EM 2016
«Ich? Tickethändler? Nie im Leben! – Ich mache das sonst nicht»

Wer als Fussballfan in Frankreich weilt und live im Stadion ein Spiel sehen will, kann sich spontan auf erstaunlich leichtem Weg ein preiswertes Ticket kaufen. Ein spontanes Gespräch in einem Pariser Restaurant mit einem Tickethändler aus Österreich.

Silvan Hartmann, Paris
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Tickethändler: «Ich mache das sonst nicht – nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich an Tickets komme»

Tickethändler: «Ich mache das sonst nicht – nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich an Tickets komme»

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Mittwochnachmittag, 14 Uhr. Wir sitzen gemütlich im Restaurant Les Princes und nippen am Bier. Die Farbe Rot dominiert - das Thema Nummer eins: Fussball.

In vier Stunden beginnt im legendären Parc des Princes nebenan das zweite EM-Gruppenspiel der Schweiz gegen Rumänien.

Ein Herr setzt sich an den Nebentisch - Bierbauch, Mitte 50. Plötzlich gesellen sich zwei Nordafrikaner dazu.

Sie beugen sich über den runden Tisch und zählen ihr Bündel Hunderter Noten.

Der Bierbauch öffnet gleichzeitig seine Laptoptasche und zieht ein Kuvert voller Matchtickets hervor. Der Herr zählt das Geld und winkt entrüstet ab.

Seine Tickets bringt er in seiner Laptoptasche in Sicherheit, während die Nordafrikaner versuchen, den Mann vom Deal zu überzeugen. Kopfschütteln. Stattdessen bestellt er ein Bier. Die Nordafrikaner – mutmasslich Tickethändler – machen sich aus dem Staub.

Uns interessiert, was hinter dieser Szene steckt. Wir wechseln den Sitzplatz und kommen mit dem Herrn ins Gespräch: Manfred, 54, aus dem Raum Wien, versucht Tickets zu verkaufen. Konkret geht es um acht Tickets für den EM-Kracher Schweden-Belgien, wie wir im Laufe des Gesprächs erfahren.
Was haben die Ihnen geboten?

Sie wollten mir acht Tickets für 500 Euro abkaufen, obwohl die einen Wert von 1200 Euro haben – eine Frechheit.

Kennen Sie diese Typen?

Nein, ich kenne sie nicht. Sie haben mich vorhin bereits auf der Strasse angesprochen.
Warum besitzen Sie denn so viele Tickets?

Ich habe sie alle über den offiziellen Weg der Uefa erworben.
Machen Sie daraus ein Geschäft - sind Sie Tickethändler?

Nie im Leben. Ich hätte ihnen die Tickets ja für 1000 Euro gegeben, also ein Verlustgeschäft. Aber ich verkaufe sie bestimmt nicht für einen Spottpreis. Habt ihr denn Interesse?
Nein. Aber weshalb haben Sie so viele Tickets?

Ich wollte mit einer grösseren Gruppe Kollegen eine EM-Reise machen, weshalb wir uns auf gut Glück bei der Uefa für unzählige Spiele beworben haben. Das war zu einem Zeitpunkt, als noch nicht mal klar war, wer wo gegen wen spielt. Stellt euch vor: Wir haben schliesslich Tickets zugesprochen erhalten im Wert von 25'000 Euro. Niemals im Leben hätten wir daran gedacht, überhaupt an Tickets zu kommen. Wir dachten, das sei eine Lotterie und vergleichbar mit einem Lottosechser, überhaupt an welche Tickets zu kommen.

Und wo sind Ihre Kollegen?

Sie haben nach dieser saftigen Rechnung die Freude an der Reise komplett verloren und schauen sich die EM zu Hause vor dem Fernseher an. Ich übernehme nun die Verantwortung und reise vier Wochen in Frankreich umher, besuche selber Spiele und versuche die restlichen Tickets zu verkaufen.
Und jetzt sitzen Sie auf all den Tickets fest?

Einen Teil habe ich bereits weiterverkauft, einige brauche ich selber.
Verkauft an Tickethändler? Damit fördern Sie den Schwarzmarkt.

Ich weiss. Aber was soll ich tun? Wir haben uns bei der Uefa beklagt über den Zuspruch der vielen Tickets. Sie sagten, wir hätten uns dafür interessiert, eine Art Vertrag abgeschlossen.
Die Uefa nimmt die Tickets nicht zurück?

Nein, im Gegenteil. Alle meine Kollegen mussten die Kreditkarte angeben. Sie haben schliesslich auf allen so viel Geld abgezogen bis die entsprechende Limite erreicht war. Die Uefa ist eine Mafia - eine Geldmaschinerie. Dort wo sie das Geld riechen, da greifen sie zu.
Sind Sie nicht nervös, auf den Tickets sitzen zu bleiben?

(fühlt den Puls am Arm und schüttelt den Kopf) Warum sollte ich? Ich bin jetzt 54 Jahre alt. Es geht mir nicht ums Geld. Ich war Geschäftsführer einer grossen österreichischen Firma und habe dort viel Geld verdient. Ehrlich gesagt habe ich es nicht nötig, jedem Hunderter nachzurennen. Auch wenn ich auf den Tickets schliesslich sitzen bleibe - das Leben geht weiter. Ich bin gesund, das ist doch die Hauptsache.

Das sagen sie doch alle.

Ich weiss es nicht, weil ich kein Tickethändler bin. Ich sehe mich als Opfer der Uefa. Niemals werde ich mich wieder um irgendwelche Tickets bemühen.

Haben Sie das Interesse an der EM in Frankreich überschätzt?

Als Fussballfan gibt es doch nichts Besseres als eine Europa- oder eine Weltmeisterschaft. Warum es noch immer so einfach ist, Tickets von spielerisch hochstehenden Gruppenspielen, oder sogar von den beiden Halbfinalmatches, zu ergattern, ist mir schleierhaft.

Sie bestätigen mein Gefühl. Hätten wir das Interesse, wir könnten spontan unzählige preiswerte Tickets kaufen.

Der Terror hat die Freude am Fussball gedämpft. Frankreich lebt die Europameisterschaft nicht. Die Terrorattacke in Paris vom letzten November war ja noch ein Ereignis, das man verarbeiten konnte. Doch dann die Attacken von Brüssel waren zu viel. Die Terroristen haben es geschafft, Ängste zu schüren.