WM14
Jogi Löws Schweizer Intimus: «Wir sollten Europameister werden»

Der Basler Urs Siegenthaler ist als engster Berater von Trainer Jogi Löw mit Deutschland Weltmeister geworden. Als einer der ersten gratulierte ihm ein Trainer, der ihm «sehr nahe steht»: Ottmar Hitzfeld.

Markus Brütsch, Rio de Janeiro
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«Wir versuchen, auf dem Boden der Demut zu bleiben», sagt Urs Siegenthaler (66).

«Wir versuchen, auf dem Boden der Demut zu bleiben», sagt Urs Siegenthaler (66).

BR

Sie sind Weltmeister – haben Sie eigentlich in den letzten Jahren, Monaten und Wochen einmal versucht, sich vorzustellen, wie das sein könnte, am 13. Juli 2014 den Pokal in den Händen zu halten?

Urs Siegenthaler: Als ich am zweiten Mai meine Familie in Basel verliess, um ins Trainingslager einzurücken, hat mir meine 18-jährige Tochter Gloria sieben Brieflein mitgegeben. Ich durfte aber nur am jeweiligen Spieltag das entsprechende aufmachen und lesen. Da habe ich mir wohl schon mal vorgestellt, was im siebten drin stehen könnte.

Das, was am Sonntag passiert ist?

Genau das.

Können Sie schon ausdrücken, was Sie empfinden?

Nein, das kann ich nicht. Wenige in unserem Umfeld können dies. Einordnen und geniessen, das geht noch nicht. Es sind zu viele Gefühle, die aufeinandertreffen. Zu viele Ängste, die wir gehabt haben. Und jetzt ist plötzlich Tatsache: Wir sind Weltmeister. Nun versuchen wir, auf dem Boden der Demut zu bleiben.

Sie sprechen von Ängsten.

Ich glaube grundsätzlich, dass Erfolg planbar ist. Aber im Sport gibt es immer noch das Quäntchen der Unwägbarkeit. Ein Schiedsrichterentscheid, eine Platzunebenheit – das ist nicht auszuschliessen, und davor hat man etwas Angst.

Und vielleicht auch noch vor Lionel Messi, als dieser in der Schlussminute einen Freistoss treten konnte. Sie sassen auf der Trainerbank und dachten, ...

... dass Messi bei dieser WM nicht besonders gut gewesen ist. Und der liebe Gott es jetzt doch wohl nicht zulässt, dass er noch den Ausgleich schiesst.

Wie haben Sie dann den Abpfiff erlebt?

Ich habe eine tiefe Befriedigung verspürt. Darüber, dass ich mich seit zehn Jahren für einen Weg eingesetzt habe, von dem Jogi Löw und ich überzeugt waren, er sei der richtige und führe irgendwann zum Ziel. Und als der Schiedsrichter dann abpfiff, dachte ich: Ja, wir sind mit unserer Vision nicht gross danebengelegen.

Was ist danach abgegangen?

In der Kabine war der Teufel los. Zurück im Hotel war dann natürlich Party. Wir waren mit unseren Familien da, aber um zwei Uhr hat mir die Vernunft gesagt, es sei Zeit, ins Zimmer zu gehen.

Wer hat Ihnen gratuliert?

Viele. Ein Trainer, der mir sehr nahe-steht (Ottmar Hitzfeld; die Red.) hat mir geschrieben, wie sehr er mir diesen Titel gönnt und wie ich damit eine wunderbare Karriere gekrönt habe.

Was war im Endspiel der Schlüssel zum Erfolg?

Dass wir unserem Spiel treu geblieben sind. Das war in den letzten zehn Tagen unsere Botschaft ans Team: Bleibt eurem Spiel treu. Man hat bei Belgien und Holland gesehen, was passiert, wenn man seinen Stil verliert. Belgien hat eine Offensive, die ihresgleichen sucht, hat aber plötzlich nur noch lange Bälle gespielt. Auch Holland hat nicht mehr das Spiel gespielt, das es stark gemacht hat.

Sie haben als Chefscout Ihren Anteil am Titelgewinn. Haben die Argentinier so gespielt, wie Sie es erwartet und mit Cheftrainer Jogi Löw besprochen haben?

Ja, die Argentinier können gar nicht anders. Das hat eine gewisse Tragik. Sie spielten auf Konter, warteten auf unsere Fehler. Dabei hätten sie doch solche Qualitäten, mit Messi, Di María, Lavezzi, Agüero und Higuaín. Aber der Trainer stellte elf Mann nach hinten ...

Wie schwierig war es, so kurz vor dem Spiel den Ausfall Sami Khediras zu managen?

Dieser Ausfall hat uns getroffen. Seine Power im Mittelfeld ging uns verloren. Aber wir sagten uns: Es sind mit Reus, Gündogan und Badstuber schon so viele ausgefallen, jetzt müssen wir halt auch das noch kompensieren. Es ist auch eine Stärke von Jogi Löw: Er jammert nie.

Deutschland hat als erste nichteuropäische Mannschaft eine WM in Südamerika gewonnen. Was macht sie so stark?

Vor einem Jahr habe ich Löw vom Confed Cup in Brasilien geschrieben: Wir sind aufgefordert, mit der Zeit zu gehen und eine Idee auf die Seite zu legen. Ich wollte sagen, dass es in Brasilien andere Wertigkeiten sind, die ein Fussballer mitbringen muss. Dass man diese WM nur mit elf Männern und nicht allein mit elf guten Fussballern gewinnen kann.

Sie meinen die berühmten deutschen Tugenden?

Nein, die kennen wir nicht mehr. Ich meinte, dass man nur Weltmeister werden kann, wenn man eine Idee und gleichzeitig eine Mentalität hat. Ich sagte Löw, dass wir zwar eine überragend gute Spielidee hätten, sein Team aber keine Mentalität. Er habe sie dem Team genommen. Einige Ehemalige haben uns vorgeworfen, wir könnten nicht grätschen, nicht saufen und nicht auf die Pauke hauen. Diese Eigenschaften hat Löw der Mannschaft in den letzten zehn Jahren mehr und mehr genommen – zum Positiven! Mit Typen, die nur dreinhauen, kann man keine WM mehr gewinnen. Aber natürlich brauchten wir eine Mentalität. Diese haben wir uns in einem Camp in Brasilien erarbeitet. Dieses unabdingbare Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Antwort auf die Frage: Wofür stehen wir ein? Wir nahmen wichtige Spieler wie Lahm und Mertesacker an Bord und in die Verantwortung. Wir wurden zu einem Team.

Wie hat man es in den vergangenen zehn Jahren geschafft, von einer spielerisch biederen Mannschaft zur besten zu werden?

Gestern hat mich Löw daran erinnert, was ich ihm 2004 gesagt hatte. Nämlich, dass die deutsche Mannschaft nur quer spiele. In dieser Zeit ist die Vision entstanden, wie wir in zehn Jahren spielen würden. Löw hat das gegen alle Kritik durchgezogen.

Und beim 7:1 gegen Brasilien die grösstmögliche Belohnung erfahren.

Ich relativiere es: Brasilien hat nur vom Namen gelebt. Wir haben unser Glück in der Offensive gesucht. Das hat die Mannschaft grossartig umgesetzt. Wir hätten ja ein Stängeli schaffen können.

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

Ich denke, dass Löw sicher den Bedarf hat, ein oder zwei Dinge zu klären. Zum Beispiel die Disharmonie mit der Presse. Wir haben beide einen Vertrag. Löw hat mir gesagt: Urs, lass mich machen, wir bleiben zusammen. Das könnte aber auch bei einem Klub sein.

Sie versuchen ihn jedoch, zum Weitermachen zu bewegen?

Wir sollten noch ein anderes Ziel haben: Europameister werden.