Fussball
Hitzfeld: «Wir müssen lernen, kaltblütiger zu sein»

Die Erkenntnisse nach dem torlosen 0:0 in Zypern sind nicht neu: Noch immer steht und fällt die Schweizer Nationalmannschaft mit ihrer Effizienz in der Offensive.

Etienne Wuillemin, Nikosia
Drucken
Teilen
Da zappelt der Mann im Netz: Auch Xherdan Shaqiri brachte den Ball trotz bester Gelegenheiten nicht im Tor der Zyprioten unter.

Da zappelt der Mann im Netz: Auch Xherdan Shaqiri brachte den Ball trotz bester Gelegenheiten nicht im Tor der Zyprioten unter.

Keystone

Es ist der Morgen nach dem Spiel, nach dieser 0:0-Niederlage in Zypern. Jetzt darf Ottmar Hitzfeld wieder bei seinem Team sein. Jetzt darf er wieder sprechen. Jetzt steht der gesperrte Trainer wieder im Mittelpunkt.

Bald erzählt er, wie er den Abend zuvor im Hotelzimmer vor dem Fernseher verbracht hat. Wie seine Nervosität stieg, «weil ich sah, wie wir uns Chance um Chance herausspielten, aber einfach kein Tor zustande brachten». In diesen Momenten sei er auch einmal vom Schreibtisch aufgesprungen, im Zimmer auf und ab gegangen. Aber eines blieb ihm nicht erspart: das Gefühl der Machtlo-
sigkeit.

Hitzfeld verfolgte das Spiel nicht im Stadion, «weil ich Abstand gewinnen wollte von der Hektik, die sicherlich aufgekommen wäre.» Weil er hätte tun wollen, was er nicht durfte: Zur Bank hinuntersteigen und der Mannschaft helfen. Und vielleicht konnte er so auch, ganz diskret, die eine oder andere Botschaft im Umfeld des Teams platzieren.

Hitzfelds Fähigkeit, umzudenken

Mit dem Abstand einer Nacht arbeitet Hitzfeld die Ereignisse von Nikosia ganz entspannt auf. Er unterscheidet dabei zwischen dem kurzfristigen Blick und der langfristigen Aussicht. Als «eine verpasste Chance», wertet er das torlose Unentschieden. Die Enttäuschung darüber kann und will er nicht verbergen, genauso wenig wie seine Spieler. Aber, und darauf weist er eben auch hin, «die Schweiz hat noch immer eine gute Ausgangsposition im Kampf um die direkte Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien.»

Für eine positive Überraschung hatte Hitzfeld schon vor dem Anpfiff gesorgt. Er nominierte in der Offensive neben Shaqiri das Trio Stocker, Emeghara und Seferovic. «Weil ich es nicht hätte verantworten können, auf Spieler zu vertrauen, die nun seit längerem in ihren Vereinen keine Rolle mehr spielen.» Das gilt für Derdiyok, Barnetta und Xhaka. Es war der Beweis von Hitzfeld, seine Meinung überdenken zu können. Lange hatte das Mantra des Lörrachers geheissen: «Hauptsache ein Team, das eingespielt ist.»

Anspruch und Realität bei Shaqiri

Dass auch diese formstarken Spieler bis zum Ende kein Tor zustande brachten, war der Schönheitsfehler, der Hitzfeld sagen liess: «Wir müssen lernen, kaltblütiger zu sein.» Er fügte an, dass auch solche Erfahrungen für eine junge Mannschaft dazugehören. Und vergass wohltuend auch nicht das Glück zu erwähnen, das die Schweiz beim Pfostenschuss von Makridis in Anspruch genommen hatte.

Einige Erkenntnisse aus Zypern sind nicht neu, aber umso offensichtlicher geworden. Noch immer steht und fällt die Schweizer Nationalmannschaft mit ihrer Effizienz in der Offensive. So beeindruckend diese in den Partien gegen Slowenien, Albanien und Island war, so bescheiden war sie nun in Zypern. Das hatte viel mit Shaqiri zu tun. Ein Spieler mit dieser Klasse und diesen Ansprüchen an sich selbst – nämlich in Zukunft auch bei den Bayern vermehrt und vor allem in den wichtigen Spielen aufgestellt zu werden – muss mit diesen Chancen mindestens einmal reüssieren. Nach einem ansprechenden Start in die WM-Qualifikation hat Shaqiri nun drei Mal nicht überzeugt.

Eine andere, viel diskutierte Frage war gestern jene nach der Leistung von Innocent Emeghara. Wer behauptet, er hätte taktisch zu grosse Mängel offenbart und erst noch keine Spielmacherqualitäten, sollte vielleicht auch diese Fakten bedenken: Mit Emeghara kam die Schweiz zu vier grossen Torchancen. Ohne ihn nach der Pause noch zu eineinhalb Möglichkeiten. Hitzfeld sagt folgerichtig: «Ich würde wieder gleich aufstellen.»

Der Instinkt eines Stürmers

Und natürlich sorgte diese eine Szene von Valentin Stocker und Haris Seferovic für Gesprächsstoff. Alleine vor dem Tor entschied sich Stocker für den Pass – nur glaubte Seferovic nicht wirklich an diese Möglichkeit. Und weg war die erstklassige Chance.

Als Stocker direkt nach dem Spiel eine Kamera vors Gesicht gehalten wurde, sagte er: «Zwei, drei haben mir gesagt, beim FC Basel hätte ich das Tor selbst gemacht. Und ich glaube, ich muss denen recht geben.» In diesen Worten waren keinerlei Misstöne enthalten wie einst, als Alex Frei nach dem 0:0 in Bulgarien im März 2011 dasselbe gesagt hatte.

Mit einem Tag Abstand konnte Stocker erklären, wie er seine Worte gemeint hatte. Es ging ihm ums Selbstverständnis, mit dem er beim FCB auftritt, auch darum, dass die Spieler im Klub den Gedanken der Teamkollegen eher kennen als im Nationalteam, wo er diese Woche das erste Mal gemeinsam mit Haris Seferovic trainierte. «Vielleicht hat Seferovic nicht mit einem Pass gerechnet, weil er wie ein Stürmer denkt. Weil er in meiner Situation das Tor selbst gesucht hätte.»

Stocker übernimmt Verantwortung

Der 23-Jährige übernahm die Verantwortung für die verpasste Chance. Und sagte: «Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich den Pass spielen will. Dieser Gedanke ist vom menschlichen Aspekt her doch der richtige.» Und fügt an: «Es wäre doch schlimmer gewesen, wenn ich es selbst probiert hätte und gescheitert wäre.»

Bevor Stocker ins Flugzeug steigt, regt er noch diesen Gedanken an: «Ein Tor für uns? – Alles ist super. Kein Tor? – Deshalb ist jetzt alles schlecht.»

Wer an die Schweizer Siege in Slowenien und Island denkt, erkennt: So falsch liegt Stocker nicht.

Aktuelle Nachrichten