Sportstadt

Helvetisches Disneyland: In Biel steht modernster Sportkomplex der Schweiz

Im neuen Sportkomplex in Biel fühlt man sich, als befinde man sich in Amerika.

Im neuen Sportkomplex in Biel fühlt man sich, als befinde man sich in Amerika.

Biel hat den modernsten Sportkomplex der Schweiz gebaut – weil die Stadt anders tickt als das Land. Wieso steht dieser nicht in einer Grossstadt wie Zürich, Basel, Bern oder Genf?

Wer sich mit der Benzinkutsche von Solothurn her der Stadt nähert, kann sich der Illusion hingeben, in Amerika am Fusse der Smoky Mountains zu sein. Nicht nur wegen der auf einem himmelhohen Mast prangenden McDonalds-Reklame. Vom «Highway» aus gesehen taucht linkerhand am Rande der Stadt ein imposanter Sportkomplex auf. In der Art, wie wir solche Anlagen in Amerika oft sehen.

Aber Biel mahnt nicht nur an seinem östlichen Rand optisch an die USA. Keine andere Stadt kommt so nahe an die amerikanische Mentalität heran. Hier gibt es nicht nur die für unsere Verhältnisse extremen gesellschaftlichen Gegensätze (Biel hat den prozentual höchsten Anteil an Sozialfällen). Hier mahnen wirtschaftliche Dynamik, Optimismus und politische Gestaltungskraft eher an Amerika als an die Schweiz.

In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren stand das vom Bieler Max Schlup entworfene kühne Kongresshaus an der Zentralstrasse für die Aufbruchsstimmung. Für die Stadt der Zukunft. Die gewaltige Konstruktion aus Stahlkabeln und Betonfertigelementen erregte damals in ganz Europa Aufsehen. Was vor mehr als 50 Jahren das Kongresszentrum und später die Expo, das ist nun der soeben eröffnete Sportkomplex.

Nach achtjähriger Planungsphase ist in zweieinhalbjähriger Bauzeit für rund 200 Millionen Franken die eindrücklichste Freizeit- und Sportanlage der Schweiz mit einem Eishockeystadion für 7000 und einem Fussballstadion für 5200 Zuschauer entstanden. Zum Komplex gehören neben den Eishockey- und Fussballarenen vier weitere Trainings-Fussballfelder, Einkaufsläden, Restaurants, Kinos, eine Curling-Anlage mit sechs Rinks und ein Parkhaus mit 750 Einstellplätzen. Die Stadt Biel hat sich als Besitzerin der Sportanlagen mit 77 Millionen beteiligt.

Die restlichen 123 Millionen steuerten private Investoren für die Mantelnutzung bei. Keine andere Sportanlage im Land ist so zweckmässig gebaut. Mit direktem Anschluss an die Autobahn, nur 15 Gehminuten vom nächsten Bahnhof entfernt und mit besserem Zu- und Abfluss des Verkehrs als bei den Stadien in Bern und Basel – und als in Zürich ja sowieso. Es ist ein sportliches Disneyland im Amerika der Schweiz.

Im Anfang war die Uhr

Wie ist dieser Bau möglich geworden? Schon im Jahre 1952 schrieb der ehemalige SP-Stadtpräsident Guido Müller über seine Stadt, ihre «amerikanische Mentalität» und die Sportkultur: «Biel leidet unter dem Ruf der Gewöhnlichkeit. Tatsache ist, dass es nie ein bevorzugter Sitz der Musen war und es auch heute nicht ist. Das Sinnen und Trachten der Bieler ist mehr der materiellen als der geistigen Seite des Lebens zugewandt . . . Biel ist eine Pionierstadt im wirtschaftlichen Sinne und huldigt einem Fortschritt, der vom Technischen bestimmt wird . . .

Es ist eine amusische Welt, die dem Geschäft und dem Sport verhaftet ist . . . Im Anfang war die Uhr. Sie hat das neue Biel mit seinen Fabriken, Geschäftsstrassen und Wohnquartieren in der Ebene und den Villen am Berghang aufgebaut; sie liess die kleine, etwas zopfige Stadt zu einem weltoffenen Industrie-, Handels- und Verkehrsplatz emporwachsen.» Diese Worte können wir auch für die Gegenwart stehen lassen.

Kein Wunder heisst das Hockeystadion «Tissot Arena», heisst es im Bernbiet, Biel sei der Zukunft zugewandt, die Stadt Bern hingegen der Vergangenheit. Und die Bieler sagen ironisch: «Hongkong liegt uns näher als Bern.»

Nur wenn wir diese Vergangenheit kennen, können wir verstehen, wie es möglich ist, dass Biel mit seinen etwas mehr als 50 000 Einwohnern die modernste Sportanlage der Schweiz gebaut hat – und nicht eine der grösseren Städte wie Zürich, Basel, Bern, Winterthur, Lausanne, Genf, Lugano oder St. Gallen.

Neue Dynamik im Bieler Sport

Die Dynamisierung der Bieler Sportkultur durch den Neubau ist enorm. Der FC Biel, der nur dank der Zwangsrelegation von Servette in der zweithöchsten Liga verblieben ist, steht aktuell auf Rang drei. Wie sich das neue Stadion sportlich auswirken wird, ist beim EHC Biel noch offen und eine Rückkehr an die nationale Spitze (letzter Titel 1983) wird diese Saison noch nicht möglich sein.

Doch wirtschaftlich hat es bereits gerockt und gerollt. Das Budget ist auf diese Saison um drei Millionen auf 13 Millionen aufgestockt worden. Manager Daniel Villard sagt, diese Mehrausgaben seien durch entsprechende Mehreinnahmen gedeckt. Neu ist der EHC Biel als Mieter des Stadions auch an der «Bewirtschaftung» (Gastronomie) der Zuschauer beteiligt. «Wir hatten zwar nicht die Mittel, um die Investitionen für die Gastronomie im neuen Stadion selber zu stemmen und haben deshalb zusammen mit privaten Investoren eine Firma gegründet. Aber die Mehreinnahmen sind erheblich.»

Die Architektur ist an und für sich nicht revolutionär. Wohl aber das Betriebskonzept. Das Hockeystadion wird beispielsweise bargeldlos betrieben. Nur für die Proletarier der Stehplätze gibt es noch eine Buvette, an der mit Barem bezahlt werden kann. Alle anderen Gäste benötigen eine sogenannte Gastrokarte. Eine Kreditkarte, die an Automaten im Stadion mit Guthaben aufgeladen werden kann.

Vizepräsidentin Stephanie Mérillat sagt: «Das System ist gewöhnungsbedürftig. Aber es wird sich für alle bewähren. So ist eine schnellere Bedienung möglich.» Wer zu viel Guthaben aufgeladen hat, kann es übrigens zu Hause per Internet wieder auf sein Bankkonto zurücktransferieren. Es ist ein System, wie es beispielsweise im Stadion des FC Bayern längst funktioniert.

Wenn Sozialisten Visionen haben

Biel ist politisch «rot» – wie viele Schweizer Städte. Oft wird vergessen, dass pragmatische Sozialisten die besten Stadionbauer sind. Sei es in Langnau unter SP-Obmann Bernhard Antener, in Bern unter SP-Stadtpräsident Alex Tschäppät (Stade de Suisse, Sanierung PostFinance-Arena) – oder eben in Biel. Der Ursprung des Projektes ist eine Vision des ehemaligen SP-Stadtpräsidenten Hans Stöckli (1991 bis 2010, heute Ständerat). Sein Parteikollege und Nachfolger Erich Fehr war der «Vorantreiber» bei der Verwirklichung.

Wer jetzt schon wissen möchte, wie es mit dem Bieler Sport weiter geht, kann einfach seine Autofahrt Richtung Neuenburg fortsetzen. Wunderbar geht die Fahrt auf der Autobahn, bis die ganze Anlage linker Hand sichtbar wird. Aber dann beginnt durch die Stadt hindurch der mühselige Verkehrsalltag mit Staus und Ärger, bis sich schliesslich der Blick auf den wunderschönen Bielersee öffnet. Ungefähr so wird die sportliche Fahrt des EHC Biel verlaufen, bis es in ein paar Jahren möglich sein wird, um den Titel zu spielen.

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