Fussball
Granit Xhaka: «Irgendwann muss sich Petkovic entscheiden»

Der Einfluss von Nationalmannschafts-Captain Gökhan Inler schwindet. Gegen Litauen wechselte ihn Vladimir Petkovic nach nur 57 Minuten aus. Mit Granit Xhaka steht bereits ein potenzieller Nachfolger bereit.

Etienne Wuillemin, Vilnius
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Granit Xhaka: Der 22-Jährige könnte im defensiven Mittelfeld schon bald Gökhan Inler als Chef ablösen.

Granit Xhaka: Der 22-Jährige könnte im defensiven Mittelfeld schon bald Gökhan Inler als Chef ablösen.

KEYSTONE

Beginnen wir mit einem Blick zurück. Die EM 1996 in England steht kurz bevor. Nationaltrainer Artur Jorge nominiert sein Team. Und kommt zu seiner exklusiven Erleuchtung: Für die Stars Adrian Knup und Alain Sutter ist kein Platz. Der «Blick» titelt: «Jetzt spinnt er!»

Im Mai 2016 wird Vladimir Petkovic sein Team bekannt geben für die EM in Frankreich (an einer Schweizer Teilnahme zweifelt niemand mehr). Wie gross wäre die öffentliche Entrüstung, wenn der Trainer dann sagen würde: «Ich verzichte auf Gökhan Inler!»?

Warum kommen wir auf einen solchen Gedanken? Am Sonntagabend erlebte die Schweiz in Litauen in einem Spiel einen Schnelldurchlauf des gesamten ersten Jahres unter Petkovic. Ein harziger Start. Dann eine rasante Antwort. In Vilnius reichten 25 Minuten, um aus einem 0:1 ein 2:1 zu machen. In der EM-Qualifikation sind die Niederlagen gegen England und Slowenien verdaut. Weil die Schweiz vier Siege gegen San Marino, Litauen, Estland und noch einmal Litauen aneinanderreihte. Darum ist der Weg nach Frankreich an die EM vorgezeichnet.

Nach schwachem Beginn gefangen

Aber in diesem einen Jahr haben sich gewisse Eindrücke ebenfalls verfestigt. Eindrücke, die mit Inler zu tun haben. Besonders sichtbar wurde dies in Litauen. Petkovic wechselte seinen Captain nach 57 schwachen Minuten aus. Danach erzielte Granit Xhaka als Regisseur erheblich mehr Wirkung. Ohne Inler war eine neue Schweiz am Werk, mit Elan, Kreativität und Tempo.

Am Tag danach ist die Stimmung bei den Schweizern am Flughafen Vilnius von Vorfreude auf die Ferien geprägt. Bevor Granit Xhaka in den verdienten Urlaub entschwindet – er fliegt nicht erst nach Bern zurück, sondern direkt nach Düsseldorf – nimmt er sich Zeit, um das vergangene Jahr aufzuarbeiten. «Wir hatten eine schwierige Anfangsphase», sagt er, «aber mittlerweile läuft es so, wie wir uns das vorgestellt hatten.»

Ganz zufrieden wirkt er aber nicht. Als es darum geht, zu erklären, wie Petkovic das Team weiterentwickelt hat, sagt er den entscheidenden Satz: «Wir spielen anders, es ist ein gutes System für die Zukunft, in dem wir uns zeigen können. Das Problem ist halt, dass in der Mitte viele Leute sind.» Pause. Dann: «Irgendwann muss er sich entscheiden.»

Entscheidung liegt beim Trainer

Nachfrage: Meint Xhaka damit, ob er oder Inler als Regisseur in der Mitte spielen darf? «Ich bin kein Aussenspieler. Das war ich nie und das werde ich nie sein.» Zweite Nachfrage: «Gehen wir richtig in der Annahme, dass Sie sich in den letzten 30 Minuten entschieden wohler fühlten als in den ersten 60? «Ich glaube, das hat jeder gesehen. Meine Position ist jene direkt vor der Abwehr, da kann ich mehr als 100 Prozent meiner Leistung abrufen.»

Und dann, bevor sich Xhaka verabschiedet, fügt er noch an: «Klar ist aber auch, dass der Trainer entscheidet, wer wo spielt.» Xhakas Ansprüche sind berechtigt. Vor allem nach einer Saison wie der vergangenen, in welcher der 22-Jährige bei Mönchengladbach die Bundesliga prägte. Aber, um es klarzustellen: Natürlich wird Inler an die EM fahren. Und natürlich bleibt er Captain.

Wenn, dann hätte Petkovic den Wechsel gleich bei seinem Amtsantritt vollziehen müssen. Es wäre auch falsch zu glauben, Inler könne der Mannschaft mit seinen Qualitäten nicht mehr helfen. Gerade dann, wenn die Schweiz gegen höher dotierte Gegner spielt. Klar ist aber: Es darf keine Garantien geben, auch nicht für den Captain.