Jeder Sympathisant der deutschen Nationalmannschaft hat die Bilder noch vor dem geistigen Auge präsent. Und den Reporter im Ohr: «Mach ihn … er macht ihn!», schrie der ARD-Mann.

Schürrle flankt auf Götze, der nimmt den Ball mit der Brust an und drischt ihn volley ins Tor der Argentinier. 1:0. Ein paar Minuten später ist Deutschland Weltmeister. Der gefeierte Mann: Mario Götze. Wir schreiben den 13. Juli 2014.

Mario Götze trifft im WM-Final

Zwei Jahre sind seit jenem magischen Augenblick in Rio vergangen, in welchem der Ausdruck «Götzseidank» seinen Ursprung hatte. Zwei Jahre, in welchen aus dem gefeierten Goldjungen wieder ein Suchender geworden ist.

Bei Bayern München konnte er auch in seinem dritten Jahr nicht richtig Fuss fassen. Selbst wenn er seinen dritten Deutschen Meistertitel in Serie feiern durfte.

Pep Guardiola fand für den vielseitigen Offensivmann mit der begnadeten Technik nicht regelmässig Verwendung. Dazu kamen noch Verletzungen, die den Mann im harten Hierarchiekampf beim Deutschen Rekordmeister zurückwarfen.

Ein verzerrtes Bild

Durch die fehlende Bestätigung auf dem Fussballfeld gerieten bei Mario Götze immer wieder Nebenschauplätze ins Visier. Bei dem Mann, dem seit seinem unpopulären Wechsel von Borussia Dortmund zu den Bayern fast permanent Argwohn entgegengebracht wurde.

Mit seiner intensiven Nutzung der sozialen Medien (auf Twitter braucht er gerne den «Hashtag» #partofmario ) bastelt er – teils selbst verschuldet – ein verzerrtes Bild von sich in der Öffentlichkeit.

Deutschlands Teammanager Oliver Bierhoff beschreibt es so: «Er hat ein Image, das der Wirklichkeit nicht entspricht. Ich habe ihn als Spieler kennen gelernt, der sehr professionell mit seinem Beruf umgeht, der hart arbeitet. Aber so manches Foto von ihm vermittelt etwas anderes.»

Dabei sieht Mario Götze aus wie der brave Junge von nebenan. Die Haare stets fein säuberlich frisiert, die Augenbrauen gezupft, das bubenhafte Gesicht – das wirkt alles sehr nett und adrett.

Wenn er lächelt, dann möchte man ihn am liebsten in die Pausbäcklein kneifen. Trotzdem hat Götze den Schritt zum profilierten Star vom Schlage eines Thomas Müller, eines Bastian Schweinsteiger oder eines Miroslav Klose nicht geschafft.

Ihm fehlen die Ecken und Kanten, die ihn zu einer Identifikationsfigur werden lassen könnten. Bei Mario Götze wirkt alles geschliffen, stromlinienförmig, langweilig. Dabei hätte der Junge aus gutem Hause – der Vater ist Professor für Datentechnik – durchaus einen Sinn für Humor.

Angesprochen auf sein Imageproblem sagte er in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung»: «Wahrscheinlich haben die Leute gedacht: Der ist da nur wegen Geld zu den Bayern gegangen. Das ist kein guter Mensch. Und vielleicht hat noch irgendwer behauptet: Sein Ohr ist zu gross, seine Nase ist zu klein. Ich hatte mich irgendwann dran gewöhnt, dass alles Mögliche behauptet wird. Wichtig war, dass mein Umfeld zu mir gehalten hat. Alles andere lernt man auszublenden. Man versucht’s zumindest.»

Wohin führt der Weg?

Da ist er wieder, der Mario Götze, der Missverstandene, der sich in der Öffentlichkeit verteidigen muss. Sogar dann noch, wenn er seine Meinung kundgetan hat.

«Eigentlich müsste man manchmal nach einem Interview gleich noch ein zweites Interview geben, um das erste Interview zu erklären, und dann müsste man vielleicht noch eines geben, um das zweite zu erklären», sagt er.

Und: «Ich habe eigene Fehler gemacht, aber auch viele Dinge ertragen müssen, die verdreht wurden. Ich habe gelernt, mit so was umzugehen, und ich weiss jetzt auch, dass nur ich allein für meine Karriere verantwortlich bin. Ich denke, ich habe meinen Weg gefunden.» Und doch ist momentan noch unklar, wohin der weitere Weg Götze führt.

Nicht einfach gottgegeben

Die drei Jahre bei den Bayern haben den Steigflug des einstigen Wunderkinds empfindlich gebremst. Vor dem Startschuss zur Euro entbrannten bereits die Diskussionen um die Zukunft Götzes.

In München wäre man hinter vorgehaltener Hand froh, wenn sich der Mann der unerfüllten Hoffnungen einen neuen Arbeitgeber suchen würde. Mario Götze selbst liess verlauten, nicht an einen Vereinswechsel zu denken. Er will sich durchbeissen.

Ungewöhnlich für einen Spieler, dem nachgesagt wird, dass er sich zu lange auf seinem riesigen Talent ausgeruht habe.

Götze sagt: «Die wenigsten wissen, wie viel Arbeit und Kampf auch bei talentierten Spielern dazugehört. Ich mache jede Woche mein Zusatzprogramm, ich mache Yoga, achte auf meine Ernährung. Das ist mir schon wichtig, dass die Leute das wissen: Was ich habe, ist nicht einfach von Gott gegeben. Ich tue auch viel dafür!»

Der Imagekampf des WM-Goldjungen wird also weitergehen. Und er weiss selber am besten, dass die Messlatte gerade bei ihm extrem hoch angesetzt wird:

«Am besten wäre es wahrscheinlich für mein Image, wenn ich von links flanke – und dann auch noch selbst in der Mitte stehe.»

Da blitzt sie wieder auf, die Selbstironie des Jungstars. Und jetzt möchte Mario Götze in Frankreich wieder ein erfreuliches Kapitel in seiner Karriere schreiben. Dort, wo er sich am wohlsten fühlt und geschätzt wird: in der Nationalmannschaft. #Götzseidank ist EM.