Fussball
Jörg Stiel auf der Suche nach Basels nächstem Yann Sommer

Zehn Jahre nach seinem Karriere-Ende hat ihn die Leidenschaft für den Fussball wieder gepackt. Seit dieser Saison trainiert der frühere Natigoalie Jörg Stiel Basels U21-Torhüter – mit viel Elan und einem wie Yann Sommer im Hinterkopf.

Andreas Fretz
Merken
Drucken
Teilen
Goalietrainer Jörg Stiel beim FCB U21
8 Bilder
Jörg Stiel im Training mit Dario Thürkauf.
Jörg Stiel im Training mit Dario Thürkauf.
Jörg Stiel im Training mit Dario Thürkauf.
Jörg Stiel im Training.
Jörg Stiel im Training mit Dario Thürkauf.
Jörg Stiel im Training mit Dario Thürkauf.
Jörg Stiel im Training.

Goalietrainer Jörg Stiel beim FCB U21

Nicole Nars-Zimmer

Der Wind trägt Jörg Stiels Stimme gut hörbar über den Nachwuchscampus. «Noch fünf Bälle», ruft er Dario Thürkauf zu und beginnt, Flanken mit ordentlich Drall in Richtung des Gehäuses zu schlagen. Ausgerechnet beim letzten Ball patzt Basels U18-Goalie, der regelmässig mit der U21 trainieren darf. Mit den Fingerspitzen lenkt er den Ball ins Tor statt über die Latte.

«So können wir nicht aufhören», findet Stiel, erklärt dem jungen Mann etwas von kleinen Schritten und veranschaulicht gestenreich das Übergreifen. Stiel drischt weiter Bälle, bis Thürkauf mit einem Erfolgserlebnis die Trainingseinheit abschliessen kann.

Stiels unendliche Zufriedenheit

Diese Erfolgserlebnisse seien wichtig, sagt Stiel hinterher. Nicht nur für seinen Schützling, auch für ihn selbst. «Immer, wenn ich vom Campus zum Parkhaus zurücklaufe, spüre ich eine unendliche Zufriedenheit in mir», sagt er.

Seit Beginn dieser Saison ist der 21-fache Nationaltorhüter Goalietrainer der Basler U21-Equipe. In einem 40-Prozent-Pensum absolviert er fünf Trainingseinheiten pro Woche und schaut an den Spieltagen seinen Goalies auf die Finger. Dieser Job beim FC Basel sei eine der besten Entscheidungen seines Lebens gewesen, sagt der Aargauer, der mittlerweile in Kloten lebt.

Dabei war er durchaus seines Glückes eigener Schmied. Auf eigene Initiative hat er sich beim FCB nach einer Aufgabe erkundigt. Dabei kam ihm auch die gemeinsame Vergangenheit mit dem Technischen Leiter der Nachwuchsabteilung, Massimo Ceccaroni, sowie dem Vizepräsidenten und Nachwuchsverantwortlichen Adrian Knup zugute.

Veränderung gesucht und gefunden

Nach seinem Karriereende 2004 bei Borussia Mönchengladbach hatte Stiel während einer Dekade mit dem aktiven Fussballgeschäft kaum noch etwas zu tun. «Ich wollte etwas in meinem Leben verändern, ich habe eine neue Herausforderung gesucht», sagt der 47-Jährige heute, und fügt an: «Die Leidenschaft für den Fussball wird man nicht los.»

Stiel ist auch als Geschäftsleitungs-Mitglied einer Firma für den Vertrieb von Ski- und Goaliehandschuhen zuständig. Als Goalietrainer verfügt er über das Diplom Niveau 2. Niveau 3 sollte nächstes Jahr folgen. Damit könnte er in jeder Liga arbeiten. Als potenziellen Konkurrenten von Massimo Colomba, dem Torhütertrainer der 1. Mannschaft, sieht er sich nicht. «In der Nachwuchs-Ausbildung bin ich am richtigen Ort», sagt Stiel.

Stiel attestiert Basel Bundesliga-Niveau

Für seinen neuen Arbeitgeber ist er voll des Lobes. «In der Super League gibt es neun Fussballvereine und nur ein Fussballunternehmen», sagt Stiel. Sein Blick schweift immer wieder über den grosszügigen Nachwuchscampus, dann sagt er: «Der FC Basel zeigt, wie man es machen muss. Was ich hier sehe und erlebe, hat Bundesliga-Niveau.»

Zufrieden sind auch die vier Torhüter, die von Stiel trainiert werden. «Ich habe mich gefreut, als ich hörte, dass er zu uns kommt», sagt Dario Thürkauf, «er war ganz oben, ist ein Vorbild für uns.» Trotz seines jungen Alters ist ihm die Laufbahn seines Trainers durchaus präsent. Thürkauf erinnert sich an die EM 2004 mit Stiel als Captain und an seine legendäre Kopfballabwehr im Spiel gegen Kroatien.

Beim Gedanken daran muss Thürkauf lachen, und auch bei Stiel ist ein Grinsen unter dem Käppi erkennbar. «Vor und nach dem Training ist er wie ein Kumpel», sagt Thürkauf, «aber während des Trainings ist er streng.»

Stiel ist es wichtig, dass er nicht zu sehr als Kumpel-Typ wahrgenommen wird. Der Spass sei zwar ein wichtiger Faktor im Training, der jedoch nur mit seriöser und harter Arbeit erreicht werden kann. Immerhin sei die U21 die letzte Stufe vor dem Profigeschäft, gibt Stiel zu bedenken. «Die Goalies müssen physisch, technisch, taktisch und mental bereit sein. Sie müssen sich früh daran gewöhnen, Druck auszuhalten.»

Langfristig eine Nummer 1 aus dem Nachwuchs

Das Ziel des FC Basel ist es, dass der Goalie Nummer 3 der 1. Mannschaft stets aus dem eigenen Nachwuchs stammt. «Mittelfristig soll auch die Nummer 2 aus dem Nachwuchs kommen», sagt Stiel, «und langfristig wäre es schön, auch die Nummer 1 aus dem eigenen Nachwuchs zu stellen.»

Einen, wie Yann Sommer also? «Yann Sommer ist eine absolute Ausnahme», sagt Stiel. Neben dem Training sei auch ganz viel Talent vonnöten. 80 Prozent harte Arbeit, 20 Prozent Talent, besagt eine Faustregel. Stiel zeichnet dabei für den schweisstreibenden Teil verantwortlich.

Das Training ist zu Ende. Zusammen mit Dario Thürkauf sammelt Stiel die herumliegenden Bälle ein. Dann macht er sich auf den Weg zu seinem Auto im Parkhaus. Zufrieden, das spürt man.