Fussball
Gestatten: Frau Trainerin

Dass Männer Frauen trainieren, ist längstens Normalität. Der umgekehrte Fall hingegen eine Rarität. Logisch, dass deshalb alle nach Hong Kong schauen, wo Chan Yuen-Ting für Furore sorgt.

Sebastian Wendel
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Chan Yuen-Ting

Chan Yuen-Ting

Keystone

Luiz Felipe Scolari hat als Fussballtrainer alles erlebt. Man sollte vorsichtig sein mit solchen Superlativen, auf den mittlerweile 68-jährigen Brasilianer aber trifft der Satz zu. Eine jahrelange Odyssee durch Asien und den arabischen Raum, Weltmeister 2002 mit Brasilien, im selben Jahr die Ernennung zum Welttrainer, Vize-Europameister 2004 mit Portugal - dies nur ein kleiner Auszug aus Scolaris Lebenslauf.

Was kann ihn, das mit allen Wassern gewaschenen Trainerurgestein, noch zum Staunen bringen?

Das, was am 22. Februar 2017 passierte: Am Tag, an dem Scolari erstmals in seiner langen Karriere bei der obligaten Begrüssung vor dem Anpfiff einer Frau die Hand schüttelte. Chan Yuen-Ting. Die erste Frau, die ein Männerteam in der Champions League betreut.

Nein, nicht in der uns bekannten Champions League. In Europa dürften noch viele Jahre vergehen, bis es so weit ist. Die Geschichte spielt in Asien, dem in vielen Bereichen fortschrittlichsten aller Kontinente, der jetzt also auch im Fussball neue Massstäbe setzt.

Chan Yuen-Ting wird 1988 in Hong Kong geboren. Fussball ist lange kein Thema, bis Anfang der Nullerjahre David Beckham, Fussballer und Popstar, den Fernen Osten und dort unzählige Teenie-Herzen erobert. Auch jenes von Chan Yuen-Ting. Während ihre Freundinnen sich damit begnügen, stundenlang ein Poster von Beckham anzuschmachten, will sie mehr wissen und beginnt, sich intensiv mit dem Fussball auseinanderzusetzen. Den traditionellen elterlichen Einwand, doch bitte erst eine seriöse Ausbildung zu absolvieren, befolgt sie und studiert Geografie an der Universität in Hong Kong. Doch nach dieser Pflichtübung widmet sie sich ihren eigenen Zielen: Sie bekommt eine Stelle als Daten-Analystin beim Pegasus FC, überzeugt und wird rasch zur Co-Trainerin befördert.

Als solche arbeitet sie für mehrere Klubs in der Hong Kong Premier League (11 Mannschaften), für die Nationalmannschaft und seit 2015 für Eastern Sports. Als dort im Dezember 2015 der Cheftrainer entlassen wird, machen die Klubbosse Chan Yuen-Ting zur Nachfolgerin. Ein mutiger Schritt, der sich vier Monate später als goldrichtig entpuppt: Eastern gewinnt erstmals in der Klubgeschichte den Meistertitel. Und Chan ist weltweit die erste Frau, die ein Männerteam in einer professionellen Liga zum nationalen Titel führt.

Die Pionierin

Ab sofort steht sie im Fokus und muss in unzähligen Interviews die immer gleichen Gender-Fragen beantworten. Etwa, wie sie es mit ihrer Präsenz in der Garderobe handhabe. „Ehrlich gesagt sehe ich dort alles: Wenn die Jungs halb nackt sind, wenn sie übel riechen oder schmutzig sind.“ Das zu verhindern, versuche sie gar nicht erst. „Sehen Sie: ich habe einen Job, der es erfordert, dass ich viel in der Kabine bin. Sonst könnte ich ihn nicht richtig machen.“ Dass sie als Frau besonders unter Druck steht, positive Resultate zu liefern, bezeichnet sie als „Interpretation von aussen. Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, verleitet mich nicht dazu, noch mehr zu beweisen. Mann oder Frau – ein Trainer ist ein Trainer.“ Dennoch wisse sie um ihren Status der Pionierin: „Ich freue mich, wenn ich anderen Trainerinnen ein Vorbild sein kann und bin bereit, allen zu helfen, die auch so weit kommen möchten.“

Aufmunterung für die junge Kollegin

Zurück zum Sportlichen: Dank des Meistertitels nimmt Eastern Sports erstmals an der asiatischen Champions League teil, erster Gegner war am vergangenen Mittwoch der chinesische Spitzenklub Guangzhou Evergrande mit Trainer Luis Felipe Scolari. Ein Name, der auch die sonst so coole Chan zum Schwärmen bringt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages auf diesem Niveau trainieren werde“, sagte sie vor dem Spiel. „Ich werde mich mit Herrn Scolari unterhalten und auf dem Spielfeld von ihm und seiner grossen Erfahrung lernen. Es ist eine grosse Sache, gegen eines seiner Teams zu spielen." Dass es in der Champions League für Eastern Sports resultatmässig nicht so weitergehen konnte wie in der Liga, war im Vornherein klar – zu schwach ist die Hong Kong Premier League im Vergleich mit den Ligen aus Japan, China oder Australien. Entsprechend gefasst trat Chan nach dem 0:7 vor die Journalisten, analysierte die Partie nüchtern als „Lehrstunde“. Scolari hingegen sah sich anscheinend bemüssigt dazu, seiner jungen Kollegin Mut zuzusprechen: „Das Resultat spiegelt nicht den wahren Unterschied zwischen den zwei Teams wieder. Ich hoffe, dass es sie nicht zu sehr beschäftigt.“

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