François Schmid-Bechtel

Viel ist Benjamin Huggel in diesem Spiel nicht gelungen. Zu tief die Quote der gewonnenen Zweikämpfe, zu hoch die Quote der Fehlpässe. Doch Huggel kämpft, rackert. Geht doch noch was? 90 Minuten rennen die Schweizer den Chilenen mehrheitlich hinterher. 90 Minuten lang gelingt kaum eine Offensiv-Aktion. Vieles bleibt Stückwerk. Eine Abwehrschlacht. Wie gegen Spanien. Mit dem Unterschied, dass die Schweiz nach einem unnötigen, aber harmlosen Griff von Behrami ins Gesicht von Vidal dezimiert ist.

Und zwar schon seit der 31. Minute. Es ist nicht die einzige Szene, in der Schiedsrichter Khalil Ibrahim Al Ghamdi für Unverständnis sorgt. Der Mann aus Saudi-Arabien pfeift derart kleinlich, dass gar nie ein Spielfluss aufkommen kann. Behramis Aktion mit einem Platzverweis zu bestrafen – notabene die erste rote Karte in einem WM-Spiel gegen einen Schweizer –, ist ein schlechter Witz. Doch Behrami muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sein Spiel nicht der Linie Al Ghamdis angepasst zu haben.

Derdiyoks verpasste Chance

Zurück zur 90. Minute. Endlich gewinnt Huggel mal einen entscheidende Zweikampf. Er nimmt dem chilenischen Verteidiger Medel tief in der gegnerischen Hälfte den Ball ab. Endlich bietet sich der Schweiz eine aussichtsreiche Situation. Optimismus kehrt zurück. Huggel spielt steil auf Ziegler. Dieser passt quer in den Strafraum. Bunjaku verlängert brillant mit der Hacke. Derdiyok zieht direkt ab. Neiiiin! Der Ball zischt am Tor vorbei. Es ist und bleibt die einzige Offensivaktion der Schweizer mit Torgefahr.

Was nur bedingt mit dem Platzverweis gegen Behrami erklärt werden kann. Dem Team von Ottmar Hitzfeld fehlt auch während der ersten halben Stunde, bei nummerischem Gleichstand, die Präzision im Passspiel. Einzig Inler kann im Mittelfeld zuweilen den Ball halten. Ansonsten ist kaum einer dazu in der Lage für konstruktive Ansätze. Die Abwehr um den starken Grichting leidet unter der fehlenden Entlastung und steht von Beginn weg unter Dauerdruck.

Zwingend waren die Aktionen der Chilenen zwar selten. Und wenn sie doch mal zum Abschluss kamen, war Keeper Diego Benaglio wie schon beim 1:0 gegen Spanien ein Rückhalt von Weltklasseformat. Seinen Paraden ist es zu verdanken, dass die Schweiz einen neuen Weltrekord aufgestellt hat. Sie hat Italien (550 Minuten) als Team mit der längsten Phase ohne WM-Gegentreffer überholt und führt diese Statistik nun mit 559 Minuten an. Doch in der Szene, die zum Gegentreffer führte, muss sich auch Benaglio einen Vorwurf gefallen lassen. Valdivia lanciert mit einem perfekten Steilpass den an der Offsidelinie startenden Paredes.

Benaglio zögert beim Herauslaufen, wohl mit den Bedenken im Hinterkopf, dass Al Ghamdi das Talent hat, Fouls zu erfinden. Benaglio zögert, kann Paredes nur leicht abdrängen. Doch dessen Flanke verwertet Gonzalez per Kopf zum Siegtreffer.

Alex Frei muss sich steigern

Ottmar Hitzfeld hat Derdiyok und Barnetta für die genesenen Frei und Behrami geopfert, was sich nicht ausbezahlt hat. Behramis missratener Auftritt gipfelte in einer roten Karte. Frei konnte keine Akzente setzen. Weder gelang es ihm, den Ball zu halten. Noch konnte er sich bis zu seiner taktisch bedingten Auswechslung kurz vor der Pause je in Szene setzen. Gegen Honduras wird Behrami jedenfalls gesperrt sein. Frei indes muss sich für das letzte Gruppenspiel gewaltig steigern.

Denn für einmal ist die Schweiz nicht Aussenseiter, sondern Favorit. Gegen Honduras reicht es nicht, nur hinten reinzustehen und auf Konter zu lauern. Denn es ist nicht davon auszugehen, dass die Mittelamerikaner den Schweizern den Gefallen tun, die Partie bestimmen zu wollen. Und so, wie die Schweiz an dieser WM bisher aufgetreten ist, fällt die Vorstellung einer offensiv eingestellten Schweizer Mannschaft schwer. Denn die Rolle der Besatzungsmacht liegt dem Team von Ottmar Hitzfeld nicht. Ihr Reich ist das Réduit. Um dieses zu verteidigen, braucht es keine individuelle Extraklasse.