PRO/KONTRA

Ist Cristiano Ronaldo eine Bereicherung für die Fussball-EM?

Lässiger Jubel von Cristiano Ronaldo - entweder man liebt ihn oder man hasst ihn

Lässiger Jubel von Cristiano Ronaldo - entweder man liebt ihn oder man hasst ihn

Es ist noch nicht die EM des portugiesischen Superstars. Trotzdem polarisiert Cristiano Ronaldo wie kein anderer Fussballer. Während man einem Messi die Steuervergehen nachsieht, wird Ronaldo mit Spott und Häme eingedeckt, wenn er einen Penalty versiebt. Eine Pro-und-Kontra-Debatte.

PRO-Ronaldo von François Schmid-Bechtel, Ressortleiter Sport

«Zu viel Gel im Haar – ziemlich platt, diese Ronaldo-Basher!»

Während andere Spieler sich auf die EM vorbereiten, entscheidet Ronaldo den Champions-League-Final – trotz Muskelproblemen.

Wer, wenn nicht Ronaldo, bereichert diese Fussball-EM? Etwa der grätschende Abräumer Viktor Pecovsky aus der Slowakei? Vergessen Sie es. Oder gucken Sie den James Bond nicht wegen James Bond, sondern wegen des Typs hinter der Bar, also jenem Mann, der den Martini schüttelt? Von wegen. Es sind die Protagonisten, die Aufmerksamkeit generieren. Was nicht bedeutet, dass wir den Protagonisten per se gut finden müssen – Gott bewahre. Geht es um den Fussballprotagonisten himself, also Cristiano Ronaldo, wird aus Verehrung allzu schnell und allzu häufig Blasphemie. Denn wer Ronaldo gut findet, droht in der Justin-Bieber-Ecke zu landen. Doch Mainstream ist in dieser Angelegenheit einzig Ronaldo zu bashen – was sich zu einem Volkssport der erbärmlichen Sorte entwickelt hat.

Zu viel Gel im Haar, zu breitbeinig, zu selbstsicher, zu schön, zu gockelhaft, zu durchtrainiert, zu perfekt – ziemlich ordinär, die Motive der Ronaldo-Basher. Nur: Andere Argumente als solche ästhetischer Natur findet man nicht, um Ronaldo schlecht zu finden. 364 Tore in sieben Jahren für Real Madrid. Dreifacher Champions-League-Sieger. Dreimal zum Weltfussballer des Jahres gewählt. Rekordtorschütze Portugals. Und wird heute EM-Rekordspieler.

Ronaldos bisherige EM-Auftritte sind nicht berauschend. Das geht anderen Stars wie Ibrahimovic nicht anders. Dafür gibt es Gründe: Während sich andere Spieler schon von der Saison erholt haben und in die EM-Vorbereitung eingestiegen sind, kämpfte Ronaldo 120 Minuten um die Champions-League-Trophäe. Nicht ganz fit zwar, weil eben erst von einem Muskelfaserriss genesen. Aber doch mit dem Willen eines Champions, allen Widrigkeiten zu trotzen und das Penaltyschiessen für Real Madrid zu entscheiden. Noch Fragen? Übrigens: Die 600 000 Euro Siegprämie hat Ronaldo gespendet.

Ja, es gibt auch diesen Ronaldo. Den alleinerziehenden Vater, den Wohltäter. Der sich nicht tätowieren lässt, weil er dann nicht mehr regelmässig Blut spenden kann. Der schwer kranken Kindern Operationen finanziert und Millionen für Schulen im Gazastreifen spendet. Diesen Ronaldo wollen viele nicht sehen. Dafür jenen, der gegen Österreich einen Penalty an den Pfosten hämmert. Nur: Schadenfreude ist der Gallenhumor des Neids.


KONTRA-Ronaldo von Max Dohner, Autor

Ronaldo? «Zu seiner reifen Fusstechnik passt der Kindskopf nicht»

Hier stimmen wir einmal ein in den weltumspannenden Chor gegen einen Modellathleten, der mit jedem Erfolg noch wächserner wird

«Du sollst nicht mit Wölfen heulen», hat Mama stets zu mir gesagt, «geschweige denn jaulen mit Hyänen und Schakalen.» Alle heulen sie auf bei Cristiano Ronaldo. Die Couch-Fussballfurzer: «Nur er kann beides, Gockel und Pussy.» TV-Moderatoren wie Mehmet Scholl. Gary Lineker, der Ronaldos vergebene Freistösse zählt. Die «Bild»-Zeitung: «Arrogantester Fatzke der Welt». Die brasilianische «Globo», die CR7 (Cristiano Ronaldo Nr. 7) nach dem vergebenen Penalty gegen Österreich als «CR0» bezeichnete. Sie höhnen auf Facebook und Twitter, wenn Ronaldo einen Freistoss in die Ein-Mann-Mauer setzt (an der WM 2014). Bis hinunter zu Sepp Blatter, der Messi besser findet, weil Ronaldo «mehr Geld beim Friseur» ausgebe. Zuletzt sagt gar Mama, die niemanden kennt in kurzen Hosen: «Ist das der, der im Stadion ständig auf die Grossleinwand schielt?»

’Tschuldigung, Mama: Diesmal heule ich mit im weltumspannenden Chor. Gegen einen Modellathleten, der mit jedem Erfolg wächserner wird. Ein aus physischem Material designter Brand: CR7. Als Real Madrid ins Champions-League-Finale kam, freute sich der Kenner: «Toll, noch ein Spiel mit Ronaldo.» Ich empfand das Gegenteil: «Wie ärgerlich: nochmals dieser Triumph-Tropf.» Desgleichen jetzt an der Euro. Die Portugiesen spielen so, wie ein Fussballerherz schlägt. Vor allen anderen hat Nummer 7 eine Schusstechnik, die ans Wunderbare grenzt. Schwebt Ronaldo über den Verteidigerrecken, bis der Ball seinen Kopf findet, ist auch das nichts als staunenswert. Ronaldo aber hat das Pech, einfach nicht jener Charakter zu sein, der zu dieser Kunst passt.

Sicher ein kurioser Satz – bei Fussballern ist man gewöhnlich anspruchslos. Wenn aber Unreife und Kunst derart auseinanderklaffen, erübrigt sich jede Behauptung, dass Fussball den Charakter bilde. Ronaldo lehrt, dass kein Welterfolg, keine Million den Mann auch nur ein My reifen lassen. Jede Geste ist Show. Und seine Spenden? Sind wohl bekannt. Ein spezielles Geschenk, eine Insel, ging an den Berater. Weil der clever berät. So wog der SelfieFlitzer wie Gold nach dem Affront gegen Island – und alles leckte das Bettmümpfeli auf. Widerlich ist Ronaldos Eitelkeit nicht darum, weil er es wie tausend andere übertreibt. Sondern weil keiner so infantil, so heillos dran glaubt, dass man als Lebendposter wahrhaftig sei.

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