WM-Qualifikation
Hitzfeld: «Für vier Punkte unterschreibe ich nicht»

Der Coach der Schweizer Fussballnati spricht im Interview über den «Blick», Granit Xhaka und die WM-Qualifikation und sagt, warum er heute nicht für vier Punkte in den nächsten zwei Quali-Spielen unterschreiben würde.

Markus Brütsch
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Dirigiert Ottmar Hitzfeld die Schweiz weiter zu Siegen in der WM-Quali?

Dirigiert Ottmar Hitzfeld die Schweiz weiter zu Siegen in der WM-Quali?

Keystone

Ottmar Hitzfeld empfängt zum Interview im Café/Restaurant Arte in Riehen. Nur einen Steinwurf von seinem Wohnort Lörrach entfernt.

Das Gespräch beginnt mit einer kurzen Einschätzung der Geschehnisse in der Bundesliga.

Hitzfeld ist im Element, und es wäre eine Freude, mit ihm, dem langjährigen Erfolgstrainer von Borussia Dortmund und Bayern München, ausschweifend zu diskutieren. Gekommen sind wir indes, um mit dem Schweizer Nationalcoach über die «neue» Nati zu sprechen, die mit den Siegen gegen Slowenien und Albanien vielversprechend in die WM-Qualifikation gestartet ist.

Ottmar Hitzfeld, am Samstag ist Ihre erste Kolumne im «Blick» erschienen. Im Vorfeld haben Sie für die Zusammenarbeit mit Ringier viel Kritik einstecken müssen. Hat Sie die Heftigkeit überrascht?

Ottmar Hitzfeld: Nein, es war für mich klar, dass es Kritik gibt. Aber ich habe mich dafür entschieden, weil für mich klar ist, dass meine Integrität immer an erster Stelle steht. Und ich den «Blick» nicht bevorzugen werde, selbst wenn ich einen Vertrag mit dem Verlagshaus Ringier habe.

Sie würden es noch einmal genau so machen?

Ja, natürlich. Ich kann auch damit leben, dass manche Journalisten fadenscheinige Argumente bringen und meine Integrität infrage stellen.

Sie bieten damit aber unnötig eine Angriffsfläche.

Man muss nicht immer nur das tun, was keine Angriffsflächen bietet.

Weshalb schreiben Sie die Kolumnen nicht einfach erst nach Abschluss Ihrer Trainerkarriere?

Ich beginne jetzt damit und fahre fort, wenn ich als Trainer aufhöre.

Sie kritisieren Mehmet Scholl für seine Fernsehtätigkeit bei der ARD.

Das ist nicht mit meinem Fall vergleichbar. Als Angestellter von Bayern München kann er doch nicht in der Öffentlichkeit die Bayern-Spieler kritisieren oder gar beleidigen.

Es muss für Sie angenehm sein zu wissen, dass der «Blick» Sie auch dann in Ruhe lässt, sollte es in den kommenden Spielen gegen Norwegen und Island schlechte Resultate geben.

Die «Blick»-Journalisten haben ihre Freiheiten. CEO Marc Walder gibt sicher nicht die Anweisung, Hitzfeld dürfe nicht kritisiert werden. Der «Blick» ist bekannt dafür, nach Niederlagen kritisch zu sein und nach Siegen zu loben.

Seit einiger Zeit wird berichtet, Ottmar Hitzfeld habe sich «erneuert». Wie ist das zu verstehen?

Das weiss ich auch nicht. Wenn man gewinnt, tönt das so. Wenn man verliert, heisst es, nichts habe sich verändert.

Aber Sie haben beim Länderspiel in Kroatien selber davon gesprochen, sich weiterentwickelt zu haben.

Erneuert habe ich mich nicht. Ich bin immer noch Ottmar Hitzfeld. Ich suche zum Beispiel ständig nach neuen Möglichkeiten im Offensivbereich. Ich bin ein Trainer, der offen ist und langfristig denkt. Sonst hätte ich mich nicht sechs Jahre bei Dortmund und Bayern halten können.

Die Frage zielte weniger auf Spieltaktisches als in Richtung Mannschaftsführung. Gestehen Sie den Spielern heute mehr Freiheiten zu als auch schon?

Ich muss immer flexibel sein. Mal straff anziehen, dann wieder lockerer sein. Es ist ein permanenter Prozess. Die Jungen von heute sind selbstbewusster. Aber sie müssen bereit sein, sich von den Älteren auch mal etwas sagen zu lassen. Es geht um die Hierarchie innerhalb einer Mannschaft. Der Teamspirit muss stimmen. Daran arbeite ich permanent.

Ist es für Sie angenehmer, dass Spieler wie Alex Frei und Marco Streller, die sehr polarisiert haben, nicht mehr dabei sind? Es ist ruhig ums Team geworden ...

Wir hatten auch früher Ruhe. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu Captain Alex Frei und zu Marco Streller.

Worin unterscheidet sich die «neue» Mannschaft von der «alten»?

Die Mannschaft hat sich verändert, klar. Wir haben den Umbruch eingeleitet und das Glück gehabt, überragende junge Spieler zu haben - mit Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Ricardo Rodriguez gar eine goldene Generation. Wir haben versucht, im spielerischen Bereich Fortschritte zu machen. Das ist uns gelungen, obwohl es immer schwieriger wird, sich offensiv durchzusetzen. Alle Mannschaften sind gut organisiert und haben Kondition für neunzig Minuten. Was mich freut: Wir können auch Tore aus dem Mittelfeld schiessen und sind nicht mehr nur von Stürmern abhängig.

Womit wir bei der Problemzone wären.

Das ist so. Leider spielt Eren Derdiyok bei Hoffenheim nicht mehr von Anfang an, Admir Mehmedi verfügt in Kiew nicht über viele Spielminuten und Innocent Emeghara ist gar nicht mehr im Aufgebot. Immerhin scheint Mario Gavranovic beim FCZ wieder in Form zu kommen.

Ist die aktuelle Mannschaft gleichwohl jene mit dem grössten Potenzial in Ihrer Amtszeit?

Wir hatten auch eine gute Qualität in der Mannschaft, als wir uns nach einem schlechten Start für die WM 2010 qualifizierten. Im Angriff waren wir torgefährlicher. Jetzt haben wir mehr Migranten in der Mannschaft. Deshalb habe ich auch Gökhan Inler zum Captain gemacht. Er kann als Vorbild verschiedene Kulturen, Mentalitäten und Charaktere verbinden.

Shaqiri hat bei Bayern mit Erfolg auch schon im Zentrum gespielt. Ist dies auch für Sie eine Option?

Ja, dies ist eine Überlegung, die ich mir immer wieder mache. Shaqiri hat auch in Kroatien auf der Zehnerposition gespielt, als Xhaka auf die Sechserposition zurückging. Es ist eine Möglichkeit, die uns im Offensivbereich Flexibilität gibt. Auch gegen Albanien war Shaqiri oft im Zentrum. Ich bin froh, wenn ihn Jupp Heynckes bei Bayern auf verschiedenen Positionen einsetzt. Aber Shaqiri kann man ohnehin überall bringen - selbst als Verteidiger.

Er selber sagt von sich, wenn er Trainer wäre, würde er sich als Zehner aufstellen.

Das ist der Traum jedes Fussballers.

Nicht unbedingt. Xhaka sagt ja, er würde lieber auf der Sechs spielen.

Weil er es dann einfacher hätte. Da kann er sich zurückziehen, kommt schneller in Ballbesitz und kann einfache Pässe spielen. Die Zehnerposition ist undankbarer, weil es immer eng ist, immer ein oder zwei Gegenspieler in der Nähe sind.

Apropos Xhaka: Was sagen Sie zu seinem offenen Brief ans albanische Volk?

Wir leben in einer Welt, in der vieles veröffentlicht wird und jeder seine Meinung abgibt. Granit Xhaka war nach dem Spiel gegen Albanien in seinem Stolz verletzt. Er und die anderen albanischen Spieler in unserem Team sind aufs Schwerste beleidigt worden. Nicht nur in der Schweiz von albanischen Fans, sondern auch in albanischen Zeitungen. Selbst die Familien wurden beleidigt. Darum ist zu respektieren, wenn er sich rechtfertigen will. Granits Wurzeln sind im Kosovo. Dass sein Herz weiterhin auch für den Kosovo schlägt, spricht für ihn. Wenn er sagen würde, der Kosovo interessiere ihn nicht mehr, wäre das kein guter Charakterzug.

Wie gross ist die Gefahr, dass einer wie Xhaka abspringt, sollte es die Nationalmannschaft von Kosovo dereinst mal geben?

Die Fifa und die Uefa werden lange brauchen, um solche Pläne umzusetzen. In den nächsten zwei oder drei Jahren wird nichts passieren. Ich denke überdies, dass die albanischen Spieler, die für uns spielen, eine grosse Verbundenheit mit der Schweiz haben. Und sie werden mit ihr gewiss grössere Erfolge feiern können als mit einem Team des Kosovo. Diese Debatte stellt sich also überhaupt nicht.

Vor allem dann nicht, sollte sich die Schweiz für die WM 2014 in Brasilien qualifizieren. Nach dem guten Start mit zwei Siegen erwarten die Fans das auch.

Es muss uns selbstbewusst machen und Schwung geben, wenn die Fans wieder an uns glauben. Wir spüren die Aufbruchstimmung. Das ist gut für die Mannschaft, sie braucht den Rückhalt der Anhänger und der Schweizer Bevölkerung. Diese Stimmung wollen wir aufrechterhalten.

Dazu braucht es gegen Norwegen am Freitag und Island am Dienstag gute Ergebnisse. Wie schätzen Sie diese Gegner ein?

Norwegen ist eine Mannschaft mit typisch nordischer Kultur. Sie ist abgeklärt, laufstark, kampfstark. Sie hat den Spirit der Engländer, nie aufzugeben. Auch Island spielt ähnlich.

Würden Sie in diesen zwei Spielen für vier Punkte unterschreiben?

Für vier Punkte unterschreibe ich nicht. Wenn ich sechs Punkte holen kann, dann will ich sechs Punkte.