Fifa-Skandal
Grande Sepp! Die globalen Schmähungen sind nicht gerechtfertigt

In der Analyse zur Suspendierung von Fussball-Sonnenkönig Sepp Blatter ergreift Klaus Zaugg Partei für den Ex-Fifa-Chef: Schmähungen sind nicht gerechtfertigt, aber es ist wahrlich ein Abgang wie ihn nicht einmal Shakespeare hätte erfinden können.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Sepp Blatter als Fifa-Generalsekretär 1985
20 Bilder
Blatter mit seinem Vorgänger Joao Havelange 1994
In Lateinamerika und Afrika geniesst Blatter volle Unterstützung - hier mit Funktionär Jack Warner 2001
Blatter mit Fussball-Gott Pelé 1989
1997 als Fifa-Generalsekretär
1998 wird Blatter erstmals zum Fifa-Präsidenten gewählt
2002 brachte Blatter die WM nach Korea und Japan
Walliser Fussball-Grössen unter sich - mit Georges Bregy
Geschenk einer chinesischen Delegation anlässlich der 100-Jahr-Feier der Fifa 2005
Blatter sagte von sich selbst, dass er bei jedem Staatschef der Welt willkommen sei
Sepp Blatter in seinem Büro mit dem WM-Pokal 2006
Blatter mit Franz Beckenbauer 2006
Am Freitag wurde Blatter wiedergewählt - Michel Platini gratuliert
Sepp Blatter gibt seinen Rücktritt als Fifa-Präsident bekannt.
König Blatter wird in Malaysia geehrt (2011).
Freund und Feind: Michel Platini und Franz Beckenbauer (r.) am 10. Sepp-Blatter-Turnier (2007).
Joseph S. Blatter traf in seinen 17 Fifa-Jahren Papst Johannes Paul II. (2000) ebenso wie ...
… Sängerin Shakira (2011), Putin oder …
… Gérard Depardieu (2014) …
... Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela (2003).Arturo Mari/Eddy Risch (Keystone)

Sepp Blatter als Fifa-Generalsekretär 1985

Keystone

Der Fussball-Sonnenkönig muss 90 Tage lang von seinem Thron herabsteigen. Ein Augenblick der Schande? Nein. Die «Entthronung» Sepp Blatters führt uns noch einmal vor Augen, wie mächtig er ist. Trotz allem.

Wer steigt da eigentlich vom Thron? Sind die globalen Schmähungen gerechtfertigt? Nein. Hier ein paar Zahlen. Sie gehören auch dazu, wenn wir Sepp Blatter gerecht werden wollen. Unter seiner Regentschaft (seit 1998) sind die Investitionen in die weltweite Fussballförderung von 14 Millionen auf 1,052 Milliarden gestiegen. 1998 lasteten auf der Fifa 20 Millionen Dollar Schulden.

Heute hat sie 1,532 Milliarden Dollar Reserven. Der Umsatz ist seit 1998 von 257 Millionen auf 5,718 Milliarden Dollar gestiegen. 1998 bot die Fifa 51 Arbeitsplätze. Heute sind es 444 und die Hälfte davon besetzen Frauen.

Und nun ein Angang, fast zu schön ist, um wahr zu sein. Kann ein erzwungener Thronverzicht von 90 Tagen ehrenvoll sein? Gar den Ruhm des Königs mehren? Ja, durchaus. Kommt nur drauf an, wie wir die Dinge betrachten. Die Ethik-Kommission der Fifa suspendiert (sperrt) den Präsidenten, den König, für 90 Tage. Zwingt ihn, für 90 Tage auf seinen Thron zu verzichten. Also das Gremium, das Sepp Blatter geschaffen hat – ehrenvoller geht nicht.

Befassen wir uns kurz mit dieser Ethikkommission, um zu verstehen, wie viel Ehre Sepp Blatter gestern widerfahren ist. Diese Kommission ist einzig dem Fifa-Kongress Rechenschaft schuldig und sie hat Zugang zu allen Informationen. Sie ist befugt, Vorkommnisse und Verhaltensweisen zu untersuchen, zu beurteilen und Sanktionen auszusprechen. In gravierenden Fällen kann sie korrupte Funktionäre auf Lebzeiten aus der Welt des Fussballs, aus dem Weltreich von Sepp Blatter, verstossen.

Die Ethikkommission ist Blatters eigene Kreation

Ohne die Zustimmung Sepp Blatters gäbe es diese Ethik-Kommission nicht. Wir dürfen sogar sagen: Er hat sie kreiert. Sepp Blatters Bewunderer sagten bei der Schöpfung dieses «Fifa-Gerichtes», der Präsident stelle die Weichen für eine transparentere und damit auch weniger korruptionsanfällige Fifa. Damit er als Förderer des Fussballs in Erinnerung bleibe – und nicht als gescheiterter Vorsitzender einer korruptionsanfälligen Männerrunde.

Dass Sepp Blatter ein so scharfes internes juristisches Schwert schmiedete, spricht für ihn. Und ist ein starkes Indiz dafür, dass er nie persönlich die Hand aufgehalten hat, dass es ihm nie um Geld gegangen ist. Sondern um persönliche Eitelkeit, um Macht, Ehre und Ruhm. Und anfänglich hatten jene Kritiker schon ein wenig recht, die in der Ethik-Kommission bloss eine juristische Prätorianer-Garde sahen, die Sepp Blatter auf alle jene loslassen konnte, die ihm Macht, Ehre und Ruhm streitig machen.

Die Suspendierung ist der bestmögliche Abgang

Aber so ist es eben nicht. Vielleicht hat Sepp Blatter, verblendet vom Glanz und der Macht seines Amtes, nicht bedacht, dass sich die Prätorianer-Garde auch gegen den König wenden und revoltieren kann. Dass Sepp Blatter nun ausgerechnet von dem «Gericht», das er selber geschaffen hat, für 90 Tage suspendiert (gesperrt) wird, ist eine bittere Ironie der Geschichte. Aber eben auch der bestmögliche Abgang, den er sich wünschen kann. Und ist letztlich auch eine gelungene PR-Aktion der Fifa: Seht her, wir räumen auf, wir kuschen auch nicht vor dem Präsidenten.

Ein wahrer König ist nur Gott Rechenschaft schuldig und kann nicht vor ein weltliches Gericht gezerrt werden. Höchstens vor ein Gericht, das er selber geschaffen und legitimiert hat. Genauso ist es bei Sepp Blatter, Herrscher über 209 Länder, 300 Millionen aktive Spieler und 1,6 Milliarden Menschen, die direkt oder indirekt mit dem Fussball in Verbindung stehen. Kein Staats- und Bundesanwalt, kein Sponsor und kein Staatspräsident, nicht einmal die Imperialisten der US-Justiz konnte den Fussball-Sonnenkönig dazu zwingen, seinen Thron zu räumen. Erst das Gericht, das mit seinem Segen und seiner Gnade, dank seiner Weisheit und redlichen Gesinnung überhaupt entstanden ist, hat ihn entthront.

Und er wird so vom Thron verbannt, dass er seinen Abgang noch zelebrieren darf: Die Suspendierung (Sperre) dauert 90 Tage. Nach 90 Tagen darf er noch einmal bis zum Fifa-Kongress im Februar 2016 (dem offiziellen Ende seiner Regentschaft) auf den Thron zurückkehren und den Gastgeber für ein paar Feste spielen – dann erst reitet er als weisser Ritter ins Abendrot einer grandiosen Karriere.

Wahrlich, ein Abgang wie ihn nicht einmal der grosse Dramatiker William Shakespeare hätte erfinden können. Grande Sepp!

sport@azmedien.ch