Fussball

Gökhan Inler: «Ich kann keinem das Messer an den Hals halten»

Wenn die Schweiz sich schon eine Runde vor Schluss für die WM qualifiziren könnte, wäre das grossartig, sagt Captain Gökhan Inler. Er mahnt vor dem Spiel in Albanien aber zur Vorsicht. Die Spieler seien aber sehr ruhig vor dem emotionalen Spiel.

Sind Sie bereit, Geschichte zu schreiben?

Gökhan Inler: Wieso meinen Sie?

Sie könnten als erster Captain die Schweiz noch vor dem letzten Qualifikationsspiel an eine WM führen.

Das wäre grossartig. Und ein Beleg dafür, dass auch ich einiges richtig gemacht habe. Dass die investierte Zeit für Arbeit und Gespräche gefruchtet hat. Dass unsere Jungen frech aufspielen, aber gleichzeitig mannschaftsdienlich bleiben.

Wozu wäre die Schweiz an einer WM fähig?

Konzentrieren wir uns zuerst auf die letzten zwei Qualifikationsspiele!

Granit Xhaka spürte nach dem Auftaktsieg in Slowenien: Mit diesem Team sei eines Tages ein WM-Halbfinal möglich.

Ich bevorzuge das Denken Schritt für Schritt. Aber wenn wir an der Weltmeisterschaft teilnehmen, finde ich ambitionierte Ziele gut und richtig.

Am Freitag steht das emotionale Spiel in Albanien an. Wie nehmen Sie Ihre Teamkollegen mit kosovarischen Wurzeln derzeit wahr? Angespannter als beispielsweise vor einem Spiel in Norwegen?

Sie sind sehr ruhig. Höchstens ein bisschen müde von den kräfteraubenden Spielen zuletzt (lacht).

Sie haben selbst erlebt, wie es ist, gegen die eigenen Wurzeln zu spielen. An der EM 2008 mit der Schweiz gegen die Türkei. Ist das vergleichbar?

Ich erinnere mich noch. Ich wurde immer nervöser, je näher die Partie kam. Zum Glück ist dieses Gefühl auf dem Rasen nicht mehr so extrem. Da ist man Profi. Gut ist, dass unsere Jungs (Shaqiri, Xhaka, Behrami, Dzemaili und Mehmedi) alle schon in Luzern gegen Albanien spielten. Da spürte ich ihre Nervosität vor diesem ersten für sie besonders speziellen Spiel. Nun sind sie ruhiger, weil sie das Erlebnis schon hinter sich haben. Wichtig ist auch in Albanien, dass sich niemand provozieren lässt.

Die Schweiz kennt den Ausnahmezustand – beim Barragespiel in der Türkei für die WM 2006.

Auch wenn ich damals noch nicht dabei war: Solche Ausschreitungen gehören nicht zum Fussball. Trotzdem bleibt nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, was war. Die Lehre daraus ist: Wir müssen uns möglichst gut vorbereiten, falls etwas Ähnliches passiert.

Pajtim Kasami ist erstmals im A-Team dabei. Wie integrieren Sie als Captain einen neuen Spieler?

Bei uns ist jeder willkommen und sofort gut aufgenommen. Wer etwas braucht oder wissen will, soll sofort zu mir kommen und ja nicht scheu sein.

Wie erlebten Sie den Meinungsumschwung von Izet Hajrovic? Hat er Sie enttäuscht?

Ich kann keinem das Messer an den Hals halten und sagen: ‹So, Bursche, jetzt spielst du für uns, basta!› Wer derart unter Druck gesetzt wird, bringt seine Leistung so oder so nicht, wie man es sich wünscht. Deshalb bin ich kein Freund von «Bettelaktionen». Wichtig ist, was vorher passiert. Wie die Kommunikation des Verbandes mit den betreffenden Familien abläuft, wenn es um das Aufzeigen der möglichen Perspektiven geht. Aber am Ende soll und darf jeder selbst entscheiden, für welches Land er spielt.

Wie fiel Ihr Entscheid für die Schweiz und gegen die Türkei?

Eigentlich hatte ich mich schon für die Türkei entschieden. Ich bestritt ein Testspiel mit der türkischen U21-Auswahl, aber dann hörte ich plötzlich nichts mehr vom türkischen Verband. Im Vorfeld der Heim-EM hatte ich ein gutes, offenes, ehrliches Gespräch mit Köbi Kuhn. Er kam auf mich zu, schenkte mir sein Vertrauen und setzte mich gleichwohl nicht unter Druck mit meiner Entscheidung. Ich habe die Wahl nie bereut.

Ihr Aufstieg gipfelte in der Wahl zum Captain nach dem Rücktritt von Alex Frei. Für welche Eigenschaften stehen Sie?

Ich bin ein ruhiger Typ. Ich höre auch auf die Jungen. Es ist genauso wichtig, deren Meinungen miteinzubeziehen, wie jene der erfahreneren Spieler. Das Geschehen während der Zusammenzüge beobachte ich wie ein Adler. Wenn ich eine KonfliktSituation erkenne, diskutiere ich sie mit den Betreffenden aus.

War das 4:4 gegen Island ein Unfall oder hat es der Schweiz aufgezeigt, dass sie noch nicht so weit ist, wie das einige vielleicht sehen?

Schwierig. Auch ich dachte nach der Wende vom 0:1 zum 4:1, das Spiel sei gelaufen. War es nicht. Weil am Schluss die absolute Aufmerksamkeit fehlte, dem Ball zu wenig Sorge getragen wurde.

Die Statistik sagt: Mit Gökhan Inler liess die Schweiz ein Gegentor in sieben Spielen zu. Ohne Inler vier Tore in einem einzigen Spiel. Was sagt Ihnen diese Bilanz?

Statistiken sind manchmal schön anzuschauen (lacht). Aber am Schluss zählen nur Resultate des Teams und niemand pflückt persönliche Statistiken raus.

Die Schweiz steht kurz vor der WM-Qualifikation. Gab es ein Schlüsselerlebnis, wo sie merkten: Ja, wir können es?

Vielleicht nicht gerade ein einzelnes besonderes Erlebnis. Aber wie wir in Norwegen mit dem souveränen 2:0-Sieg auf das Remis gegen Island reagierten, war stark. Jeder Einzelne machte noch einmal einen Schritt nach vorne.

Norwegens Ex-Trainer Egil Olsen sagt: «Derzeit ist die Schweiz eine der besten Mannschaften Europas.» Hat er Recht?

Danke fürs Kompliment! Aber reden ist einfacher als spielen.

Hat sich der Ruf von Schweizer Spielern in Italien verändert?

Eindeutig. Es wird registriert, dass die Schweizer harte Arbeiter sind, gute und zuverlässige Charaktere. Mittlerweile spielen in Italien, aber auch in Deutschland, fast 20 Schweizer. Ein klares Indiz, dass die Schweiz grosse Fortschritte gemacht hat. Ein Grund dafür ist die starke Nachwuchsarbeit des SFV. Die wirkt sich auch auf das A-Team aus – wir haben mittlerweile vier U17-Weltmeister im Team, das ist ein gutes Zeichen.

Sie selbst gelten als bestes Beispiel für einen Spieler, der sich seinen Status erarbeitet hat und nicht alles seinem Talent verdankt. Stört Sie diese Wertung?

Talent hat jeder auf diesem Niveau. Aber klar, ich habe viel gearbeitet. Schon mit 16 habe ich beim FC Solothurn mit dem jetzigen FCZ-Trainer Urs Meier nach der Mittagspause Zusatzschichten eingelegt. Was für eine tolle Zeit!

Mittlerweile sind Sie bei Napoli ein Star. Als die Fans am Ende der letzten Saison den zweiten Platz feierten, mussten die Spieler zum Schutz hinter einer Glaswand stehen. Kommen Sie sich in solchen Momenten vor wie ausgestellte Tiere im Zoo?

Solche Erlebnisse gehören in Neapel einfach dazu. Die Fans sind überall. Sobald du auf der Strasse bist, wollen sie Autogramme oder Fotos. Ich habe mich gerne daran gewöhnt.

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