Es gibt also doch noch die grossen Überraschungen in der Champions League. Die Ausreisser in einem so stromlinienförmigen Wettbewerb.

Der Vorstoss der AS Roma in die Halbfinals ist ein Ereignis, das in dieser Form nur noch alle paar Jahre geschieht und vergleichbar ist mit den Halbfinal-Qualifikationen von Schalke (2011) und Villarreal (2006).

Aber eigentlich ist dieser Triumph der AS Roma sogar höher einzustufen, weil er nach einer 1:4-Hinspielniederlage zustande gekommen ist.

Alle drei Roma-Tore im Video mit dem verrückten Kommentar des italienischen Sportjournalisten Carlo Zampa

Die grosse Wende im Olimpico, dieses 3:0 gegen Lionel Messi und den FC Barcelona, das in der Ewigen Stadt jetzt schon Legendenstatus hat, liess in Rom alle Dämme brechen. Die Autokorsos durch die Innenstadt dauerten bis zum Morgengrauen. James Pallotta, der amerikanische Präsident, sprang morgens um zwei Uhr völlig losgelöst in den Brunnen auf der Piazza del Popolo. Ausnahmezustand in der Stadt der grossen Emotionen.

Natürlich hat der FC Barcelona dieses Rückspiel unterschätzt. So sehr, dass der Trainer Ernesto Valverde sich hinterher überrascht zeigte, dass die Roma mit einem neuen System spielte. Am Spieltag hätte ein Blick in ein paar italienische Zeitungen genügt, und Valverde wäre im Bilde gewesen über die Strategie der Römer.

Bei der Roma brauchen sie sich darüber nicht zu kümmern. Sie dürfen sich freuen, dass ihre Stadt nun kein weisser Fleck mehr ist auf der Landkarte der Champions League. Nach Madrid und Barcelona, Mailand und Turin, München und Paris, London, Manchester und Amsterdam hat nun auch die Metropole Rom ihren Halbfinalklub.

epaselect epa06660299 Roma's Kostas Manolas (3-L) celebrates with teammates after scoring the 3-0 goal during the UEFA Champions League quarter final second leg match between AS Roma and FC Barcelona at Olimpico stadium in Rome, Italy, 10 April 2018. EPA/ETTORE FERRARI

Roma's Kostas Manolas nach seinem 3:0-Treffer

epaselect epa06660299 Roma's Kostas Manolas (3-L) celebrates with teammates after scoring the 3-0 goal during the UEFA Champions League quarter final second leg match between AS Roma and FC Barcelona at Olimpico stadium in Rome, Italy, 10 April 2018. EPA/ETTORE FERRARI

Schick oder schick, Manolas oder Manolo?

Die AS Roma hat den Sprung geschafft aus dem Schatten in den Glamour. Schick ist nicht mehr bloss ein Adjektiv für Ästheten und Modedesigner, sondern der Name eines Fussballers. Manolas ist ein griechischer Verteidiger mit Tordrang und nicht mehr zu verwechseln mit Manolo, dem legendären Trommler aus Spanien. Der Name Nainggolan muss nicht mehr auf Wikipedia aufgerufen werden, um richtig buchstabiert werden zu können.

Die aktuelle Mannschaft ist nicht die talentierteste der Vereinsgeschichte - bei weitem nicht. Aber sie steht als erste Roma-Mannschaft seit 1984 im Halbfinal des wichtigsten Klubwettbewerbs. Sie schaffte, was andere Generationen um Klub-Ikonen wie Giuseppe Giannini oder Francesco Totti nicht geschafft haben. Was auch Weltstars wie Rudi Völler oder Gabriel Batistuta mit der AS Roma nicht erreichten.

Roma players celebrate reaching the semifinals after the Champions League quarterfinal second leg soccer match between between Roma and FC Barcelona, at Rome's Olympic Stadium, Tuesday, April 10, 2018. (AP Photo/Gregorio Borgia)

Roma players celebrate reaching the semifinals after the Champions League quarterfinal second leg soccer match between between Roma and FC Barcelona, at Rome's Olympic Stadium, Tuesday, April 10, 2018. (AP Photo/Gregorio Borgia)

Aber vielleicht unterschätzte man diese Mannschaft, so wie man weit herum das Niveau der Serie A unterschätzt, wegen der vielen Spiele in maroden und halbleeren Stadien. Denn zum Beispiel Edin Dzeko hat jetzt schon 70 Prozent mehr Meisterschaftstore erzielt für die Roma als Batistuta. Manolas kann gleich gut verteidigen wie weiland der Argentinier Walter Samuel, den sie in Rom noch heute als "il muro" (die Mauer) verehren. Und Trainer Eusebio Di Francesco, 2000/2001 Mitglied der Meistermannschaft unter Fabio Capello, ist taktisch flexibler als sein einstiger Lehrmeister.

Die Roma hat in der Serie A 21 Punkte Rückstand auf Leader Juventus. Sie hat mehr Probleme, als man noch im Sommer erwartet hatte. Der tschechische Stürmer Patrik Schick hat sich noch nicht richtig integriert.

Der Franzose Grégoire Defrel, den Di Francesco aus Sassuolo mitgebracht hat, ist kein Ersatz für Mohamed Salah sondern nur ein Komparse. Lorenzo Pellegrini, das grösste Mittelfeldtalent Italiens, tut sich noch schwer mit dem Sprung von der Provinz (Sassuolo) in die Hauptstadt. Sportchef Monchi, der mit exzellentem Ruf und Ergebnissen vom FC Sevilla kam, stand daher in Rom in den letzten Monaten oft in der Kritik.

epa06660471 Roma's players celebrate the victory at the end of the UEFA Champions League quarter final second leg match AS Roma vs FC Barcelona at Olimpico stadium in Rome, Italy, 10 April 2018. EPA/RICCARDO ANTIMIANI

epa06660471 Roma's players celebrate the victory at the end of the UEFA Champions League quarter final second leg match AS Roma vs FC Barcelona at Olimpico stadium in Rome, Italy, 10 April 2018. EPA/RICCARDO ANTIMIANI

Wie eine Entfesselungskünstlerin

Doch die Roma hat sich auch immer wieder als Entfesselungskünstlerin gezeigt. Im Herbst hat sie in der Serie A die Spitzenspiele gegen Inter Mailand, Napoli und Juventus Turin allesamt verloren, aber in der Champions League die Gruppe vor Chelsea und Atlético Madrid als Erste beendet. Im Februar wurde sie erst von Schachtar Donezk besiegt und danach von Milan dominiert und geschlagen - um eine Woche später in Neapel 4:1 zu gewinnen. Und jetzt verlor sie in Barcelona 1:4 und dann zuhause gegen die Fiorentina 0:2 - und reagierte gegen die Spanier mit dem wohl besten Spiel der Vereinsgeschichte.

Jetzt wollen sich die Römer keine Grenzen mehr setzen. "Wir können Kiew erreichen", sagte Di Francesco mit Blick auf den Austragungsort des Finals. Der Weg dahin ist trotz allem immer noch weit, denn die Roma wird bei der Halbfinal-Auslosung am Freitag in Nyon die nominell schwächste Mannschaft sein im Topf. Doch das war auch vor den Viertelfinals schon so.

Barcelona's Lionel Messi, center, is challenged by Roma's Kostas Manolas during the Champions League quarterfinal second leg soccer match between Roma and FC Barcelona at Rome's Olympic Stadium, Tuesday, April 10, 2018. (AP Photo/Andrew Medichini)

Lionel Messi schied mit Barcelona trotz 4:1-Hinspielsieg aus

Barcelona's Lionel Messi, center, is challenged by Roma's Kostas Manolas during the Champions League quarterfinal second leg soccer match between Roma and FC Barcelona at Rome's Olympic Stadium, Tuesday, April 10, 2018. (AP Photo/Andrew Medichini)

Die Pressestimmen aus Spanien und Italien

SPANIEN

Marca: "Der Niedergang des Barca-Imperiums. Möglicherweise die lächerlichste Blamage Barcas in der Champions-League-Geschichte. Luis Suarez, Semedo, Umtiti und Alba waren als Touristen unterwegs. Eine unglaubliche und verdiente Aufholjagd Roms. Wer im Wettbüro auf die Roma gesetzt hat, ist jetzt reich."

AS: "Historische Klatsche für Barca. Ein kaiserliches Fiasko. Das schlechteste Barca der Saison wird von der Roma weggefegt. Ohne Persönlichkeit, ohne Spielwitz, ohne Messi und ohne Argumente. AS Rom holt Barcelona vom hohen Ross runter. Barca wurde von einer Büffelherde überrannt."

Sport: "Barca bricht in Rom zusammen. Historische Blamage. Barcelona wird von AS Rom erniedrigt. Nicht einmal Messi konnte es geradebiegen. Die Leistung Barcas war einfach beschämend. Sie haben gespielt wie eine kleine Mannschaft. Barca kann sich bei ter Stegen bedanken, dass es am Ende nur drei Gegentore waren."

El Mundo Deportivo: "Historisches Debakel von Barca in Rom. Das Olympiastadion von Rom wurde zur Hölle für Barcelona. Einen solchen Vorteil nach dem 4:1 im Hinspiel kann man nicht so in die Tonne kloppen. Diesmal konnten die Barca-Spieler mit ihrem besten Freund, dem Ball, nichts anfangen." 

ITALIEN

Gazzetta dello Sport: "Roma, die verrückte Nacht im Olimpico. Eine wundervolle Nacht. Die ganze Stadt spielt verrückt. Barca 3:0 vernichtet. Barcelona wird durch Tore von Dzeko, De Rossi und Manolas ausgelöscht. Das Comeback ist perfekt: Es ist das Halbfinale. Die Welt der Giallorossi hat seit 35 Jahren auf eine solche Nacht gewartet."

Corriere dello Sport: "Fabelhaftes Rom. Der Mannschaft von Di Francesco gelingt ein schallendes Comeback, indem sie Messis Barcelona mit 3:0 schlägt. Am Ende eines unglaublichen, einzigartigen und speziellen Spiels feiern Dzeko und seine Gefährten einen verrückten Sieg."

Tuttosport: "Unglaublich, undenkbar, gegen alle Prognosen. Die Roma steht im Halbfinale der Champions League. Barcelona fällt unter den Schlägen von Dzeko, De Rossi und Manolas. Die letzten Minuten sind nur noch Herzrasen, aber nach 94 Minuten feiern die Giallorossi."

La Repubblica: "Rom hat seine unglaublichste und ausserordentlichste Nacht seit Jahrzehnten erlebt, seit dem Gewinn des Scudettos mit Francesco Totti 2001. 3:0 gegen Barcelona, das Unmögliche ist geschehen. Messi verlässt mit gesenktem Kopf das Spielfeld."

Corriere della Sera: "AS Rom, die grosse Schönheit. Rom sendet ein klares Signal an den italienischen Fussball. Seit langer Zeit hatte man eine italienische Mannschaft nicht mehr mit dieser technischen Kraft und dieser Kontinuität spielen sehen. Oft haben wir uns gefragt, wie man den spanischen Fussball stoppen kann. AS Rom hat es geschafft."

La Stampa: "Verrückte Römer! AS Rom spielt einen fast perfekten Fussball. Die Römer schaffen es zum ersten Mal in ihrer Geschichte ins Halbfinale der Champions League. Der Sieg ist der Kraft eines Trainers zu verdanken, der mit Mut eine solide Mannschaft aufgebaut hat."