Ein zweifelhafter Penaltypfiff in der 93. Minute bugsierte die Turiner aus dem Wettbewerb. Nun wittern sie in Italien eine Verschwörung.

Noch nie hatte ein Team in der Champions League einen Vorsprung von drei Toren aus dem Hinspiel vor eigenem Publikum verspielt. Am Mittwoch drohte diese Premiere ausgerechnet Real Madrid, dem Rekordsieger und Titelverteidiger. Doch in der Nachspielzeit gab es einen Penalty für Real, und Cristiano Ronaldo rettete sein Team gegen Juventus Turin mit dem Tor zum 1:3 vor der Verlängerung und vielleicht auch vor der Blamage. Auch im zehnten Spiel in dieser Champions League schoss der Weltfussballer ein Tor.

So weit die Fakten. Doch ad acta gelegt ist dieser Viertelfinal noch lange nicht. Das Ende wird lange nachhallen. Weil die Entscheidung durch einen höchst umstrittenen Penalty fiel, gepfiffen vom relativ unerfahrenen, 33-jährigen englischen Schiedsrichter Michael Oliver, gibt es Stoff für grundsätzliche Diskussionen. Das Fehlen des Videobeweises im Europacup wird zum Thema. Die Qualität der Schiedsrichter ebenfalls. Gleich wie das fast schon chronische (Schiedsrichter-)Glück von Real Madrid. Es geht um unschöne Ausdrücke wie Mafia, Unmenschen und Killer.

Buffons Brandrede am TV

Einer der ersten, der das Wort am späten Madrider Abend ergriffen hat, war der Juventus-Goalie Gigi Buffon. Im Interview mit dem italienischen TV-Sender "Canale 5" hielt er wenig von Diplomatie. "Wenn der Schiedsrichter nicht den Mut und den Charakter hat für ein solches Spiel, soll er mit Frau und Kindern auf die Tribüne sitzen, Pommes-Frites essen und Sprite trinken." Buffon wurde in der Nachspielzeit nach dem Foul von Mehdi Benatia an Lucas Vazquez wegen Reklamierens vom Platz gestellt.

Es war ein unschönes Ende in Buffons letzten Champions-League-Spiel. Buffon, 40 Jahre alt, wird im Sommer zurücktreten. Trotz drei Final-Teilnahmen und 17 Jahren bei Juventus Turin wird er es nicht geschafft haben, die Champions League zu gewinnen. In seiner letzten Saison erlebte Buffon grosse Enttäuschungen. Mit Italien verpasste er die Qualifikation für die WM, mit Juventus schied er dramatisch aus der Champions League aus. Dass er in ein paar Wochen wohl seinen neunten Meistertitel gewinnen wird, ist da nur ein schwacher Trost.

"Es geht nicht um mich. Es geht darum, dass der Schiedsrichter in der letzten Minute vor der Verlängerung einen sehr zweifelhaften Penalty pfeift. In dieser Situation muss das Foul ganz klar sein. Sonst macht der Schiedsrichter die Arbeit und den Traum einer ganzen Mannschaft mutwillig zunichte", so Buffon. Und dann holte er noch aus zur ultimativen Abrechnung mit dem Schiedsrichter. "Er ist kein Mensch, sondern ein Killer. Wo ein Herz sein sollte, hat er einen Mülleimer."

Italiener fordern Videobeweis

In Italien stellen sie die Ereignisse von Madrid in einen grösseren Zusammenhang. Die Benachteiligung durch die Schiedsrichter in dieser Europacup-Saison ist derart offensichtlich, dass sie in den Augen der Italiener schon fast System zu haben scheint. Das ist für sie umso unverständlicher, weil der Schiedsrichter-Chef der UEFA, Pierluigi Collina, ein früherer italienischer Spitzenschiedsricher ist.

Im Hinspiel gegen Real wurde Juventus ein klarer Penalty verweigert. Milans Aufholjagd in der Europa League gegen Arsenal wurde vom Schiedsrichter mit zwei krassen Fehlentscheiden gestoppt. Die AS Roma hätte gegen Barcelona im Auswärtsspiel mindestens einen Penalty erhalten müssen. Lazio Rom in der Europa League gegen Dynamo Kiew ebenfalls. "Egal ob bei Milan, Roma, Lazio oder bei uns: Alle diese Fehler hätten vermieden werden können, wenn auch die UEFA bei ihren Wettbewerben den Videobeweis einführen würde", sagte Juventus-Präsident Andrea Agnelli.

Der Videobeweis ist umstritten. Doch vor wenigen Tagen hat der FIFA-Vize-Generalsekretär und ehemalige Mittelfeldstar Zvonimir Boban über eine Untersuchung des Weltverbandes gesprochen. "Früher gab es einen klaren Schiedsrichter-Fehler in jedem dritten Spiel, nun ist es dank dem Videobeweis nur noch einer in jedem 19. Spiel." Die FIFA wird den Videobeweis deshalb an der WM in Russland bereits anwenden. Es ist ungewiss, wie lange die UEFA noch mit der Einführung wartet. Klar ist aber: Der politische Druck wird grösser. Spätestens nach dem dramatischen Abend in Madrid.