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Hier gehts lang, ihr Pubertierenden! Für die Nati steht die Reifeprobe an

Den Ball fest im Griff. Englands Torhüter Joe Hart hat für den Schweizer Sturm und Josip Drmic nur ein Lächeln übrig.

Den Ball fest im Griff. Englands Torhüter Joe Hart hat für den Schweizer Sturm und Josip Drmic nur ein Lächeln übrig.

Nach dem 0:2 gegen England muss die Schweiz ihre eigene Wirklichkeit finden – Fragen sind erlaubt.

Manchmal reicht ein Bild, um eine ganze Geschichte zu erzählen. Der Ball fliegt und fliegt. Josip Drmic streckt sich. Vergebens. Der Ball fliegt und fliegt. Bis in die Geborgenheit von Joe Hart. Dann kommt dieser eine Blick. Ein fieses Lächeln. So, als wäre Englands Torhüter ein Lehrer, der zu seinem pubertierenden Schüler, Drmic, schaut und sagt: «Hier gehts lang, ihr Pubertierenden!»

So war das an diesem Montagabend in Basel zum Auftakt der EM-Qualifikation. England in der Chefrolle. Die Schweiz in jener des staunenden Schülers. Mit guten Ansätzen zwar, aber nicht mehr. Und vor allem: am Ende ohne Punkte.

«Viele Torchancen herausgespielt»

Eine Nacht lang hatte der neue Trainer Vladimir Petkovic Zeit, um seine Premiere zu verdauen. Das Spiel habe ihm nicht den Schlaf geraubt, versichert er bald einmal, denn: «Es ist zwar eine Niederlage. Aber kein Drama.» Petkovic spricht ruhig, sachlich, manchmal mit einem Schuss Humor. Beispiel? «Wir haben viele Torchancen herausgespielt. Einige für uns – und einige für England.» Es war gewiss kein Zufall, dass dem entscheidenden Treffer ein Schweizer Fehlpass vorausging. Und dann spielt plötzlich auch Petkovic die Lehrer-Rolle. Er erzählt, dass seine Spieler bald Post erhalten werden. Online-Post natürlich. Petkovic und sein Staff werden für jeden Spieler einzeln die entscheidenden Sequenzen zusammenstellen. Die Schüler sehen dann, was sie falsch gemacht haben. «Wir schicken ihnen kleine Hausaufgaben», sagt Petkovic. Auf dass beim nächsten Mal einiges besser werde!

In den letzten Monaten ist rund um das Schweizer Nationalteam eine interessante Debatte entstanden. Die Frage lautet: «Ist die Schweiz noch immer eine kleine Nation? Oder darf sie sich langsam, aber sicher bei den ‹Grossen› platzieren?»

Der Auslöser dafür ist die Fifa-Weltrangliste. Irgendwie hat sich die Schweiz in dieser offiziellen Weltrangliste zwischendurch auf Rang 6 geschlichen. Warum genau, weiss kaum jemand. Aber vor allem scheint es, als würden die meisten Schweizer Spieler nicht so genau wissen, wie damit umzugehen. Vor der WM lautete der Tenor: «Wir sind nicht mehr die kleine Schweiz.» Dann kam Frankreich, dieses 2:5-Desaster, und plötzlich hiess es überall reflexartig: «Wir sind doch nur die kleine Schweiz.» Vielleicht ist es unglücklich, dass Ottmar Hitzfelds Nachfolger Petkovic bei seinem ersten Auftritt als Nationaltrainer – als er sein Aufgebot für das England-Spiel erklärte – ungefragt wiederum erklärte: «Wir sind nicht mehr die kleine Schweiz. Wir wollen jeden Gegner dominieren.»

Doch diese Art des Denkens passt zu Petkovic. Zu seiner offensiven Philosophie. Nur: Allzu viel Zeit hatte er bislang noch nicht, um dem Team seine Handschrift zu vermitteln. Gegen England wurde deutlich, eine Anpassung des Systems allein macht noch keinen Wandel auf dem Platz aus. Es scheint, als würde sich Petkovic derzeit fragen, für wie viel «Petkovic» dieses Team schon bereit ist. Die Antwort darauf: Das offensive Denken muss sich erst entwickeln. Dafür war die Nervosität zu Beginn deutlicher Beweis.

Ist es schon fünf vor zwölf?

So richtig schlecht war kein Mannschaftsteil gegen England. Aber richtig gut eben auch nicht. Die drei Mann starke Offensive zeigte einige gute Ansätze. Die Schweiz kombinierte sich zu einigen Chancen. Das ist, mit Verlaub, gegen England keinesfalls selbstverständlich. Aber zeitweise schien es auch, als wären die Aussenstürmer etwas gar viel mit Defensivarbeit beschäftigt und verloren darob ihre Wirkung nach vorne. Das gründete nicht zuletzt darin, dass sich das Team irgendwie nicht getraute, England so früh anzugreifen, wie es die Worte im Vorfeld hätten vermuten lassen. Anders gesagt: Das Gespenst «Frankreich» hat sich tief ins Bewusstsein eingenistet.

Vielleicht wird Petkovic sehr bald einmal den Versuch wagen, auf eine Dreierkette umzustellen. Das Spielermaterial dazu hätte er. Und es wäre die Gelegenheit, die Abwehr mit einem Verteidiger wie Schär zu ergänzen, der die Fähigkeit hat, das Spiel von hinten heraus anzukurbeln. Das war, über 90 Minuten gesehen, wahrscheinlich das grösste Schweizer Manko. Weil es die Innenverteidiger von Bergen und Djourou nicht können, mussten Xhaka und Captain Inler das Schweizer Spiel praktisch alleine in Schwung bringen. Das ist zu durchschaubar.

Wenn es etwas Beunruhigendes gibt im Schweizer Lager, dann dies: Bereits bringt sich die Gruppierung «FDGOH» – Freunde des grossartigen Ottmar Hitzfeld – in Stellung. Die Stimmen rufen: «In Slowenien muss es dann aber funktionieren! Jetzt muss sofort ein Sieg her!» Als Vergleich wird herangezogen, wie die Schweiz an der WM nach der Niederlage gegen Frankreich im Spiel gegen Honduras reagierte und in den Achtelfinal einzog. Fast bekommt man das Gefühl, es sei schon fünf vor zwölf.

Wie geht Petkovic mit dieser Situation um? Das ist die grosse Frage. Eine Antwort darauf wird uns sein Team in weniger als vier Wochen in Slowenien liefern. Am 8. Oktober fliegt der Schweizer Tross nach Maribor. Flug WK2016 hebt ab um – man ahnt es – 11.55 Uhr.

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