Eigentlich begann die Geschichte ja früher, als sie nun Einlass in die dicken, schweren Bücher des 121-jährigen Juventus Football Club in Italien gefunden hat. Noch bevor Cristiano Ronaldo neben Präsident Andrea Agnelli seine Unterschrift unter den Vertrag setzte, noch bevor er wieder im Privatjet verschwand und sich wochenlang rar machte, bevor er im ersten Testspiel einen ganzen Vorort aufschreckte, da war bereits etwas geschehen, zwischen dem Seriensieger und dem Superstar.

Ein Fallrückziehertor hatte er erzielt, Ronaldo, im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League vergangenen April, nicht irgendeines, sondern eines der beeindruckendsten überhaupt, schön in Form und Vollendung, anspruchsvoll. «Was sie für mich getan haben, ist grossartig. Ich bin ihnen unendlich dankbar», sagte, ja schmachtete Ronaldo nach dem Spiel schon fast und meinte damit: Die Fans von Juve. Applaus hatte er auch von ihnen bekommen, stehend, von Herzen, nach einem Tor gegen den eigenen Klub im vielleicht wichtigsten Saisonspiel.

Cristiano Ronaldo schwärmt von den Juve-Fans.

  

Auf dem Weg zur Unsterblichkeit

Und so erstaunt es nur auf den ersten Blick, wenn man vor Start in der Serie A und der Primera Division an diesem Wochenende die Kaderlisten von Real Madrid und Juve anschaut und feststellt: er ist jetzt hier und nicht mehr dort. Wohin hätte der fünffache Weltfussballer nach zuletzt drei Champions-League-Titeln in Serie auch wechseln sollen? Wo sonst kann er sich noch unsterblich machen als bei einem Verein, der seit 1996 auf das höchste Gefühl im europäischen Vereinsfussball wartet?

112 Millionen Euro Ablöse, 30 Millionen Salär – alles verschmerzbar angesichts dessen, was die Ankunft von so einem Kaliber wie Ronaldo einem Verein bringen kann. Eine halbe Million Trikots mit der magischen 7 hat Juve alleine in den ersten fünf Tagen nach Bekanntgabe des Wechsels verkauft und bis anhin in den sozialen Medien fünf Millionen Nutzer dazugewonnen. Ronaldo ist eine unvergleichliche Wertanlage – ganz egal, wie er spielt.

Die Nummer 7 von Cristiano Ronaldo ist ein Kassenschlager.

  

Ein kurzer Weg zur Ikone

In Italien haben sie viel Erfahrung mit Helden und ihrer Verehrung. Der Dichter Dante – bei ihm vielleicht noch post mortem –, der Kämpfer Garibaldi und ja, schon bald einmal der Sohn Gottes in persona, Diego Armando Maradona. 1984 a. D. kam er in Neapel an, 100'000 Menschen wollten ihn im San Paolo sehen, bevor er überhaupt irgendeinen Ball für die Süditaliener berührt hat. Nirgends ist der Weg zur Ikone kürzer als in Italien.

Und als Ronaldo, auch er ein erwarteter Heilsbringer, seinen ersten Auftritt in Schwarz-Weiss auf einen unscheinbaren Sonntag im August ankündigte, da liefen die Gemüter heiss in Villar Perosa, dem Turiner Vorort, wo der Rekordmeister die Saison traditionell mit einem Testspiel gegen den eigenen Nachwuchs eröffnet. Gross war die Verzückung bei Ronaldos erstem Treffer, 5000 waren da, mehr hatten nicht Platz, 300 Polizisten passten auf, wenn sie denn nicht gerade selber Bilder schossen. Irgendwann, nach dem 5:0, waren die Fans nicht mehr zu halten, das Spiel endete vorzeitig, obwohl am Ende sowieso nur die Gewissheit gestanden hätte: diese Saison wird anders für Juventus.

Viel los auf dem Transfermarkt

Nicht nur der Seriensieger wird auf dem Weg zum angestrebten achten Titel in Serie von der Qualität und Strahlkraft Ronaldos profitieren. Die Serie A wird an Aufmerksamkeit gewinnen, sie hat mit 1,2 Milliarden Euro Transfervolumen ohnehin einen investitionsfreudigen Mercato hinter sich – mehr gaben nur die Clubs der Premier League aus. Und das, obwohl die beiden Ligen sich mit dem Transferschluss zu Saisonbeginn für eine sportlich zu begrüssende, aber wirtschaftlich vermeintlich hemmende Massnahme entschieden hatten.

Trotz Ronaldo, trotz Dybala, Mandzukic, Douglas Costa, trotz neu auch Emre Can: Ein Spaziergang wird der Titel für Juve nicht. Die Manager im unruhigen Italien erlebten einen heissen Sommer, an dessen Ende ein paar schlagkräftige Teams stehen: Inter konnte Icardi halten und Nainggolan verpflichten, Napoli verlor zwar Jorginho, holte aber fortgeschrittene Talente wie Ajax’ Younes, und die AS Roma war mit fast 140 Millionen Euro an Ausgaben sehr betriebsam. «Die Liga ist ungemein spannend», urteilte jüngst sogar Dauermäkler Lotthar Matthäus in der «Sport-Bild» und sprach aus, was in seiner Heimat kaum für Begeisterung sorgt: «Die Serie A hat die Bundesliga überholt.»

Ronaldo wird das alles kalt lassen. Er kümmert sich vorab einmal um Grundsätzlichkeiten in seinem neuen Reich. Eine neue Bleibe hat er gefunden, unten im Süden bei San Vito Revigliasco, auf Empfehlung des früheren Bewohners Zinédine Zidane und in bester Gesellschaft: Präsident Agnelli wohnt ein paar Hausnummern weiter.

Der Sohn wie der Vater

Die nächste Pendenz betrifft Sohn und Thronfolger Cristiano junior. Den 8-Jährigen will der alleinerziehende Ronaldo zu seinem perfekten Abbild formen und hatte ihn so die letzten Jahre explizit nicht in der Akademie von Real Madrid spielen lassen, sondern beim Vorortclub Pozuelo de Alarcon. «Auch er soll sich nach oben kämpfen», sagt der Vater. Wie die Ronaldos jetzt damit in Turin verfahren, ist noch unklar.

Morgen startet Juve bei Chievo Verona in die Saison. Ganz freimütig haben sie dort schon mal die Ticketpreise angehoben – auf bis 150 Euro. Helden haben ihren Preis.