Rückblick 1994

Jordan Letschkovs Tor für die Ewigkeit

Jordan Letschkovs legendäres Tor gegen Deutschland

Jordan Letschkovs legendäres Tor gegen Deutschland

Bulgarien erlebte an der WM 1994 in den USA das mit Abstand erfolgreichste Turnier der Verbandsgeschichte. Zu den Protagonisten, die das Land auf Rang 4 führten, gehörte einer mit auffallend buschigen Augenbrauen und prägnanter Stirnglatze.

Jordan Letschkov stand vor 16 Jahren im Hamburger SV unter Vertrag. Bei den Norddeutschen gehörte er, je nach Sichtweise, zu den grössten Fehleinkäufen oder spektakulärsten Zuzügen der Klubhistorie, zu den Mitläufern oder zu den Aufmüpfigen. Fakt ist: Mit den Mitspielern und HSV-Trainern hatte er das Heu nicht auf der gleichen Bühne, dazu zog er sich den Ärger eines ganzen Landes auf sich. Benno Möhlmann, einst Vorgänger von Coach Felix Magath, sagte über Letschkov: "Der dachte nach seinem Tor, er wäre etwas Besonderes, was vor allem seine Mitspieler zu spüren bekamen."

Mit dem besagten Treffer, einem Hechtkopfball, brannte sich Letschkov einen Tag nach seinem 27. Geburtstag ins Gedächtnis der Fussballwelt ein. WM-Viertelfinal am 10. Juli 1994 zwischen Bulgarien und Deutschland im Giants Stadium in New York, es läuft die 79. Minute. Zlatko Jankov flankt in den Strafraum, wo es zum Kopfballduell zwischen Letschkov und dem 20 Zentimeter kleineren Thomas Hässler kommt. Der Bulgare antizipiert besser und köpfelt den Ball aus elf Metern zum 2:1 ein.

Der "glatzköpfige Adler", wie ihn die englische Zeitung "Daily Telegraph" nannte, stürzte Titelverteidiger Deutschland mit einem von nur fünf Toren im bulgarischen Nationaldress (in 45 Länderspielen) ins Elend und seine Heimat in den kollektiven Jubel. Zu seinen Ehren tourten in Sliven ein paar Hochzeitsmusiker mit dem improvisierten Song "Letschkov Kotscheck" durch die Stadt, später erhielt die musizierende Gruppe von Sinti und Roma dank dem Besungenen gar einen Plattenvertrag.

Dass der Lauf der Letschkov, Hristo Stoitschkov und Co. im Halbfinal von Italien (1:2) und im Spiel um Rang 3 von Schweden (0:4) abrupt gebremst wurde, war ihnen egal. Sie gaben sogar zu, ihr gutes Abschneiden in den USA (zu) ausgiebig gefeiert zu haben. Die Anrufe mit Morddrohungen, die deutsche Naziskins via HSV-Geschäftsstelle an Letschkov richteten, liessen den bulgarischen "Zauberer" mehr oder weniger kalt. Der Techniker mit dem exzellenten Spielverständnis wusste stets um seinen Wert und scherte sich einen Deut um die Meinung anderer. Nach zwei weiteren Jahren in Hamburg wechselte er zu Olympique Marseille, 1997 zu Besiktas Istanbul und nach einem weiteren unrühmlichen Abgang zurück zu seinem Heimatverein Sliven.

Dort ist Letschkov in verschiedenen Funktionen weiterhin tätig. Die Schlagzeilen, die über den Vizepräsidenten des bulgarischen Fussballverbands verfasst werden, sind aber längst nicht mehr positiver Natur. Erst neulich wurde er in seiner zweiten Periode als Bürgermeister der rund 100 000 Einwohner zählenden Stadt Sliven vorläufig seines Amtes enthoben.

Gegen den 42-jährigen Politiker laufen sieben Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft wirft dem gelernten Polymechaniker Amtsmissbrauch, unangemessene Ausgaben aus der Stadtkasse und Urkundenfälschung vor. Können die Vorwürfe belegt werden, wäre der Hotelbesitzer, Klubpräsident und Hauptsponsor des Erstligisten OFC Sliven eine weitere (sport-)politische Figur in Bulgarien von zweifelhaftem Ruf.

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