Das Leben nach dem Abpfiff
«Ich bin ein Gewinnertyp» – Gilbert Gress über Terror, Kartenspiele und das Leben als TV-Experte

In loser Folge richtet diese Zeitung den Blick auf spannende Persönlichkeiten aus dem Fussballbusiness. Und lässt sie aus dem Leben nach der Karriere erzählen. Heute mit Gilbert Gress (77).

Mario Heller
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Gilbert Gress beim Kartenspielen mit seinen Freunden im «Chez soi» in Strassburg.

Gilbert Gress beim Kartenspielen mit seinen Freunden im «Chez soi» in Strassburg.

Mario Heller

Zwei Worte habe ich noch nie in meinen Mund genommen: Alter und Pension. Ich bin jeden Tag unterwegs, und es macht mir unheimlich viel Spass. Ich setze mich auch für viele gemeinnützige Zwecke ein, das ist eine Freude. Als Held sehe ich mich deswegen nicht. Aber für meine Frau ist es nicht so einfach. Sie sieht mich ziemlich wenig. Am 17. Dezember hatte ich Geburtstag, da ging ich mit ihr und den Enkelkindern essen. Weihnachten verbringen wir ebenfalls zu Hause. Danach fahre ich mit meiner Frau und meinem Sohn nach Zermatt. Ski fahre ich nicht, aber spazieren kann ich gut.

Meine Heimat Strassburg hat schwierige Tage hinter sich. Der Anschlag in der Stadt hat mich geschockt. Als ich im Fernsehen die Berichterstattung sah, kamen Erinnerungen hoch. Der Terrorist ging in dieselbe Schule wie ich. Er wurde so oft in so vielen verschiedenen Ländern verurteilt, ich verstehe nicht, wie so einer noch frei herumlaufen konnte. Man sieht den Menschen in der Stadt an, dass sie bedrückt sind. Präsident Macron macht eine Schweigeminute, das mag schön sein. Aber ich hoffe, dass die Regierungen alles unternehmen, um die Gesellschaft zu schützen.

In meiner Freizeit treffe ich mich gerne mit einer Gruppe von alten Freunden zum Kartenspiel. «Chez soi» heisst das Lokal, es liegt kurz vor Strassburg. Woher ich diese Menschen kenne, kann ich gar nicht mehr sagen. Beim Kartenspielen kommen ständig Leute hinzu. Man lernt sich kennen. Und trifft sich wieder. Längst sind alles gute Freunde von mir. Wir spielen Tarot, ein Spiel mit 78 Karten. Ich habe immer Karten gespielt in meinem Leben. Früher fuhr man als Fussballspieler locker auch mal 15 Stunden, die Züge hielten an allen Bahnhöfen. Da hat man stundenlang mit den Teamkollegen Karten gespielt. Heute ist das ja anders, alle fliegen nur noch und haben einfach Musik auf den Ohren. Ich spiele ja nicht, um reich zu werden. Mein Einsatz beträgt höchstens 20 Franken, trotzdem würde ich mich als Gewinnertyp bezeichnen. Weil niemand sagt, dass ich der Beste bin, sage ich es selber von mir.

«Ich wollte nie etwas anderes machen als Fussball spielen»

Ich wollte nie etwas anderes machen als Fussball spielen. Im Alter von 10 Jahren kickte ich täglich in unserem Quartier. Einmal sagte Freddy, ein Schulkamerad: ‹Schau mal in den Himmel, da ist ein Flugzeug. Später in meinem Leben werde ich in so einem sitzen als Pilot.› Da antwortete ich ihm: ‹Und weisst du was, später in meinem Leben werde ich Fussballprofi!›

Freddy wurde Pilot und ich Fussballprofi. Schön, oder? Ich hatte also das Glück, ab dem 18. Lebensjahr nicht mehr arbeiten zu müssen. Erst stand ich als Spieler auf dem Platz, dann als Trainer an der Seitenlinie und schliesslich vor der Kamera im Fernsehen. Manchmal mit der Miss Schweiz, Christa Rigozzi. Auch nicht so übel, oder? Aber meine Karriere fiel mir natürlich nicht einfach so in den Schoss. Ich sage immer, egal wo: Glück machen höchstens fünf Prozent aus. Alles andere ist harte Arbeit und Schweiss. Wenn heutzutage ein Fussballer nach seiner Karriere in finanzielle Schwierigkeiten kommt, kann ich das nicht glauben. Dann muss er unglaublich faul sein oder schlecht mit Geld umgehen können.

Zu meiner Zeit verdiente man als Fussballer mittelmässiges Geld, und zwar egal in welcher Liga. Natürlich gab es Ausnahmen. Viele meiner Kollegen gingen nach dem Karriereende zu Adidas oder Puma. Dass man Trainer wurde, war insbesondere in der Französischen Liga eher ungewöhnlich. Ein ehemaliger Mitspieler von mir beendete seine Karriere und machte ein Restaurant auf. Stellen Sie sich das mal vor: Du bist Profifussballer und musst danach in der Küche arbeiten. Das ist nicht einfach. Er ging schliesslich auch bankrott. Ich glaube, heute arbeitet er in einem Pizzarestaurant im Service. Ich hörte die Leute über ihn tuscheln: ‹Der hat doch Millionen verdient, was hat er damit gemacht?› Da kann ich nur den Kopf schütteln, denn diese Menschen haben keine Ahnung.

Nach meiner Karriere habe ich viele Jahre vor der Kamera als Fussball-Experte verbracht. Auch heute bin ich noch als Experte tätig, bei Teleclub beispielsweise. Oder für TV24. Ich bin immer noch mindestens dreissig Mal pro Jahr am Bildschirm. Früher waren es vielleicht einige Einsätze mehr. Beim Schweizer Fernsehen war ich halt stets mit Rainer Maria Salzgeber unterwegs, wir waren ein eingespieltes Team. Jetzt wechseln die Experten ständig, aber sie sind alle kompetent, das ist das Wichtigste. Natürlich war es eine Enttäuschung, als das SRF mich absetzte. Aber ich fühle mich auch bei den neuen Sendern wohl.

«Wohl fühlte ich mich im Fernsehen schon immer»

Natürlich bin ich immer noch nervös, wenn ich vor die Kameras trete. Es ist vergleichbar mit dem Kribbeln, das ich als Trainer vor einem Spieltag hatte. Egal, wie gross oder klein der Gegner war. Wenn dieses Kribbeln nicht mehr wäre, dann könnte ich ja gleich aufhören. Aber wohl fühlte ich mich im Fernsehen schon immer. Das erste Mal stand ich vor über 60 Jahren vor der Kamera, mit zarten 16 Jahren. Ich war bei der Jugendauswahl bei Strassburg und sagte: Ich heisse Gilbert Gress, bin Mittelfeldspieler, und noch so ein paar Sätze. Und dann war ich ja auch schon als Spieler bei Stuttgart im ZDF Sportstudio. Da musste ich dann eine Torwand treffen. Der zweite Gast war ein Bäckerlehrling, er traf zwei Mal, ich nur ein Mal. Erst war es mir peinlich, aber der Moderator meinte dann, dass auch Pele mal bei ihnen auf die Torwand schoss und gar nichts traf.

Richtig schlimme Pannen im Fernsehen habe ich nie erlebt. Einmal gab es einen längeren Spielunterbruch und ich musste 40 Minuten lange mit Rainer Maria Salzgeber das Publikum ohne Fussball unterhalten. Da habe ich halt einige meiner Geschichten erzählt. Zum Beispiel, dass ich mit Zürich mal gegen die Bayern spielte, in der Halbzeit nicht mehr in die Kabine kam, da sie verschlossen war, und meine Brieftasche während des Spiels geklaut wurde.»