Krise
Gökhan Inler ist in Neapel ins Abseits gerutscht

Wie geht es weiter mit Gökhan Inler? Letzte Saison noch Leistungsträger blieb er nun schon seit fast einem Monat er ohne jede Einsatzminute. Jetzt spricht der Nati-Captain über seine schwierige Situation.

Lukas Plaschy, Rom
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Null Einsatzminuten seit fast einem Monat bei der SSC Napoli: Unter Trainer Rafael Benitez scheint Gökhan Inler keine Zukunft mehr zu haben.

Null Einsatzminuten seit fast einem Monat bei der SSC Napoli: Unter Trainer Rafael Benitez scheint Gökhan Inler keine Zukunft mehr zu haben.

KEYSTONE

Entgegen seiner Gewohnheit verlässt Gökhan Inler nach dem mit 1:0 gewonnenen Auswärtsspiel Napolis gegen Lazio Rom als einer der Ersten die Umkleidekabine. Wortlos huscht der Schweizer an der versammelten neapolitanischen Journalistenschar vorbei Richtung Ausgang. «Gökhan, warum spielst du nicht mehr?», wäre wohl die erste Frage der Reporter gewesen.

Am 22. Dezember anlässlich des gewonnenen Supercups gegen Juventus Turin kam der Schweizer letztmals zum Einsatz. In den vergangenen sechs Partien blieb er ohne jede Einsatzminute. So auch am Sonntag in Rom, trotz 20-minütigem Aufwärmen in der zweiten Halbzeit.

Coach Rafa Benitez bevorzugt im zentralen Mittelfeld seines 4-2-3-1-Systems lieber die beiden Abräumer Walter Gargano (Uruguay) und David Lopez (Spanien). Mit Inler und dem Italo-Brasilianer Jorginho sassen die beiden Stammspieler der letzten Saison auf der Bank. Bereits im vergangenen Sommer hatten Blerim Dzemaili und Valon Behrami die Stadt am Vesuv verlassen. Auch sie wurden vom Spanier plötzlich nicht mehr berücksichtigt.

Dialog mit Benitez gesucht

Eine Stunde nach Spielende spricht Inler (zwischen Selfie- und Autogrammwünschen von Fans und Carabinieri) dann doch über seine aktuelle Situation. In den Augen des 30-jährigen Oltners sind Unzufriedenheit und Enttäuschung auszumachen.

Klar hätte er im «Olimpico», wo er mit Napoli zweimal italienischer Cupsieger wurde, gerne gespielt. Inler berichtet, wie er sich im Training zusätzlich ins Zeug gelegt habe, sich nicht zu schade war, der Mannschaft in den letzten Wochen trotz einer leichten Verletzung zur Verfügung zu stehen.

Aus eigener Initiative heraus hatte Inler unlängst das Gespräch mit Benitez gesucht. Über den genauen Inhalt möchte er sich allerdings nicht äussern. Die Unterredung sei «positiv verlaufen». Zwischen Trainer und Spieler gebe es «keine Probleme». Der Spieler sei «ein Teil der Mannschaft».

«Bringe seit Jahren meine Leistung»

An der Pressekonferenz vor dem Lazio-Match hatte Benitez betont, dass Inler im Januar-Mercato nicht wegtransferiert werde. Was deutsche und türkische Medien nicht daran hinderte, den Mittelfeldspieler mit Hertha Berlin und Besiktas Istanbul in Verbindung zu bringen.

Zu Wechselgerüchten will sich Inler sowieso nicht äussern. Das regle sein Berater. Trotzdem ehrt den Schweizer mit türkischen Wurzeln vor allem das (alljährliche) Interesse der Istanbuler Vereine. «Dies zeigt, dass ich seit Jahren meine Leistung bringe, sonst wäre ich für diese Clubs nicht immer wieder ein Thema.»

Zur beruflich unbefriedigenden Situation gesellten sich letzte Woche zusätzlich private Sorgen. Sein älterer Bruder war in der Schweiz in die Schlagzeilen geraten. Inler fühlt sich vor allem vom Boulevard ungerecht behandelt. Da sei eine Sache unnötig aufgebauscht worden, um eine Familienangelegenheit mit seiner sportlichen Situation zu verbinden. «Mit mir persönlich hat man gar nicht geredet.»

Komplimente an Shaqiri

Kontakt gehabt hat Inler jüngst mit Xherdan Shaqiri. Ratschläge für das Leben in Italien habe er dem Ex-Münchner keine geben müssen. Doch als Captain der Nationalmannschaft sei es seine Pflicht gewesen, Shaqiri nach dessen Wechsel zu Inter kurz anzurufen. «Mailand ist eine gute Wahl und Trainer Roberto Mancini wird Xherdan weiterbringen», ist Inler überzeugt.

Die bereits von Ottmar Hitzfeld attestierte hohe Sozialkompetenz wird ebenfalls sichtbar, wenn der 81-fache Nationalspieler erzählt, wie er dem kroatischen Neuzugang Ivan Strinic (Ex-Dnipropetrowsk) geholfen hat, in Neapel eine Wohnung zu finden.

Der Fahrer hupt. Mit Benitez und Siegestorschütze Higuain steigen die letzten Mitglieder der Mannschaft in den Reisecar ein. Inler muss gehen. Zum Abschluss huscht ihm dann doch noch ein leichtes Lächeln übers Gesicht. «La ruota gira», sagt er sibyllinisch. Gemeint ist das Glücksrad, welches dem Schweizer vielleicht schon bald wieder mehr Fortune bringen wird. Im Fussball gehe es schnell. Manchmal brauche es nur ein gutes Spiel, um wieder im Geschäft zu sein.