Super League

Harakiri-Fussball und Nuzzolo-Klone: Die etwas andere Bilanz der bisherigen Super-League-Saison

Die etwas andere Bilanz der ersten Saisonhälfte in der Super League – eine These zu jedem Klub und deren Reaktion darauf.

  

YB hat die erste Champions-League-Teilnahme mit einer Sternstunde beendet. Jetzt laufen dem Verein die wichtigsten Spieler davon.

Christoph Spycher, Sportchef: «Uns läuft niemand davon. Die Spieler haben Verträge und bei einem allfälligen Wechsel haben wir ein Wort mitzureden. Aber logisch, sie haben sich interessant gemacht. Mit dem Meistertitel vergangene Saison, der dominierenden Art, wie wir jetzt wieder spielen, und auch dank der Champions League. Zudem war der Transfermarkt im Sommer durch die WM lange blockiert. Ich rechne damit, dass der Winter ein bisschen hektischer werden könnte. Es wäre blauäugig, unter diesen Voraussetzungen zu behaupten, dass alles bleibt, wie es ist. Aber etliche Leistungsträger schätzen sehr, was YB ihnen bietet. Sollte es Abgänge geben, ist das eine Chance für neue Spieler.»

Der FCB liegt Welten hinter YB auf Platz 2. Die Meisterschaft ist gelaufen und auch im Cup gibts nichts zu holen. Basel fehlt es an Kraft und Qualität für einen Titel.  

Marco Streller, Sportchef: «Im Spiel gegen den FCZ hat man gesehen, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Ich bin gespannt, wie sich der FCB präsentiert, wenn mal alle gesund sind. Im Cup ist noch immer alles möglich. Wir dürfen momentan nicht von einem Angriff auf YB sprechen, aber wir sind sicher nicht so schlecht, wie wir jetzt dastehen. Es sind mehrere Faktoren, die zu dieser Situation beigetragen haben. Zum Beispiel war der Zeitpunkt des Trainerwechsels nicht ideal. Ob wir Verstärkungen brauchen, analysieren wir nach dem letzten Spiel in aller Ruhe. Sicher ist: Wir wollen unseren Weg weitergehen, in den wir nach wie vor Vertrauen haben.»

Bald ist die Vorrunde vorbei und Thun steht überraschend auf Platz 3. Der Grund dafür ist nicht die Stärke der Berner Oberländer, sondern die Schwäche der Gegner.

Dennis Hediger, Captain: «Es mag sein, dass wir in einer anderen Saison mit 25 Punkten nach 17 Runden nicht auf Platz 3 stünden. Aber auch in den vergangenen Jahren wären wir mit dieser Punkteausbeute auf gutem Kurs. Logisch, YB ist vorneweg, aber dahinter ist es eng. Weil überall gut gearbeitet wird und alle einander Punkte wegnehmen. Dass wir vorne mitmischen, hat seine Logik. Thun hat eine klare Philosophie, alle sprechen vom Gleichen – Präsident, Sportchef, Trainer und Spieler. Zudem hatten wir im Sommer ausser Sandro Lauper kaum Abgänge. Wir haben uns die Punkte nicht ergaunert, wir müssten eher noch mehr auf dem Konto haben. Wir haben Luft nach oben.»

Der FC Zürich wird das Ziel verfehlen, die Punktedifferenz zu YB der vergangenen Saison – 35 Zähler – zu verringern. Der Rückstand beträgt schon wieder 22 Punkte.

Ludovic Magnin, Trainer: «Ja, es ist tatsächlich noch schlimmer geworden! Als ich das Ziel vor der Saison formulierte, erwartete ich, dass YB den einen oder anderen Spieler verlieren würde. Was in der Schweiz normalerweise immer passiert, ist in diesem Fall nicht geschehen. YB ging mit einer eingespielten Mannschaft in die Saison und hat einen guten neuen Trainer gefunden. Wir mussten dagegen sechs neue Spieler integrieren. Wir müssen anerkennen, was YB leistet – und applaudieren. Der Punkteunterschied ist zu Recht da. Ich bin aber zufrieden mit unserer Entwicklung, was die Art und Weise angeht, wie wir spielen. Unser Ziel bleibt es, hinter YB die Nummer 2 zu sein und näher heranzukommen.»

St. Gallen wird seit Sommer von Peter Zeidler trainiert, weil man Offensiv-Spektakel wollte. Herausgekommen ist Harakiri-Fussball.

Matthias Hüppi, Präsident: «Der erste Teil der These stimmt, der zweite ist zu steil. Wir wollen natürlich erfolgreichen Fussball, aber auch einen Fussball, der dem Publikum Freude macht, der unterhält, der auch für Aufregung sorgt. Manchmal haben wir es diesbezüglich fast ein bisschen übertrieben (lacht). Offensiv-Fussball birgt ein gewisses Risiko. Ich habe jedoch den Eindruck, dass unser Mut geschätzt wird. Wir könnten noch mehr Zuschauer haben, wenn wir noch stabiler werden. Dazu müssen wir die Anzahl Gegentore vermindern. Und wir müssen Klarheit schaffen. Deshalb beschäftigen wir uns derzeit intensiv damit, welche Spieler über die Saison hinaus bei uns bleiben sollen. Bei allen haben wir eine Option – ausser bei Sierro und Ashimeru.»

Es muss für Trainer René Weiler im Sommer hart gewesen sein, als Champions–League- und Meistertrainer in die Realität der Super League zurückzukommen.

René Weiler, Trainer: «Diese These ist nicht ganz falsch. Natürlich ist es so, dass die Voraussetzungen im Ausland ganz andere waren, als hier in der Schweiz – insbesondere wird viel mehr Geld in den Fussball investiert. Ich musste mich daher neu adaptieren. Allerdings habe ich den Schritt zum FC Luzern auch ganz bewusst vollzogen. Das Projekt und die Vorstellungen von Sportchef Remo Meyer haben mir gefallen und mich überzeugt. Die Herausforderung, etwas aufzubauen, hat mich gereizt. Zudem war es für mich zentral, auch für meine Familie eine optimale Lösung zu finden. Daher ist für mich die ‹Realität› Super League ein Gewinn und ich freue mich, Teil dieser Liga und des FCL zu sein.»

Die Mannschaft hat sich zuletzt zwar gefangen (3 Siege, 1 Unentschieden). Trotzdem wird Murat Yakin die Saison nicht als Sion-Trainer beenden.

Christian Constantin, Präsident: «Falsch. Bevor Murat Yakin kam, waren wir Letzter. Jetzt können wir im Frühling das Podium anvisieren. YB ist zwar weg, aber alles andere ist möglich. Ohne Yakin haben wir aus 8 Spielen 6 Punkte geholt. Mit ihm aus 8 Spielen 14 Punkte. Nur YB war in der Phase besser als wir. Gegen die haben wir uns wie Kinder angestellt, in der Schlussphase den Sieg verspielt und 2:3 verloren. Unter Jacobacci waren wir nicht in der Lage, auf Rückstände zu reagieren. Unter Yakin haben wir in 3 von 8 Partien trotz Rückstand noch gepunktet. Er hat einen grösseren Einfluss auf das Team. Im Cup hatten wir mit Köniz, Lausanne und St. Gallen den schwierigsten Weg. Wir sind noch dabei, und das ist gut.»

Lugano hat gegen die schwächsten Teams kaum gepunktet (nur 1 Punkt gegen GC, Xamax, Sion und keinen gegen Luzern). Das Team hat ein Mentalitätsproblem.

Fabio Celestini, Trainer: «Ich würde es so sagen: Wir haben in der Schlussphase zu viele Punkte verspielt. Unabhängig davon, wo der Gegner in der Tabelle steht. YB und der FCB schiessen ihre Siegtore gegen uns kurz vor Schlusspfiff. Xamax gleicht in der Nachspielzeit aus. Das ist schade, wir hätten mehr verdient. Das liegt nicht an der Mentalität, sondern daran, dass wir zu viele individuelle Fehler gemacht haben. Technische Fehler. Diese sind oft Ausdruck einer Verunsicherung. Da spielt sicher mit rein, dass ich allein in diesem Jahr der dritte Lugano-Trainer bin. Negative Kritik ist da kontraproduktiv. Ich versuche, viel zu loben, Vertrauen zu geben und zugleich Leistung zu fordern. In jedem Training, jedem Spiel.»

In der vergangenen Saison nur Neunter und nun kurz vor der Winterpause wieder nur Vorletzter: In diesem Jahr haben die Grasshoppers nur an der Urne überzeugt.

Stephan Anliker, Präsident: «Die Stadion-Abstimmung war ein wichtiger Meilenstein für die langfristige Zukunft von GC. Nun setzen wir aber alles daran, dass am Ende der Saison 2018/2019 vor dem ‹nur› noch ein ‹nicht› steht. Aber es stimmt: Die 1. Mannschaft ist unser Flaggschiff, und mit diesem haben wir nicht das erreicht, was wir uns vorgestellt haben. Die zurückliegenden Saisons haben ihre Spuren hinterlassen. Unser Ziel ist ja nicht ein sich schnell drehendes Transferkarussell, sondern Kontinuität. Im Weiteren haben wir sehr viel Geld in den Nachwuchs investiert, um dessen Entwicklung qualitativ zu steigern. In diesem Bereich haben wir enorme Fortschritte gemacht und werden weitere machen.»

Xamax ist Letzter, obschon einer der besten Skorer Europas (10 Tore, 9 Assists) für den Klub spielt. Um den Abstieg zu verhindern, bräuchte man einen Nuzzolo-Klon.

Raphaël Nuzzolo, Captain: «Nein, nein, es braucht uns alle. Wir mussten uns ans Tempo in der Super League gewöhnen, aber haben gezeigt, dass wir auch bestehen können auf dem Niveau. Dazu müssen wir in der Rückrunde einfach noch besser werden. Ich halte nicht viel von Verzweiflungstransfers im Winter. Der Weihnachtsmarkt ist schwierig. Es mag ein, zwei gute Spieler geben. Aber die meisten haben entweder nicht gespielt oder sonst Probleme gemacht. Ausserdem sollten wir unseren Klub nicht in finanzielle Schieflage bringen nur für den Ligaerhalt. Wir sind zu alt (durchschnittlich 29 Jahre) und sollten mehr auf unseren Nachwuchs bauen. Dann wäre auch ein Abstieg keine Katastrophe.»

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