Die Grenats sind zurück und mit ihnen die Hoffnungen und Träume der Genfer. Denn Servette, das ist ein Klub mit Tradition, der dritterfolgreichste der Schweizer Fussballgeschichte. «Diese Stadt lebt wie kaum eine andere von der Geschichte», sagt Carlos Varela, «aber wir schreiben nicht das Jahr 1999, wir kommen von sehr weit unten.»

Varela ist in Genf aufgewachsen, wurde bei Servette ausgebildet, spielte mit 17 Jahren erstmals in der NLA und gewann 1999 mit Servette die Meisterschaft. Zwei Jahre später holten die Genfer unter Lucien Favre noch den Cupsieg. Es folgten die Jahre der Finsternis, während der Stern von Varela erst so richtig aufging.

Die wohl irrste Achterbahnfahrt der Schweizer Fussballgeschichte

2017 kehrt er als Scout zu Servette zurück. Da war das Schlimmste längst vorbei. Konkurs, Zwangsrelegation, sportlicher Abstieg, Lizenzverweigerung – zwischen 2005 und 2015 erlebt Servette die wohl irrste Achterbahnfahrt der Schweizer Fussballgeschichte. Marc Roger, Majid Pishyar und Hugh Quennec, das sind die Namen des Versagens. Sie haben den Klub zu Boden gerichtet, eine Marke quasi zerstört. Sponsoren liefen davon, die Fans, Spieler und Talente.

Es war Didier Fischer, der den Verein 2015 vor einem neuerlichen Konkurs rettete. Er gründete die Fondation 1890, übernahm den Klub für einen Franken und tilgte die Schulden von fünf Millionen Franken. Ein Grossteil des Geldes stammt aus der Stiftung von Hans Wilsdorf, dem Gründer von Rolex.

Mit Fischer fand eine Rückbesinnung statt. Bescheidenheit, Klubverbundenheit wurden wieder wichtig. Unter den ausländischen Investoren fungierten oft ausländische Trainer, ausländisches Personal. Jetzt ist alles anders. Defensiv-Trainer Patrick Müller, Nachwuchschef Massimo Lombardo, Scout Varela oder Trainer Alain Geiger – alle haben Servette-Vergangenheit.

Wie aus einem Zufallsprodukt ein Glücksgriff wurde

Geiger war ein Glücksgriff. Seine Karriere war nach Abenteuern in Nordafrika und Saudi-Arabien längst ins Stocken geraten. Als Servette im März 2018 den Bosnier Meho Kodro entliess, schickte der Walliser seine Unterlagen. Es geschah nichts, bis er im Mai bei Fischer anrief und nachfragte. Kurz darauf war Geiger Servettes neuer Trainer. «Ich glaube, sie fürchteten sich auch ein bisschen davor, einen Ausländer zu verpflichten, der nicht weiss, wo Rapperswil oder Winterthur liegt», sagt Geiger. Kodro kam aus Spanien, die Liga und das Land waren ihm fremd. Seine Ansprachen mussten von Teammanager Lionel Pizzinat, ein weiteres Kluburgestein, übersetzt werden. Stundenlang.

Mit dem Trainerwechsel war es nicht getan. Es brauchte eine Veränderung im Kopf. Mehr Pflichtbewusstsein, Arbeitsmoral, Wille. Varela spricht von einer Deutschschweizer Mentalität. Man trennte sich von mehreren Spielern, holte elf neue, vier davon aus der Deutschschweiz.

Ablösefrei und aus der Challenge League - die neue Genfer Bescheidenheit

Souverän stieg Servette auf, mit 15 Punkten Vorsprung auf Aarau. Man verzückte mit Offensivfussball und 90 Toren in 36 Spielen. Dennoch sagt Alain Geiger:

Mit Fischer kehrte das Vertrauen in den Klub zurück, die Sponsoren. Servette konnte das Budget erhöhen, operiert heute mit 12 bis 15 Millionen Franken pro Jahr. Die Mannschaft wurde verstärkt. Mit ablösefreien Spielern wie Innenverteidiger Vincent Sasso oder dem Kameruner Gaël Ondoua, aufgewachsen in Moskau, ausgebildet bei ZSKA. Oder Varol Tasar und Michael Goncalves, zwei Spieler aus der Challenge League.

Es ist eine neue Genfer Bescheidenheit. Das Ziel lautet Liga-Erhalt. Das Potenzial aber ist grösser. Geiger sagt, ihm fehle im Klub manchmal die Vision, wie er das aus seiner Zeit bei GC kannte.

Der Grat zwischen Vision und Träumerei ist schmal, das haben sie in Genf schmerzhaft lernen müssen. Und das spürt man auch heraus, wenn Spielmacher Sébastien Wüthrich sagt: «In zwei, drei Jahren müssten wir eigentlich die Nummer 3 im Land sein. Aber der Weg dahin ist noch weit und hart.» Die Träume sind geblieben, aber sie sind bescheidener als unter Champions-League-Prediger Pishyar. Ein gutes Zeichen.