Fussball
In Deutschland spalten Retortenklubs das Land

Wer Geld und Erfolg hat, kennt viele Neider. Davon können die Retortenklubs wie Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, Ingolstadt und Leipzig ein Liedlein singen. Doch beirren lassen sie sich nicht. Lieber arbeiten sie besser als mancher Traditionsklub.

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen
In Deutschland haben die Fussball-Fans Wut auf das Künstliche.

In Deutschland haben die Fussball-Fans Wut auf das Künstliche.

Keystone

Nur gut für Trainer Peter Neururer, dass ihn im Profifussball keiner mehr will. So kann er sich manchen Gang auf die Toilette ersparen. Er muss nun ja nicht mehr kotzen wegen Gegnern wie Leipzig.

Der 60-Jährige steht mit seiner Abneigung gegen Retortenklubs indes nicht allein da. Mainz-Manager Christian Heidel sagt: «Ich kritisiere die Entwicklung unseres Fussballs.» Mit Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und Ingolstadt tummeln sich in der nächsten Saison schon vier Vereine in der Bundesliga, die ihre Ausgaben nicht aus dem Fussball alleine decken, sondern von Bayer, VW, SAP (Dietmar Hopp) und Audi alimentiert werden.

Auch Leipzig wird das Land spalten

Und fast so sicher wie das Amen in der Kirche ist, dass mit RasenBallsport Leipzig schon bald ein fünfter Klub von diesem Zuschnitt dazukommt. Denn wer in Ingolstadt einen sicheren Absteiger erkennt, muss bedenken: Noch nie ist ein Retortenklub runtergegangen. Heidel fürchtet nicht ohne Grund, «dass die eine oder andere Region ihren Bundesligaverein verlieren wird, wenn da und dort plötzlich Klubs erfunden werden.» Wie RasenBallsport Leipzig.

Dass ein grosser Teil der Fanszene solch fremdfinanzierte «Monster» ablehnt, wurde gerade diese Woche wieder deutlich. Ausgerechnet die Fans des FC Ingolstadt, der in einem Stadion spielt, das Audi gehört, zwangen die Klubleitung zu einer Aussprache, weil ihre Mannschaft gegen die verhassten Leipziger zu einem Testspiel angetreten war. Künftig wird dies nicht mehr geschehen. In der jüngeren Vergangenheit wurden auf Druck von Fans viele vereinbarte Testspiele gegen die Leipziger abgesagt.

Fangruppen boykottieren auch Reisen nach Leipzig. «In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid», hat schon Philosoph Arthur Schopenhauer gewusst.

Befeuert wurde der immer grössere Hass gegen die «Geldsäcke» durch leitende Angestellte von Bundesligisten wie Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. «Was will die Bundesliga mit Rasenschach Leipzig?», hat Watzke gemotzt. Inzwischen hat aber auch er zugegeben: «Wahrscheinlich braucht es dieses Projekt, denn jeder wünscht sich eine Bundesliga-Mannschaft im Osten. Allerdings wäre es besser gewesen, wenn es ein Verein mit einer anderen Struktur wäre.»

Der Erfolg ist vorhanden

Den Leipziger Fans ist dies egal. Sie haben ihren erst 2009 gegründeten Verein längst angenommen. Der Zuschauerschnitt liegt bei 25'000. Und: Klubs wie Leipzig und Hoffenheim haben Nachwuchsabteilungen aufgebaut, von denen Traditionsklubs nur träumen können. «Unsere Tradition ist die Zukunft», hat Hoffenheims Geldquelle Dietmar Hopp schon 2008 gesagt.

Tradition allein reicht nicht mehr, um verdientes Bundesligamitglied zu sein. In Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, Ingolstadt und Leipzig wird auf allen Ebenen hervorragend gearbeitet, was sich von Traditionsklubs wie Nürnberg und 1860 München nicht sagen lässt. Kölns Manager Jörg Schmadtke sagt dazu: «Entscheidend ist nur, was mit dem Geld gemacht wird.»