Fussball
«Ich YB dich» – selbst in Kanada machen die Berner glücklich

Der 54-jährige Bernie Lehmann ist vor 26 Jahren der Liebe wegen ausgewandert. Seiner zweiten grossen Liebe, den Young Boys, ist er aber treu geblieben – jetzt wird er dafür mit dem Meistertitel belohnt.

Markus Brütsch
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Einmal Goalie, immer Goalie: Bernie Lehmann posiert im YB-Goaliepullover.

Einmal Goalie, immer Goalie: Bernie Lehmann posiert im YB-Goaliepullover.

Wer zum Teufel ist hier denn ein YB-Fan?

Als Raphael Brandenberger am Nachmittag des 22. Juli 2017 das Büro der Firma Fraserway in Vancouver betritt, um nach ein paar Wochen in der kanadischen Wildnis seinen Camper abzugeben, traut er seinen Augen nicht. Was den Touristen aus dem Thurgau schier aus den Socken haut: Überall ist es gelb und schwarz! Poster,Fotos, Logos, Aufkleber, Bilder. Bran- denberger fragt: «Wer ist hier YB-Fan?»

«Ich!», ruft Bernie Lehmann. Als sich Brandenberger als eingefleischter Anhänger des FC Basel zu erkennen gibt, packt Lehmann die Gelegenheit beim Schopf, um dem Landsmann eine wichtige Neuigkeit unter die Nase zu reiben: YB - FCB 2:0. Erst wenige Stunden zuvor ist das Saisoneröffnungsspiel der Super League zu Ende gegangen und der euphorische Lehmann sagt: «Die Zeit des FCB ist abgelaufen. 2018 wird YB Meister. Dann komme ich nach Bern, um zu feiern.»

Neun Monate später ist YB zwar so gut wie Meister und Lehmann noch immer euphorisch – aber zu seinem Leidwesen nicht in der Schweiz. 8309 Kilometer trennen ihn von Bern. Doch in Vancouver ist Saisonbeginn und die Touristen entern die Firma, bei der Lehmann den Kundendienst leitet. «Es killt mich, dass ich nicht in Bern sein kann. Aber ich kann unmöglich weg», meldet der 54-Jährige telefonisch aus dem Büro.

100 Meter vom Wankdorf

Und dann erzählt er ohne Punkt und Komma aus einem spannenden Leben, das eng mit YB verbunden ist:

«Ich bin zusammen mit zwei älterenSchwestern 100 Meter neben dem alten Wankdorfstadion aufgewachsen. Mein Vater Rudolf war Elektriker und unter YB-Trainer Albert Sing auf dem Sprung in die erste Mannschaft. Er war gut befreundet mit Grössen wie Geni Meier, Charles Casali und Wale Eich. Meine Eltern sind beide 87-jährig und leben in Bern.

Schon als Knirps bin ich den YB-Junioren beigetreten. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Goalie sein wollte. Diese Position hat mich fasziniert: Machst du einen Fehler, kriegst du ein Tor. Für mich eine gute Lebenserfahrung. Einmal haben wir vor 30 000 Zuschauern ein Vorspiel von YB bestritten, und wir Junioren durften oft Ballboys sein. Die YB-Goalies wurden damals alle von Eich trainiert. Stefan Knutti, Bernard Pulver und ich haben wirklich hart trainiert. Aber mir hat dann wohl der letzte Wille gefehlt, um Karriere zu machen. Vom Charakter her bin ich jedoch bis heute ein Torhüter geblieben. Mein Spitzname: der Goalie. Passend dazu hängt ein Plakat des Films ‹Der Goalie bin ig› an der Tür zu meinem Büro. Ich bin ein Fan des Autors Pedro Lenz und finde ihn unheimlich humorvoll. Leider kenne ihn nicht persönlich.

Nach der Schulzeit habe ich dann das KV gemacht und bin beim Verkehrsverein Bern in den Tourismus eingestiegen. Ich war bei jedem YB-Heimspiel dabei. 1986, als es nach dem Zuzug des grossartigen Robert Prytz plötzlich zu laufen begann, auch auswärts. An jenem Abend, als YB in Neuenburg Meister wurde, hatten wir zwar Tickets, sind aber erst spät auf der Maladière angekommen. Wir sahen das Spiel zuerst nur von aussen durch kleine Schlitze. Es wurde ein unvergesslicher Abend: 4:1 gegen Xamax! Nach 26 Jahren waren wir wieder Meister. Meine Freunde und ich verbrachten die Nacht in Neuenburg – Halligalli!

An eine Episode aus jener Zeit erinnereich mich besonders gern: Nachdem der etwas untersetzte Pryz nach Bern gekommen war, lästerte ein Berner Reporter, das müsse der neue Buschauffeur sein. Zum Glück wurde der Kerl eines Besseren belehrt. Wir schlugen dann im Europacup Real Madrid durch ein Kopftor von Urs Bamert 1:0 und wurden 1987 Cupsieger.

Fünf Jahre später, mit knapp 29, bin ich dann nach Kanada ausgewandert. Nicht, weil es mir in der Schweiz nicht mehr gepasst hätte. Gegangen bin ich wegen der Liebe zu Martine. Aus dem Bernhard oder ‹Bänä› ist dann eben der Bernie geworden. Heimweh hatte ich nie – ausser nach YB. Heute ist die Familie vierköpfig. Wir haben 2005 zwei Buben aus Russland adoptiert: Igor (16) und Alexej (14). Beide spielen Eishockey. Wir leben in New Westminster, einem schmucken Vorort von Vancouver mit 75 000 Einwohnern. Mit dem Velo bin ich in 20 Minuten im Büro.

Meine Liebe zu YB hat in all den Jahren nie nachgelassen. Ich verfolge die Partien via Radio Gelb-Schwarz. Ich mag diese Burschen, die da kommentieren. Auf Youtube schaue ich mir jeweils die Pressekonferenzen an und sehe dann Medienchef Albi Staudenmann, mit dem ich noch ein paar Grümpelturniere bestritten habe. Beeindruckt bin ich von Trainer Adi Hütter, der nie einen Seich erzählt.

Super, wie YB spielt

Überhaupt bin ich begeistert, wie YB sich entwickelt hat. Entscheidend dafür ist die Arbeit von Hütter und Sportchef ‹Wuschu› Spycher, mit dem ich bei meinem letzten Besuch in der Schweiz im ‹Eleven› ein paar Minuten sprechen konnte. Spycher ist ein guterFreund meines Neveus. Ich finde super, wie YB spielt und die rührige Geschichte mit dem grossartigen Goalie Wölfli sowieso. Aber auch von Ballmoos, der Torhüter aus dem Emmental, gefällt mir. Die Fans kommen auf ihre Rechnung. Wenn ich an den Fallrückzieher von Hoarau denke oder die Direktabnahme von Sow: Wow!

Wenn YB heute gegen Luzern spielt, ist es bei uns zehn Uhr am Morgen und ich werde im Office voll im Stress sein. Aber ganz sicher alle paar Minuten bei Radio Gelb-Schwarz reinhören. YB wird eine Gala bieten und den Titel klarmachen. Das macht mich glücklich. Dass ich nicht dabei sein kann, ist jedoch schon sehr bitter.

Aber: Es gibt ja noch den Cupfinal. Ein Freund hat gesagt, er habe vielleicht ein Ticket . . . »