WM-Quali
Island-Trainer Lagerbäck: «Werden versuchen, das Spiel zu gewinnen»

Islands Trainer Lars Lagerbäck hat grossen Respekt vor der Schweiz. Die Schweiz dieser Tage sei ein europäisches Topteam, sagt er. Nichtsdestotrotz wollen die Isländer versuchen, das Spiel zu gewinnen.

Etienne Wuillemin
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Mit Schweden nahm der 65-Jährige fünf Mal in Serie an EM und WM teil, nun gibt er sein Wissen Island weiter.SAMUEL GOLAY/Keystone

Mit Schweden nahm der 65-Jährige fünf Mal in Serie an EM und WM teil, nun gibt er sein Wissen Island weiter.SAMUEL GOLAY/Keystone

KEYSTONE

Wann nimmt Island das erste Mal an einer WM teil?

Lars Lagerbäck: Island Weltmeister? (Lacht.) Hmm, da muss ich überlegen ...

Da haben Sie mich wahrscheinlich falsch verstanden. Ich meinte, wann Island an einer Weltmeisterschaft mitspielt.

Ach so. Ich hoffe im nächsten Sommer!

Also heisst das Ziel, die Schweiz auf Rang eins der WM-Qualifikationsgruppe noch abzufangen?

Die Chancen sind grösser, die Gruppe auf Rang zwei zu beenden und dann in den Entscheidungsspielen die WM-Qualifikation zu schaffen. Das wird schwierig, aber es ist nicht unmöglich. Eine Chance auf Rang eins hätten wir nur, wenn wir die Schweiz am Freitag schlagen – aber ich weiss nicht, wie realistisch das ist.

Islands grösste Erfolge

2:0 siegte Island im September 1991 in einem Testspiel gegen Spanien. «An das Resultat mag ich mich noch genau erinnern, an die Torschützen nicht - ich wars auf keinen Fall, sonst wüsste ich das», sagt Ex-Luzern- und GC-Star Sigurdur Gretarsson. «Spanien spielte jedenfalls fast in Bestbesetzung, mit dem jungen Fernando Hierro als Abwehrchef und Emilio Butrageño im Sturm.» Bemerkenswert waren auch das 2:0 im August 2004 gegen Italien mit Buffon im Tor und Gattuso im Mittelfeld. Die Squadra Azzurra ist in ihrer Geschichte noch ohne Sieg gegen Island. Schliesslich rang Island in der EM-Qualifikation Deutschland im September 2003 ein 0:0 ab, verpasste danach aber im Rückspiel die EM. (ewu)

In den letzten vier Spielen mit isländischer Beteiligung siegte das Gastteam. Warum ist Island stärker auswärts als zu Hause?

Ich kann das nicht erklären. Zu Hause fehlte vielleicht etwas Glück, gerade gegen die Schweiz beim 0:2. Gegen Slowenien waren einige Spieler verletzt. Aber ich will gar nicht erst Ausreden bemühen. Wir hatten zu wenig Qualität, ganz einfach.

Die Schweiz bezwang Brasilien 1:0 - wie sehr hat Sie dieser Sieg beeindruckt?

Ich sah das Spiel auf Video. Die Schweiz spielte herausragend. So wie das eben ein Topteam tut, und die Schweiz dieser Tage ist ein europäisches Topteam.

Kann so ein Sieg auch dazu führen, sich selbst zu überschätzen – und Island deswegen zum Vorteil gereichen?

Nein, meine Erfahrung sagt, dass es immer besser ist, zu siegen. Lieber hat die Gruppe einen Flow, als dass man sie aufpäppeln müsste.

In Island spricht man derzeit von einer «goldenen Fussball-Generation». Wie stark leuchtet das Gold bereits?

Der Kern unseres Teams besteht aus Spielern, die vor einigen Jahren an der U21-Europameisterschaft spielten – nachdem sie unter anderem Deutschland ausgeschaltet hatten. Darauf können wir aufbauen. Wir werden sicher besser in nächster Zeit. Gerade hat die aktuelle U21 wieder ihre ersten drei Qualifikationsspiele gewonnen. Die Atmosphäre in Fussball-Island ist sehr gut. Das alles stimmt mich sehr zuversichtlich.

Was hat sich über die Jahre verändert?

Ein Hauptgrund ist die bessere fussballerische Ausbildung der jungen Isländer. Und dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass der Staat viele Fussballhallen gebaut hat, die während des ganzen Jahres in Betrieb sind. So ist der Trainingsbetrieb auch im Winter gewährleistet.

Welchen Einfluss hat das isländische Klima auf den Fussball?

Nicht allzu grossen, wenn es um die technischen Aspekte geht. Natürlich ist es manchmal hart für Junge, zum Training zu gehen, wenn schlechtes Wetter herrscht. Andererseits schadete es noch niemandem, sich frühzeitig etwas abzuhärten. Ich denke, die Isländer selbst sehen ihr Klima eher als Chance denn als Nachteil.

Mögen Sie als Schwede eigentlich das isländische Leben?

Ja klar. Island ist ein schönes Land, natürlich geprägt von der Natur. Ich mag den Charakter der Leute, Island ist keine Ansammlung deprimierter Leute, wie das viele denken. Das einzige Problem ist, dass es stark windet und kalt ist im Sommer.

Wie viele Wochen pro Jahr verbringen Sie in Island?

Ich bin einmal pro Monat hier. Manchmal fünf Tage, manchmal zwei Wochen am Stück, je nachdem, was gerade für Fussball-Termine auf dem Programm stehen.

Warum entschieden Sie sich, im Oktober 2011 mit der Arbeit als isländischer Nationaltrainer zu beginnen?

Eigentlich war ich schon fast pensioniert, als die Anfrage kam. Aber erstens würde ich das Coaching vermissen, zweitens gibt es unter den Nordländern eine fruchtbare Zusammenarbeit in verschiedensten Bereichen, und drittens, als ich das Team ansah mit den vielen jungen Spielern, dachte ich: Hier lässt sich etwas aufbauen. Bisher ist das nicht so schlecht gelungen.

Wie stark ist Island abhängig von Tottenham-Star Gylfi Sigurdsson?

Natürlich ist er wichtig für uns. Er spielt auf höchstem Niveau, seine Freistösse sind extraklasse. Wir spürten seine Absenz bei der 2:4-Niederlage gegen Slowenien. Andererseits ist ein gutes Team nie abhängig von einem einzelnen Spieler – ich denke, wir auch nicht.

Zum Schluss bitten wir Sie um einen Tipp für das Spiel am Freitag.

Ach, ich bin ein hoffnungsloser Fall, wenn es um solche Voraussagen geht. Nur eines kann ich garantieren: Wir werden versuchen, das Spiel zu gewinnen.