Ist der Doppeladler, wie ihn Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka nach ihren Treffern gegen Serbien mit den Armen geformt haben, ein politisches Statement?

Thomas Kessler: Nein, das wäre übertrieben. Die Zeichensprache ist eine Generationenfrage, das machen nur die Jungen. Das sind aber nicht die Männer, die den Krieg erlebt, sondern lediglich davon gehört haben – also ein Secondo-Phänomen. Die Symbolik bedeutet eine Zugehörigkeit. Und die Zugehörigkeit definieren sie über den Doppeladler, weil man diesen mit den Händen – im Gegensatz zur offiziellen Kosovo-Flagge – auch formen kann. Der Doppeladler war während des Kommunismus in Jugoslawien, zusammen mit einem Stern, das offizielle Zeichen für die albanische Bevölkerungsgruppe. Er ist weder neu noch provokativ, sondern seit Byzanz eine Konstante.

Hat die Fifa eine Grundlage, die beiden Spieler sowie den Captain Stephan Lichtsteiner zu sperren?

Nein, denn es handelt sich um die Verwendung eines unter dem früheren jugoslawischen Staatspräsidenten Tito offiziellen Symbols. Ich sehe keinen Grund für eine Sperre, weil keine Demütigung, sondern Zugehörigkeit kommuniziert wurde. Es ist, als bestrafte man einen in Appenzell wohnenden Ausserrhödler, wenn er die Flagge seines Heimatkantons hisst. Die Symbolik der Zugehörigkeit ist formal keine provozierende Geste.

Ist der Doppeladler destruktiv?

Auf keinen Fall, er ist eine historische Konstante.

Haben Sie Verständnis für diese Art des Jubels?

Ja. Wenn sie in dieser emotionalen Situation ihre Zugehörigkeit zeigen, ist dies eine menschliche, adäquate Reaktion. Es handelt sich schliesslich um eine Sportveranstaltung und nicht um ein klassisches Konzert im KKL. Die Differenz muss man bedenken. Erst recht, wenn man die Umstände in die Beurteilung einfliessen lässt. Beispielsweise die politischen Provokationen. Die Jubelgeste ist zwar unschön, weil sie vor dem serbischen Publikum stattgefunden hat. Aber gemessen an der Rhetorik des serbischen Aussenministers und den Provokationen des Publikums, welches den Tod der Albaner gefordert hat, ist eine Zugehörigkeitsgeste eine moderate Form.

Während der Live-Übertragung im serbischen Staatsfernsehen war die Doppeladler-Jubelpose kaum der Rede wert. Wie geht’s der serbischen Seele heute?

Das ist bezeichnend. Die Serben sind ein altes Kulturvolk mit hohem Bildungsanspruch. Wegen des Kriegs ist das bei uns nicht mehr so präsent. In Serbien gibt es eine Kultur der Intelligenzija. Entsprechend sachlich hat das Fernsehen berichtet. Denn sie sehen sich in dieser Liga. Darum wirkt der Diskurs in der Schweiz absonderlich, seltsam aufgeregt; in Serbien ist der Doppeladler kein Problem. Allein, weil er im serbischen Wappen ebenso zentral präsent ist. Aus Sicht der Serben hat der Jubel gar eine kuriose Note, weil Shaqiri und Xhaka gar nicht im Kosovo leben, sondern Secondos aus der Schweiz sind.

Trotz Intelligenzija sind in Serbien auch Scharfmacher an der Macht, die die Jubelposen der Schweizer nun für ihre Zwecke ausschlachten werden.

Das ist so. Einige hohe Politiker waren Gefolgsleute von Slobodan Milosevic (wurde wegen Kriegsverbrechen angeklagt; die Red.). Das ist die eigentliche Tragödie Serbiens. Die haben ein riesiges Spektrum von Intelligenzija, Hochkultur und Bildungsbewusstsein. Allerdings auch mit einem Spektrum bis hin zu Nationalisten, die in der Geschichte gefangen sind. In der Geschichte gefangen heisst im ganzen Balkan: mit starken Gefühlen nationalistisch zu sein. Genau diese Emotionen hat Milosevic auf perverse Art missbraucht. Die destruktive Leidenschaftlichkeit ist leider Tatsache auf dem ganzen Balkan. Die Frage ist einzig: Wie lassen sich die Leidenschaften zivilisieren? Wenn es um alte Konflikte wie orthodox gegen osmanisch geht, gestaltet es sich als äusserst schwierig. Eine typische Brüskierung war die Äusserung des Aussenministers, als er im Vorfeld bemerkte: «Spielen wir gegen die Schweiz, gegen Albanien oder gegen Pristina?»

Sie sagen, der Diskurs in der Schweiz über die Jubelpose bewege sich auf viel tieferem Niveau als in Serbien. Was ist in unserem Land los?

Unser Land meint es gut, wenn es aus einer defensiven Grundhaltung agiert, sich fair und anständig verhält. In unserem Land sind Provokationen beispielsweise zwischen Kantonen und zu den Nachbarn fremd geworden. Das war früher anders. Aber es ist gut, dass wir diese Provokationen heute nicht mehr kennen. Denn das zeugt von der grossen Integrationskraft der Schweiz. Es ist gar die stärkste in ganz Europa, was messbar ist im sozialen Aufstieg der Eingewanderten. Diese steigen nirgends so schnell auf wie in der Schweiz. Wir pflegen die Kultur des Respekts und verzichten deshalb auf leidenschaftliche Symbolik. Sie ist uns fremd. Und deshalb deuten wir sie falsch und meinen, es handle sich um hohe Politik. Wenn man den Doppeladler-Jubel richtig deuten würde, käme man zum Schluss: Er ist moderat. Statt eine moralinsaure Schulmeisterdebatte zu führen, sollte man eher über Respekt diskutieren. Also auch eine Respekt-Debatte gegenüber der Intelligenzija in Serbien. Denn in diesen Kreisen wird der Schweizer Jubel anders aufgefasst als in der serbischen Rabauken-Kurve.

Die Debatte in der Schweiz lautet: Darf ein Schweizer Nationalspieler ein albanisches Zeichen machen?

Das ist eine seltsame Abstraktion. Denn eigentlich sollte man doch Freude haben, wenn Menschen Stolz und Respekt gegenüber ihrer Herkunft offenbaren. Gerade in der Schweiz mit ihren stolzen Auslandschweizern und ihrer enormen Binnenmigration. Die Tessiner gründen einen Verein in Zürich. Wir finden es richtig, wenn der Pizzaiolo jubelt, wenn Italien gewinnt, und bitte schön auch so kocht, wie seine Grossmutter in Italien. Wir wollen alle, dass ein Tessiner ein Tessiner bleibt. Und wir wollen, dass ein Deutscher in der Schweiz weiterhin Hochdeutsch und auf keinen Fall schlecht Mundart spricht. Interessant am Fussball ist ja gerade, dass man die Mentalität des einzelnen Spielers und der Mannschaft erkennt.

Der Schweizer Fussballverband hat vor vier Jahren den Doppeladler-Jubel verboten. Clever war das kaum. Schliesslich denkt der Fan, der die Botschaft hinter dem Zeichen nicht kennt, dass es etwas ganz Schlimmes ist.

Ja, die Verbandsspitze hat diese Thematik nicht genau studiert und die Symbolik mit destruktiven Handzeichen verwechselt. Der Mittelfinger beispielsweise ist negativ konnotiert. Aber das kann man nicht mit einer Zugehörigkeits-Symbolik gleichsetzen. Diese Ungenauigkeit passiert, wenn man sich auf unbekanntes Terrain begibt.

Im Vorfeld sollte tunlichst nicht über die speziellen Emotionen, die diese Partie hervorruft, gesprochen werden. Mein Eindruck: Bei Xhaka und Shaqiri musste etwas raus, was vorher nicht rausdurfte.

Tatsächlich, der Fussballverband hat diese Spieler beladen, ohne zu wissen, wovon man eigentlich spricht. Gemessen an der pädagogischen Aufladung, ihrem Alter, dem Adrenalin-Schub und der sportlichen Bedeutung haben es die beiden eigentlich menschlich gelöst und kommentiert. Abgesehen von ihrer Zugehörigkeit haben sie kein politisches Statement abgegeben.

Ist es unverantwortlich von der Fifa, die Partie Schweiz gegen Serbien auszulosen?

Nein, auf keinen Fall. Es ist völlig richtig, dass die Politik den Sport nicht übersteuern und unnötig dramatisieren darf. Das Spiel war verhältnismässig fair, ebenso der Umgang der Spieler untereinander. Das ist die ganz grosse Leistung. Die Sportler konnten die Aufladung abstrahieren. Und die Problematik der schwierigen serbischen Fans haben wir in unseren Stadien auch – notabene ohne jegliche Politik. Es kann doch nicht sein, dass man diese Begegnung nicht zulässt, weil Secondos irgendwo mitspielen. Mit einer solchen Ausgrenzung würde man inkompetente Annahmen bestätigen.

Aber das Problem ist, dass die Verantwortung delegiert wird. Von der Fifa auf die Verbände, vom Verband zum Trainer, vom Trainer zum Spieler.

Das ist ja die grosse Unfairness der ganzen Geschichte. Da sind junge Männer, die leidenschaftlich Fussball spielen, sich pädagogischen Massnahmen fügen, welche aber ganz woanders ausdiskutiert werden müssten. Wenn die Fifa etwas Gutes hätte machen wollen, hätte sie mit präventiven Massnahmen wie gemeinsamen Pressekonferenzen und anderen aufklärerischen Aktionen der Partie etwas von der Brisanz genommen. Auf den Schultern dieser Spieler lastet, was ihnen Politiker und Funktionäre aufgeladen und nicht selber geleistet haben.