Die Menge tobt, die Spieler sitzen hoch konzentriert an ihren Controllern und der Kommentator beklagt schreiend den Fehlschuss. Was nach Fussballstadion tönt, spielt sich in einer kargen Halle in Madrid ab. Lichter schwenken durch den Raum, Musik wummert in die Ohren der Zuschauer, Augen kleben auf Bildschirmen, Dutzenden von Bildschirmen. Es geht um viel heute: London is calling, London ruft. Dort findet Ende August der Grand Final im Fussballsimulationsspiel Fifa 17 statt, der grosse Final der 32 besten Fifa-Zocker der Welt. Es winken 200 000 Dollar Siegprämie und zwei Karten zur jährlichen Fifa-Gala und ein Treffen mit Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.

Der Däne Mohamad El-Bacha krallte sich letztes Jahr den Titel und sicherte sich das Treffen mit seinen Helden bei der Fifa-Gala. Roberto Carlos, Marcelo, Ramos, Griezmann, Neuer – alle waren da. Und El-Bacha schwärmte: «Ich habe sie alle getroffen – einfach Wahnsinn!» Doch auch er wird schon um Autogramme und Selfies gebeten, sagt: «Ja, das kommt vor, seit etwa einem Jahr erkennen mich gewisse Leute auf der Strasse. Aber ich werde sicher nicht alle fünf Sekunden angehauen und um ein Selfie gebeten wie Ronaldo.» Der Fan wird langsam zum Star. Ein Zeichen dafür, wie stark seine Domäne, das Gamen, im Aufwind ist. Und was Aufmerksamkeit erregt, ist für die Wirtschaft interessant. eSports boomen.

Machts die Schweiz wie Österreich?

Längst ist der Trend auch im Schweizer Fussball angekommen. Erst Mitte Mai hat der FC Basel Luca Boller (22) unter Vertrag genommen. Die Basler sind nicht die Ersten, die ins virtuelle Geschäft einsteigen. United Zürich, St. Gallen, Luzern, Servette und Lausanne mischen schon mit. Der ehemalige FCB-Marketingboss Martin Blaser sagt: «Die Digitalisierung des Fussballs gibt uns Zugang zu einer neuen, interessanten Zielgruppe.» Die Spieler sind jung, meist männlich, sportinteressiert – aber vielleicht noch nicht allzu oft im Stadion gewesen. Hier hofft man, mit dem eSports-Engagement Brücken schlagen zu können.

Eines der Probleme des virtuellen Fussballs: Es geht chaotisch zu und her. Da ein Turnier, dort eine Convention – es fehlen Strukturen und klare Verhältnisse. Auf der ganzen Welt. Doch andernorts sind sie weiter als in der Schweiz. In Holland startete am 6. Februar 2017 die E-Divisie, die virtuelle Eredivisie, Anhängsel von Hollands höchster Fussballliga. In Österreich kommt die eSports-Bundesliga noch dieses Jahr. Und in der Schweiz? Luca Boller, Schweizer Meister und FCB-Angestellter, sagt: «Innert kürzester Zeit sind vier Vereine eingestiegen. Manche Turniere haben mehr Zuschauer als gewisse Teams in der Schweiz Zuschauer im Stadion. Das sieht die Liga auch.»

Während in Österreich und Holland jeder Verein einen Gamer unter Vertrag haben muss, gibt es solche Vorschriften in der Schweiz noch nicht. Die Liga hat die Entwicklung auf dem Schirm, gibt sich aber bedeckt, auch weil noch nichts konkret ist. Sprecher Philipp Guggisberg sagt: «Die Digitalisierung der Klubs ist ein Thema, aber da ist eSports nur ein kleiner Teil davon.» Sicher ist: Der Liga-Hauptsponsor ist an der Thematik sehr interessiert. «Raiffeisen erachtet eSport als interessant und ist überzeugt, dass sich die noch junge Disziplin auch in der Schweiz bei einer breiten Zielgruppe weiter etablieren und medial an Relevanz gewinnen wird», sagt Mediensprecherin Cécile Bachmann zur «Nordwestschweiz». Eine virtuelle Liga, so scheint es, ist eine Frage der Zeit.

Sind die Erwartungen zu gross?

Das virtuelle Vorankommen des Fussballs wird durchaus auch kritisch betrachtet. «Das Engagement der Fussballklubs ist sicherlich positiv für die Sichtbarkeit und die sportliche Anerkennung von eSports. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Erwartungen der Klubs nicht erfüllt werden», sagt Vinzenz Kögler, Präsident des Schweizer eSport-Verbandes (SESF). Das Fussballspiel «Fifa 17» sei in der Schweiz zwar beliebt, gehöre jedoch nicht zu den lukrativsten und verbreitetsten eSports-Spielen. Da pflichtet Philippe Weizenegger von esports.ch bei: «Andere Games sind bezüglich Broadcasting, Unterhaltungswert und Quoten viel weiter.» Servette und Lausanne sind in der Schweiz die einzigen Klubs, die über das Fussballgame Fifa hinausdenken. Lausanne wurde soeben Schweizer Meister in der «League of Legends». Auch in Deutschland und Frankreich gibt es Klubs wie Schalke oder Paris St. Germain, die nicht nur auf Fussball-, sondern auch auf Baller-Games setzen.

Die Zurückhaltung hat einen Grund: das Risiko. Bei Baller-Games scheinen negative Schlagzeilen vorprogrammiert. Was hat das noch mit Fussball zu tun? Es könnte ein Schuss nach hinten werden. Die meisten Schweizer Klubs setzen deswegen bewusst auf das Fifa-Spiel. Man geht davon aus, dass das Spiel an Popularität zulegen wird. Auch weil man selbst Turniere veranstalten will. Am 9. Juli stieg in den VIP-Räumen im Joggeli erstmals ein Turnier. Auf 32 Spielstationen massen sich 506 Gamer, wie Veranstalter Denny Hilpert erzählt. Noch betrug die Preissumme bescheidene 5500 Franken. Auch hier rechnet man mit deutlichem Wachstum.

Hilpert und sein Team mieteten sich beim FCB ein. Aber eine engere Zusammenarbeit sei definitiv Thema, verrät der Veranstalter. «Der FC Basel wollte zuerst einfach einmal schauen, auf was für eine Resonanz das stösst», sagt Hilpert. FCB-Marketingboss Martin Blaser redet von bis zu sechs Turnieren, die man dereinst zu veranstalten gedenkt. Und um Luca Boller entsteht ein eSport-Team. Heute Dienstag gibt der FCB die Verpflichtung von zwei weiteren eSportlern bekannt. Gamer mit Weltniveau, wie man hört.

Die Zukunft des Fussballs ist digital. Das glauben wenigstens zahlreiche Marketing-Experten. Mit ein Grund für den Boom. Esports.ch-Journalist Weizenegger warnt: «Wenn man das Tempo der Entwicklung des eSports in den letzten fünf bis zehn Jahren anschaut, sieht man auch gewisse Risiken.» Dauernd erscheinen neue Spiele, der Markt wandelt sich stetig. «Trotzdem wiegt der Erfolg noch immer schwerer und die Reise wird wohl noch eine lange.» In eine unbekannte Zukunft, wohl auch eine virtuelle für den Fussball. Denn es gibt genügend Leute, die danach lechzen. Und die Zeichen der Zeit stehen ohnehin auf digital.