Super League
In der Super-League wird der zur Trainer Wegwerfware

Nur einer von zehn Trainern ist schon länger als ein Jahr im Amt – Jeff Saibene vom FC St. Gallen. Ein Trainer, der anonym bleiben will, behauptet, dass die meisten Klubs ein Führungsproblem hätten. Ist das Hire and Fire ein schweizerisches Phänomen?

François Schmid-Bechtel
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Ein Abstieg löst immer ein mittleres Erdbeben aus. Auch in St. Gallen. Und der Abstieg löst einen Mechanismus aus, der gerne als branchenüblich bezeichnet wird. Die Öffentlichkeit fordert Köpfe und die Klubleitung präsentiert rollende Köpfe. Meist jenen des Trainers, vielleicht auch noch jenen des Sportchefs. Nicht so in St. Gallen. «Ich hatte auf der Rückfahrt aus Bern, wo unser Abstieg besiegelt worden ist, kein bisschen Zweifel an unserem Trainer», sagt Präsident Dölf Früh.

St. Gallens Abstieg liegt nun eineinhalb Jahre zurück. Zwar schafften die Ostschweizer umgehend die Rückkehr in die Super League. Aber das Verhältnis zwischen Teilen der Anhängerschaft und dem Trainer blieb angespannt. Das gipfelte darin, dass der Trainer bei der Aufstiegsfeier ausgepfiffen wurde. Trotzdem, der Trainer heisst wie zum Zeitpunkt des Abstiegs noch immer Jeff Saibene.

Damit ist St. Gallen ein Sonderfall in einer Liga, in der es turbulent wie selten zugeht. Es sind noch keine fünf Monate gespielt und bereits sieben Trainer (in sechs) Klubs entlassen. Oder: Nur einer von zehn Super-League-Trainern ist länger als ein Jahr im Amt – Saibene. Rolf Fringer, das letzte Opfer, hat bereits vor seiner Entlassung beim FCZ moniert, dass sich die Super League in Richtung Piratenliga nach griechischem Vorbild entwickle. Dass die Eliteklasse in beiden Ländern Super League heisst, ist ein Detail. Doch selbst im wilden Griechenland dreht das Trainerkarussell diese Saison langsamer als bei uns. «Nur» sieben von 16 Klubs haben den Trainer ausgetauscht.

Das kleine Feld in der Liga, fehlende Fachkompetenz gepaart mit überdimensionierten Egos in der Teppichetage, fehlende Strukturen oder zu tiefe Trainerlöhne werden gerne als Gründe für diese Häufigkeit von Trainerentlassungen aufgeführt. Dabei kann man den wilden Aktionismus keinem Tschagajew, Pishyar, oder wie die ausländischen Hochstapler hiessen, zuschieben. Sie haben die hiesige Fussball-Bühne längst verlassen.

«Wenn man bedenkt, dass Saibene der dienstälteste Trainer der Super League ist, hängt das stark mit dem Präsidenten zusammen», sagt Aaraus Trainer René Weiler. «Dölf Früh schwimmt gegen den Mainstream, weil er entgegen dem sportlichen Misserfolg mit dem Abstieg und entgegen unzufriedenen Sponsoren und Fans an seinem Trainer festhält. Chapeau.» Saibene sagt: « St. Gallen ist für mich wie ein Lotto-6er. Unser System basiert auf Vertrauen. Dölf Früh lässt die Leute wirken. Und er wackelt nicht gleich beim ersten Gegenwind.»

Ziel ist nicht der Rang

Früh selbst hält den Ball flach. Bevor er sich zum Thema Trainerentlassungen äussert, hält er fest, dass er in keiner Weise besserwisserisch auftreten wolle. «Ich will mich nicht als Musterknabe der Nation profilieren. Das steht mir nicht zu. Deshalb rede ich nur über St. Gallen und nicht über die anderen Klubs. Der FC St. Gallen ist aber keine geschützte Werkstatt. Denn wir müssen in der Super League bleiben. Sonst wird der Spielbetrieb in der AFG ARENA zu teuer.» Für Sions Zampano Christian Constantin entscheidet beispielsweise der Totomat über das Schicksal des Trainers. Früh räumt ein, zwar auch Mühe mit Niederlagen zu bekunden, indes formuliert er als Zielsetzung keine Rangierung: «Unser Fokus liegt auf der Qualität der Arbeit.»

Ein Trainer im Dienst, der anonym bleiben will, geht so weit zu sagen, dass die meisten Klubs ein Führungsproblem hätten, weil die Bosse keine Fachleute seien und grosse Mängel punkto Sozial- und Führungskompetenz aufweisen. «Geld allein reicht häufig, um bei einem Klub die Macht zu übernehmen. Fachkompetenz ist hingegen keine Bedingung, um im Schweizer Fussball einzusteigen», sagt der Trainer. Natürlich will er anonym bleiben. Denn Trainer sind zur Wegwerfware geworden. Sie sind teilweise nur noch Marionetten von selbstverliebten Profilneurotikern. Oder wie Fringer mutmasst: «Zwei von drei Trainerentlassungen sind auf Fehler des Managements zurückzuführen.»

Nehmen wir die Young Boys als Beispiel. Nur schon aufgrund der finanziellen Möglichkeiten sollten die Berner fähig sein, den FC Basel herauszufordern. Doch YB tritt an Ort. Warum? Nicht weil die diversen Trainer auf der ganzen Linie versagt haben. Sondern weil an übergeordneter Stelle grobe Fehler gemacht worden sind, weil in der Führungsetage Kompetenzgerangel herrscht oder auch, weil keine klare Philosophie ausgearbeitet wird. Kurz: weil man den Klub einfach Handgelenk mal pi führt. Als der Titel in der Saison 09/10 in Griffweite lag, reichte es dem FCB, mit der Abwerbung von Gilles Yapi bei YB einen Flächenbrand auszulösen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der damalige Trainer Vladimir Petkovic nicht mehr handlungsfähig. Weil ihn Leute aus dem Vorstand aufgefordert hatten, fortan auf Yapi zu verzichten. «Wenn sich der Präsident oder der Sportchef in die Aufstellung einmischt, ist das für den Trainer gleichbedeutend mit dem Anfang vom Ende», sagt Saibene.

Heute hat YB zusammen mit dem FCB die mit Abstand teuerste Mannschaft der Liga aber einen der billigsten Trainer. Starstürmer Raul Bobadilla kassiert ein Vielfaches dessen, was sein «Chef» verdient. Das sagt viel aus über Martin Ruedas Stellenwert bei YB. Dass er keinen Einfluss auf die Transfers hatte und ihm nur ein Einjahresvertrag offeriert wurde, macht ihn endgültig zum Synonym des Wegwerf-Trainers. Auch wenn er aktuell noch im Amt ist.

Aber ist ihm etwas anderes übrig geblieben als die Chance YB – um jeden Preis – zu nutzen? Wohl kaum. Auch Saibene war mal in einer ähnlichen Situation. Als er in Aarau vom Assistenz- zum Cheftrainer aufgestiegen ist. «Ich wusste von vornherein, dass mit dieser Mannschaft und diesen Strukturen der Klassenerhalt utopisch ist. Aber man hofft dann trotzdem auf ein Wunder. Ausserdem: Was willst du auch anderes tun? Es gibt nur zehn Arbeitsplätze in der Super League. Deshalb habe ich auch Verständnis für jeden Trainer, der einen Job beim FC Sion annimmt.»

Dölf Früh ist kein Freund der 10er-Liga. Er befürwortet eine geschlossene Liga (ohne Absteiger) oder je zwölf Teams in der Super und der Challenge League. Das würde die Situation für die Trainer etwas entspannen, meint er. Entspannen würde die Situation aber auch, wenn die Kompetenz-Felder im Klub klar abgesteckt wären und die Präsidenten nicht nur die Trainer, sondern auch die Spieler bei Misserfolg in die Pflicht nähmen.

Mehr Ruhe im Eishockey

Ist das Hire and Fire ein schweizerisches Phänomen? Wenn man das Eishockey analysiert, lautet die Antwort nein. In der National League A (12 Teams) wurde diese Saison erst Ambris Kevin Constantine entlassen. Selbst die Trainer in Rapperswil, Langnau und Davos, die unter dem Strich platziert sind, wurden bislang verschont. Warum? Weil das Umfeld weniger nervös auf tabellarische Eruptionen reagiert. Weil man im Eishockey als Klub-Boss nicht die gleich grosse Bühne zur Selbstprofilierung hat wie im Fussball. Und weil im Eishockey die Klub-Bosse in der Regel jenen Kräften die sportliche Führung überlassen, die auch eine Ahnung davon haben.

Lucien Favre hat 2003 in seinem ersten halben Jahr als Trainer beim FC Zürich nur vier von 18 Partien gewonnen. Der damalige Präsident Sven Hotz hielt trotz beängstigender Kritik am Romand fest. Das Resultat: Favre entwickelte seinen Zauberfussball und schenkte Hotz 2006 zum Ende der 20-jährigen Amtszeit den ersten Meistertitel. Die Geduld und Gelassenheit eines Präsidenten zahlen sich manchmal doch aus.

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