Der 18. Juni 2014 geht in die spanische Geschichte ein. Am Tag, als König Juan Carlos in Madrid nach fast 39 Jahren seine Krone niederlegte, endete ein paar Tausend Kilometer weiter westlich in Rio de Janeiro auch die Regentschaft der spanischen Fussballer. Als erstes der 32 Teams verabschiedete sich der Welt- und zweifache Europameister der letzten sechs Jahre in Brasilien vorzeitig aus dem Turnier, nach dem 0:2 gegen Chile war die kaum für möglich gehaltene Überraschung perfekt. "Spanien dankt ab", titelte die deutsche "Bild"-Zeitung in ihrer Online-Ausgabe.

"Die Zeit der Freude und des Erfolgs ist vorbei", sagte Xabi Alonso nach der zweiten Niederlage im zweiten Gruppenspiel. Die Leistung des Mittelfeldspielers sowie diejenige seiner Real-Teamkollegen Iker Casillas und Sergio Ramos standen als Symbol für das Ende der erfolgreichsten Ära im modernen Fussball. Noch vor knapp einem Monat hatten sie mit ihrem Klub Real Madrid mit "La Decima", dem zehnten Sieg im Meistercup bzw. in der Champions League, Europas Thron erobert, nun folgte mit der Nationalmannschaft der monumentale Absturz. Hatte Casillas beim 1:5-Debakel gegen Holland in mehreren Szenen schlecht ausgesehen, zog gegen Chile Xabi Alonso einen rabenschwarzen Tag ein. Er leitete mit einem katastrophalen Fehlpass das 0:1 ein. Und Innenverteidiger Sergio Ramos, der Held im Champions-League-Final, wirkte in beiden Spielen alles andere als souverän.

Der berühmte Xavi Hernandez, nur Xavi genannt, erlebte den Untergang nicht auf dem Platz. Der 34-jährige Mittelfeldspieler des FC Barcelona wurde von Trainer Vicente Del Bosque nach der Niederlage gegen Holland aussortiert und stand gegen Chile weder in der Startaufstellung, noch wurde er im Lauf der Partie eingewechselt. Es schien fast, als wolle Del Bosque dem genialsten Fussballer der spanischen Ära die Schmach des Untergangs ersparen.

Xavi galt als der Taktgeber im System der "Seleccion", als Inbegriff des vielzitierten "Tiqui-Taca", dem bis zum Exzess praktizierten Direktspiel. Dank seiner Übersicht, der Ballsicherheit, dem Spielverständnis und der überragenden Technik drückte er sowohl beim FC Barcelona als auch im Trikot der Nationalmannschaft wie kein anderer dem Spiel den Stempel auf. Die enormen Belastungen der letzten Jahre und die Erfolge mit dem FC Barcelona und der Seleccion haben beim Spielmacher Spuren hinterlassen. Sowohl im Klub als auch in der Nationalmannschaft war Xavis Einfluss zuletzt nicht mehr so gross gewesen wie in früheren Jahren.

Ein Xavi der besten Tage fehlte den Spaniern in Brasilien an allen Ecken und Enden. Vor allem gegen Chile bekamen die Iberer die Partie im Mittelfeld nie in den Griff. Die ordnende Hand, die Ballsicherheit und die Ruhe Xavis wurden schmerzlich vermisst. Hatte der Titelverteidiger gegen Holland die erste Halbzeit noch mehrheitlich kontrolliert, gelang ihm dies gegen Chile zu keiner Phase des Spiels.

Xavi dürfte am Montag gegen Australien sein 134. und letztes Länderspiel bestreiten. Auch der Captain und Rekord-Internationale Casillas sowie Xabi Alonso haben ihre Schuldigkeit getan und könnten einem Neuaufbau zum Opfer fallen. Die Zukunft des Trainers, der als einziger Coach weltweit den WM-, EM- und Champions-League-Titel gewonnen hat, steht ebenfalls in den Sternen. "Vicente del Bosque verdient all unseren Respekt", sagte Sergio Ramos nach dem Ausscheiden. "Wir unterstützen ihn, was immer er auch entscheiden wird."

Defensive Stabilität verloren

Sieben Mal musste Spaniens Torhüter Iker Casillas den Ball aus den Netz holen, bevor das Out des obersten WM-Favoriten feststand. Im Rückblick auf die letzten Jahre ist das schier unglaublich.

Das Tiqui-Taca basierte immer auf einer soliden Defensive Die Stabilität im Abwehrverhalten und ein Iker Casillas in der lange währenden starken Zeit seiner Karriere ermöglichten der Mannschaft einen beispiellosen Höhenflug. Zu Torfestivals führte das Tiqui-Taca eher selten; an den letzten drei WM- beziehungsweise EM-Endrunden erzielten die Spanier in drei Spielen je vier Tore, meistens jedoch eines oder zwei.

Entscheidend war demnach die Defensive. Auf ihren Siegeszügen zu den Titel an der EURO 08 in der Schweiz und in Österreich, der WM 2010 in Südafrika sowie der EM 2012 in Polen und der Ukraine liess Spaniens Hintermannschaft nur gerade sechs Gegentore zu. In allen zehn K.o.-Spielen inklusive Finals blieb Casillas gar ungeschlagen.

Und jetzt also, an der WM in Brasilien, musste die stolze spanische Mannschaft in nur zwei Partien sieben Tore hinnehmen.

Auch in der jüngsten Vergangenheit, nach dem EM-Titel 2012, war Spaniens Defensive noch eine Festung, kein Löcherbecken wie jetzt. Rechnet man die Wettbewerbsspiele (WM-Qualifikation und Confederations Cup) zurück, kommt man auf elf Spiele, bis die Zahl von sieben Gegentoren erreicht ist.