffroy Serey Die und ich gegen Sommer, Schär, Stocker... Aber zuerst spielen wir jetzt einmal zusammen gegen Thun. Da müssen drei Punkte her. Die WM ist noch weit weg.