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Hitzfelds Suche nach Optionen: «Wir benötigen in Brasilien viele Alternativen»

Das knapp positive Ergebnis gegen Jamaika war sekundär. Von grösserem Interesse dürfte sein, wie Ottmar Hitzfeld die Leistung der zweiten Garde interpretiert.

Sven Schoch (Si), Luzern
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Ottmar Hitzfeld: "Lasse ich immer die Gleichen spielen, dann habe ich eine A-Mannschaft und eine B-Elf, die schwächer ist, weil sie keine Spielpraxis hat."

Ottmar Hitzfeld: "Lasse ich immer die Gleichen spielen, dann habe ich eine A-Mannschaft und eine B-Elf, die schwächer ist, weil sie keine Spielpraxis hat."

Keystone

Den Begriff Testspiel nahm Hitzfeld 15 Tage vor dem WM-Auftakt gegen Ecuador wörtlich. Der Selektionär experimentierte gegen den zweitklassigen Sparring-Partner aus der CONCACAF-Zone. Nur fünf seiner engeren Auswahl standen von Beginn weg auf dem Rasen. Bei der Analyse des flauen Spiels wiederholte der Coach seine Message, die er schon in den Tagen zuvor im Camp in Weggis mehrfach platziert hatte: "Wir benötigen in Brasilien viele Alternativen." Ihm ist klar, dass der Energiehaushalt eine Schlüsselrolle spielen wird, um den Achtelfinal erreichen zu können.

Obschon unter (medizinisch) normalen Umständen faktisch zehn der elf Plätze in der Schweizer Start vergeben sind und Hitzfeld die entscheidenden Namen mit Sicherheit längst im Kopf hat, will der Trainer auch die Vertreter der zweiten Reihe bei Laune halten. Am mutmasslich kräfteraubenden Projekt in Südamerika soll jeder teilhaben.

Hitzfeld dehnt den Kreis der Verantwortungsträger angesichts der schwierigen klimatischen Verhältnisse bewusst aus und will den Anschein einer Zweiklassengesellschaft unbedingt vermeiden: "Lasse ich immer die Gleichen spielen, dann habe ich eine A-Mannschaft und eine B-Elf, die schwächer ist, weil sie keine Spielpraxis hat."

Drmics Zeugnis

Im nächsten Vorbereitungsspiel gegen Peru am kommenden Dienstag ist gleichwohl mit einer Formation zu rechnen, die mehr Rückschlüsse auf Hitzfelds konkrete WM-Planung zulassen dürfte - zumindest auf den Positionen, über deren Besetzung bis vor Kurzem Spekulationen kursierten. Steve von Bergen und Fabian Schär, in der Innenverteidigung während der entscheidenden Phase der Ausscheidung zum unbestrittenen Kombination aufgestiegen, werden das Duo Senderos/Djourou ersetzen, im Sturm beginnt Josip Drmic.

Wie Keeper Benaglio, die Viererkette mit den gesetzten Aussenverteidigern Lichtsteiner und Rodriguez, Behrami an der Seite von Captain Inler, die beiden Offensiv-Künstler Shaqiri sowie Stocker besitzt inzwischen auch Drmic eine Startgarantie bei der Schweizer WM-Ouvertüre. Anders ist Hitzfelds Kommentar nach dem 1:0 gegen Jamaika nicht zu interpretieren: "Drmic hat sich für weitere grosse Aufgaben aufgedrängt. Ich bin glücklich, wenn man Spieler hat, die treffen." Tore seien immer das beste Zeugnis.

In seiner ersten Bundesliga-Saison produzierte Drmic serienweise Treffer. 17-mal war der 21-Jährige erfolgreich und bereits stark genug, um in Leverkusen einen Fünfjahresvertrag zu unterschreiben. Seinen markanten Aufschwung setzte er im Nationalteam fort. 2014 skorte in der SFV-Auswahl nur Drmic - beim 2:2 gegen Kroatien und nun gegen Jamaika. Seine aktuelle 50-Prozent-Quote will der frühere FCZ-Junior nach sechs Länderspielen keineswegs überbewerten: "Klar tut es mir persönlich gut zu treffen, aber wichtiger sind die Fortschritte der ganzen Mannschaft."

Mehmedis Wunschposition

Nicht nur Drmic ist mit einem beträchtlichen Selbstvertrauen zur Vorbereitung eingerückt, auch Admir Mehmedi hat sich in Freiburg zu einem Akteur mit imposanter spielerischer Schubkraft entwickelt. "Nie zuvor spielte ich in einer Top-Liga eine so gute Meisterschaft." Entsprechend hat er auch in Hitzfelds Equipe vor, mehr als nur ein braver Mitläufer zu sein.

Mehmedi überzeugte Freitagabend im von ihm nicht bevorzugten Couloir ohne Einschränkung. Zu seinem Repertoire gehören smarte Pässe und energische Abschlüsse. Wo und ob Hitzfeld mit dem Spielmacher plant, ist indes weiterhin unklar. Mehmedi selber sähe sich am liebsten direkt hinter der Spitze: "Dort fühle ich mich am wohlsten. Ich spielte während der ganzen Saison in Freiburg auf dieser Position. Der Trainer weiss das."

Interessant wird nun also sein, ob Mehmedi, der nach dem Test in Luzern über leichte Fussbeschwerden klagte, gegen Peru vom linken Couloir ins Zentrum rückt. Wenn Hitzfeld sich schon bei jeder Gelegenheit über zusätzliche Optionen Gedanken macht, müsste die Besetzung der strategisch wichtigen Schaltstelle in der Offensive eigentlich zur Debatte stehen.

Spurlos gingen die schwierigen Wochen im Klub an Granit Xhaka nicht vorbei. Hitzfeld könnte es womöglich schwer fallen, an seiner im ersten Teil der WM-Kampagne unverzichtbaren Nummer 10 festzuhalten, wenn er Mehmedis Qualitäten angemessen berücksichtigt.