WM14
In Deutschland aufgewachsen – und jetzt spielt er für den Iran

Ashkan Dejagah ist in Deutschland aufgewachsen, hat aber entschieden, für den Iran zu spielen – und bereut es nicht, wie er im Interview mit der «Nordwestschweiz» sagt.

Markus Brütsch, Porto Alegre
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Ashkan Dejagah (rechts) küsst den Koran, den ihm Ali Malek vom iranischen Fussballverband hinhält. key

Ashkan Dejagah (rechts) küsst den Koran, den ihm Ali Malek vom iranischen Fussballverband hinhält. key

Ashkan Dejagah, der Iran startet heute gegen Nigeria zum vierten Mal in eine WM. 1978, 1998 und 2006 war nach der Gruppenphase Schluss. Warum soll es nun mit Ihnen für die Achtelfinals reichen?

Ashkan Dejagah: Weil wir jetzt einen guten Mix haben zwischen Spielern mit internationaler Erfahrung und solchen, die in der iranischen Liga spielen, die aber ausserordentlich gut und talentiert sind.

Im Iran wird vor allem wegen Ihnen erwartet, dass die Mannschaft weiterkommt.

Es macht mich riesig stolz, dass die Leute so viele Hoffnungen in mich setzen. Ich kann nur sagen, dass ich meine Leistung einzig dann zu hundert Prozent abrufen kann, wenn mir die Mannschaft hilft. Wir können es kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Ich spüre, welch Riesenereignis da auf jeden von uns wartet. Wir versuchen, unserem Land und unseren unglaublichen Fans etwas zurückzugeben. Denn egal, wo wir auch spielen, ob es Pflichtspiele oder nur Freundschaftsspiele sind: Es sind immer wahnsinnig viele Fans da und unterstützen uns fanatisch.

Der Iran spielt gegen Nigeria, Argentinien und Bosnien.

Es ist eine Floskel, ich weiss: Es ist eine schwierige Gruppe. Aber im Fussball ist immer alles möglich. Das erste Spiel gegen Nigeria ist das wichtigste. Damit wir gut ins Turnier kommen.

Die Erwartungshaltung im Iran ist angesichts dieser Gegner zu hoch.

Aber ein bisschen Selbstvertrauen dürfen wir schon auch haben. Wir haben uns als Mannschaft gut gemacht und sind in Asien die Nummer 1. Ich denke, wir haben nach vielen guten Spielen Kredit verdient. Wir sind eine hungrige Mannschaft mit einem erfahrenen Trainer, der einiges dafür tut, dass wir einen guten Teamspirit haben. Wir alle verstehen uns sehr gut. Jeder gönnt dem anderen Erfolg, das ist wichtig. Ich hoffe, wir können das, was wir in der Qualifikation geschafft haben, jetzt bestätigen. Denn alle im Land haben die Hoffnung, dass wir endlich mal die Gruppenphase überstehen. Wir geben unser Bestes, dürfen uns aber nicht zu sehr unter Druck setzen. Ich denke aber schon: Wenn wir kämpfen und zeigen, dass wir alles für den Erfolg tun, dann sind die Leute auch nicht zu sehr enttäuscht, falls wir es nicht schaffen. Wie man sich präsentiert, das ist wichtig.

Der Iran ist das unbekannte Wesen unter den WM-Teilnehmern. Wenn wir die Tabelle der Qualifikation anschauen, wird aber klar: nur zwei Gegentore in acht Spielen. Die Abwehr ist eine Bank.

Es stimmt, unser portugiesischer Trainer Carlos Queiroz legt sehr viel Wert darauf, dass wir in der Defensive sicher stehen und das Spiel von hinten präzis aufbauen. Das werden wir bei der WM natürlich genauso versuchen.

Und die Tore müssen dann Sie schiessen. In der WM-Qualifikation haben acht Treffer zum Gruppensieg gereicht. Das ist ziemlich mager. Sie sollten wieder treffen wie beim Debüt Ende Februar 2012.

Daraus könnte man einen guten Film machen. Ich bin nach zwölf Jahren das erste Mal wieder zurück in den Iran gekommen. Zwei Tage später habe ich gespielt und im Qualifikationsspiel gegen Katar gleich zwei Tore zum 2:1-Sieg geschossen. Zwei Tore im ersten Spiel – ich habe ein paar Tage gebraucht, um das zu begreifen. Es war unglaublich.

Es hatte zuvor aber noch viel länger gedauert, bis Sie sich entscheiden konnten, für den Iran aufzulaufen.

Ich habe in allen U-Mannschaften für Deutschland gespielt und keine grosse sportliche Verbindung zum Iran gehabt. Ich war wirklich im Dilemma: Denn ich liebe Deutschland genauso sehr wie den Iran. In Berlin bin ich aufgewachsen, und meine Familie lebt hier und fühlt sich wohl. Ich habe dann aber auf mein Herz gehört und alles ausführlich mit meiner Familie und meinem Berater besprochen. Das hat Herz schliesslich entschieden. Jedes Spiel für den Iran ist eine Ehre. Ich bin ein stolzer Iraner, der für sein Land spielt. Der Entscheid war richtig.

War es am Anfang schwierig?

Die Iraner haben es mir einfach gemacht, mich sehr freundlich aufgenommen. Der Trainer hat mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht wirklich neu bin, dass ich zur Mannschaft gehöre. Mit all dieser Unterstützung ging es schnell. Und ich spreche persisch. Meine Eltern haben mit mir immer persisch gesprochen. Beim Lesen und Schreiben habe ich allerdings gewisse Probleme.

Was für ein Echo bekommen Sie von Ihrer Verwandtschaft im Iran?

Dass sich das ganze Land im WM-Fieber befindet. Die Iraner sind Fussballfanatiker, die zu hundert Prozent hinter uns stehen. Da haben wir einen Riesenvorteil gegenüber anderen Mannschaften, die nicht diese Unterstützung haben. Wir haben überall in der Welt viele Fans.

Betrachten Sie die iranische Nationalmannschaft als Brückenbauer zwischen dem Iran und der westlichen Welt?

Wir möchten alle politischen Probleme, die den Iran betreffen, zur Seite schieben. Wir wollen ihn von seiner sportlichen Seite zeigen. Wie fröhlich die Menschen sein können. Welch tolle Leute dort leben. Wir versuchen einfach, das Land bestmöglich zu vertreten.