Schmid-Bechtel: Ist der WM-Achtelfinal das Minimalziel für die Schweiz?

Wuillemin: Ja, definitiv. Eine andere Zielsetzung darf man sich nicht erlauben. Wir sind so weit, um zu sagen: Serbien muss uns erst einmal schlagen.

Wendel: Die Schweizer können froh sein, wenn sie die Gruppe überstehen. Einerseits wegen der Stärke der Gegner: Über Brasilien brauchen wir nicht zu reden, Serbien und Costa Rica schätze ich als ebenbürtig ein. Andererseits wegen des Spielplans: Die Brasilianer sind in Topform und brennen vier Jahre nach der 1:7-Blamage gegen Deutschland auf Wiedergutmachung. Die Schweiz hat das schwierigste Startspiel überhaupt.

Kuchta: Ich befürchte das böse Erwachen. Die Schweizer haben jahrelang von guten Auslosungen profitiert. Dieses Glück ist aufgebraucht.

Hähni: Nicht so negativ. Die Schweiz sieht gegen grosse Mannschaften oft gut aus. Sie werden gegen Brasilien Selbstvertrauen tanken.

Kuchta: Selbstvertrauen in Ehren, der Grat zur Selbstüberschätzung ist bei den Schweizer Spielern schmal.

Wendel: Die letzten Spiele an den Endrunden gegen Polen (EM 2016) oder gegen Argentinien (WM 2014) werden als grosse Heldentaten dargestellt. Aber: Die Schweiz ist beide Male ausgeschieden! Obwohl Shaqiri gegen Polen das schönste Nati-Goal aller Zeiten geschossen hat. Er sagt, er träume noch heute davon. Das ist die falsche Einstellung, um dieses Mal weiterzukommen als in den Achtelfinal.

Wuillemin: Die Schweiz hat einen grossen Vorteil gegenüber Serbien und Costa Rica: Die Spieler sind nicht nur talentiert, sondern auch turniererfahren. Das wird in den Direktduellen viel ausmachen.

Wendel: Ich hoffe, dass du recht hast. Aber was mich auch zweifeln lässt, ist die Harmonie im Schweizer Team: Das Aufgebot von Petkovic hat null Würze. Es gibt keinen Konkurrenzkampf. Die Ersatzspieler fühlen sich in ihrer Rolle wohl. Mir ist das zu viel Schuelreisli-Flair.

Wuillemin: Stimmt.

Schmid-Bechtel: In Serbien und Costa Rica tönt es wie bei uns: Brasilien ist die unangefochtene Nummer 1 in der Gruppe, aber dann kommen sie selber.

Kuchta: Für die ist die Schweiz ein Traumlos.

Schmid-Bechtel: Im Unterschied zur Schweiz haben Serbien und Costa Rica mindestens je einen Spieler, der zur Weltklasse gehört.

Wuillemin: Bei der Schweiz sind der Goalie und die Abwehr Weltklasse.

Kuchta: Ist die Schweizer Abwehr Weltklasse? Für mich ist sie Durchschnitt.

Wendel: Und wer soll für die Schweiz die Tore erzielen?

Wuillemin: Vor Spielen gegen Brasilien oder Deutschland ist das die richtige Frage. Aber gegen Serbien und Costa Rica heisst es: Wer soll gegen uns ein Tor machen?

Schmid-Bechtel: Wer wird Weltmeister? Können wir einen Haken machen unter «nicht die Schweiz»?

Kuchta: Ja.

Schmid-Bechtel: Auch Du, Etienne?

Neymar – wird der Brasilianer zum Star der WM?

Neymar – wird der Brasilianer zum Star der WM?

Wuillemin: Auch ich.

Wendel: Ein so langes Turnier mit so vielen Spielen gewinnt am Ende ein Grosser – Brasilien oder Deutschland.

Kuchta: Ich sage Belgien.

Schmid-Bechtel: Ausgerechnet du, der die nächsten vier Wochen im Deutschland-Trikot herumlaufen wird, tippst auf Belgien.

Kuchta: Die haben Hunger, Titelhunger. Und Deutschland hat Probleme. Die sind satt, als amtierender Weltmeister ist das einfach so.

Wendel: Das Krisenmanagement nach dem Erdogan-Foto von Özil und Gündogan war schlecht. Aber nun wird die Mannschaft eine «Jetzt-erst-recht»-Mentalität bilden und weit kommen.

Wuillemin: Ich tippe auf Brasilien. Obwohl ich mir nichts Schlimmeres vorstellen kann als einen Weltmeister Brasilien. Aber ihr wichtigster Spieler Neymar hat im Gegensatz zu den anderen Topstars zuletzt pausiert und ist erholt. Und er hat nicht mehr wie 2014 den Druck, die Spiele im Alleingang gewinnen zu müssen.

Kuchta: Neymar kann kicken, aber er ist mir zu zerbrechlich. Er wird sich wohl wieder verletzen und dann beginnt das Wehklagen der Brasilianer von Neuem.

Hähni: Wir haben bislang nur über die Grossen gesprochen. Es wird sicher wieder einen Aussenseiter geben, der weit kommt. Ich sage Mexiko. Die haben den WM-Titel als Ziel formuliert.

Kuchta: Niemals. Ich tippe auf rein europäische Halbfinals. Belgien, Spanien, Deutschland und Frankreich.

"Shaqiri, please, Shaqiri" - Viel Trubel am ersten Training der Nati

"Shaqiri, please, Shaqiri" - Viel Trubel am ersten Training der Nati

  

Schmid-Bechtel: Es führt kein Weg an Brasilien vorbei.

Wuillemin: Vergesst mir die Franzosen nicht. Die sind nach Brasilien mein zweiter Tipp. Wenn man schaut, wen die alles zu Hause gelassen haben, dann muss der Trainer sehr überzeugt sein von seiner Mannschaft.

Schmid-Bechtel: Und die Spanier sind – trotz Trainerkrise – natürlich auch zu erwähnen. Was mir fehlt: Wir haben nicht über England gesprochen. Ich wünschte mir, England kommt zumindest in den Final. Alleine deswegen, um zu erfahren, ob Teresa May an ihrem Boykott gegenüber Russland festhalten wird. Ich bezweifle, dass die englische Regierung von der schlechtesten und blödesten WM aller Zeiten spricht, wenn ihr Team Weltmeister wird.

Kuchta: Der Haken an der Sache: England wird nicht Weltmeister.

Wuillemin: Gut möglich, dass die Mannschaft ausgerechnet jetzt aufblüht, wenn niemand etwas von ihr erwartet. Ich habe England als positive Überraschung auf der Rechnung. Und dieses Mal wird es nicht passieren, dass sie von einem Tor gestoppt werden, das nicht zählt. 2010 wäre das grosse Jahr der Engländer gewesen und ein eklatanter Fehlentscheid hat das damals verhindert. Ich bin froh, dass das dieses Jahr nicht passieren kann.

Kuchta: Ich erinnere mich daran, dass England 1966 Weltmeister geworden ist durch ein Tor, das keines war.

Schmid-Bechtel: Was ist besser, Videobeweis oder kein Videobeweis?

Wuillemin: Mir ist egal, wer davon profitiert und wer nicht. Ich bin einfach froh darüber, dass es keine Schwalbenpenaltys mehr geben wird.

Hähni: Ich als Mexikanerin erinnere mich mit Grauen an den fliegenden Robben 2014.

Wuillemin: Der Fussball wird dank dem Videobeweis gerechter.

Im Fokus – der Schiedsrichter mit Videobeweis.

Im Fokus – der Schiedsrichter mit Videobeweis.

Schmid-Bechtel: Ich glaube einfach nicht, dass der Videobeweis jeden Fehler ausmerzen kann.

Kuchta: Das darfst Du auch nicht erwarten. Die eklatantesten Fehler werden eliminiert. Das ist das Wichtigste.

Wuillemin: Was ich nie mehr hören will: Der Stürmer könne nicht mehr mit echter Freude jubeln nach einem Tor. Stellt euch vor, die Schweiz kommt tatsächlich in den Viertelfinal, dann ist es mir egal, wenn der Jubel über das Tor von Seferovic erst verzögert stattfindet.

Kuchta: Und was, wenn das Tor nur wegen technischer Hilfsmittel aberkannt wird?

Wuillemin: Dann bin ich Sportsmann genug, um zu sagen: gerecht!

Wendel: Ich verfolge die Bundesliga intensiv, dort ist der Videobeweis seit einem Jahr Standard. Ich war anfangs neutral, aber nun, nach einer Saison, bin ich für die Abschaffung. Der Videobeweis nimmt dem Spiel die Essenz, den Fluss und es ist vor allem inkonsequent. Wenn das Spiel dadurch nicht 100 Prozent gerecht wird, braucht es den Videobeweis nicht.

Schmid-Bechtel: Ich weiss gerne, wer für die Entscheidungen verantwortlich ist. Auf dem Platz sehe ich den Schiedsrichter, aber im Ohr hat er mehrere Einflüsterer. Natürlich ist es hart für den Schiedsrichter, wenn er einen falsch pfeift und die ganze Welt schaut zu. Aber das ist Teil des Spiels.

Wendel: Der Schiedsrichter wird geschwächt. Es ist menschlich, im Wissen um den Videobeweis zu denken: «Ich entscheide jetzt mal so, wenn es falsch ist, dann wird es ja korrigiert.» Und das darf nicht sein.

Kuchta: Es ist WM! Jeder Quadratmeter des Spielfeldes wird mit Kameras abgedeckt sein. Aus allen Winkeln, mit tausend Wiederholungen, die der Schiedsrichter nicht zur Verfügung hat.

Wuillemin: Ein einziger Mensch auf der ganzen Welt sieht die Szene nur einmal und in rasendem Tempo. Und der soll entscheiden? Während es alle Zuschauer Sekunden später besser wissen. Das macht keinen Sinn.

Der Schweizer Fifa-Schiedsrichter-Boss Massimo Busacca ist davon überzeugt, dass der Videobeweis dem Fussball nur helfen kann.

Der Schweizer Fifa-Schiedsrichter-Boss Massimo Busacca ist davon überzeugt, dass der Videobeweis dem Fussball nur helfen kann.

Wendel: So ist der Fussball. In der 5. Liga gibt es auch keinen Videobeweis. Auf dem Platz soll der Fussball gleich sein – egal, auf welchem Niveau.

Kuchta: Aber du kannst nicht die 5. Liga mit der WM vergleichen, jetzt wird es endgültig lächerlich.

Wendel: Aber Diskussionen gibt es nach unklaren Entscheidungen auch in der 5. Liga. Wer an einem Fussballspiel teilnimmt, muss die Bedingungen akzeptieren, egal, um wie viel Geld es geht und wie viele Menschen zuschauen.

Kuchta: Das ist jetzt eine arg romantische Vorstellung.

Wendel: Mag sein, aber ich will mir im Fussball ein wenig Romantik behalten.

Kuchta: Fehler werden ja bleiben.

Wendel: Warum dann etwas einsetzen, wenn es nicht zu 100 Prozent funktioniert? Ich weigere mich, nach Videobeweis-Entscheidungen Diskussionen zu führen, obwohl es dadurch ja gerade keine Diskussionen mehr geben sollte. Das ist absurd.

Schmid-Bechtel: Es ist auch nicht authentisch. Man darf die normale Spielgeschwindigkeit nicht mit der Zeitlupe vergleichen. In Normal-Geschwindigkeit wird alles anders wahrgenommen.

Wuillemin: Am Schluss entscheidet immer der Schiedsrichter und nicht der Schiedsrichter im Videoraum.

Schmid-Bechtel: Vorschlag: Wir ziehen den Schiedsrichter vom Feld ab und setzen auf Selbstregulierung.