Champions League

Geschätzt, gekränkt, geliebt: die Karriere des Toni Kroos

Der geniale Regisseur, der zwischen Ballannahme und Pass so virtuos und gedankenschnell ist wie kaum ein Zweiter: Toni Kroos.

Der geniale Regisseur, der zwischen Ballannahme und Pass so virtuos und gedankenschnell ist wie kaum ein Zweiter: Toni Kroos.

Toni Kroos gewann mit Bayern das Triple und übernahm unter Pep Guardiola eine tragende Rolle. Dennoch liess die Wertschätzung im Verein zu wünschen übrig. Heute spielt er für Real Madrid, wo die Fans ihn lieben.

Dies ist die Geschichte eines Phänomens. Toni Kroos, 24 Jahre alt, Weltmeister mit Deutschland, Fussballer von Real Madrid, in Spanien verehrt als «bester deutscher Export seit Claudia Schiffer».

In dieser Geschichte geht es um mehr als nur Fussball. Es geht um Wertschätzung, um verletzte Eitelkeiten und natürlich auch ein bisschen um Geld. Es hängt alles ein wenig zusammen.

Die Fussball-Karriere des Toni Kroos beginnt in Greifswald, im Nordosten Deutschlands, nahe an der polnischen Grenze, gut 80 Kilometer östlich von Rostock. Mit 12 wechselt Klein-Toni zu den Junioren von Hansa Rostock. Er ist talentiert. Mit 16 zieht er weiter zu Bayern München.

Kandidat für die Tribüne

Natürlich ist die Bewunderung gross, als er, noch nicht mal 18-jährig, in der Bundesliga debütiert. Aber Toni Kroos ist nicht der typische Spektakel-Fussballer. Keiner, der die Gegenspieler mit Hackentrick und Übersteiger blamiert. Sein Spiel wirkt manchmal etwas minimalistisch, phlegmatisch und nonchalant. Dazu kommt sein kühler Charakter, typisch für die Menschen an der Ostsee im Norden Deutschlands. Er wird darum auf den Rängen in der Allianz-Arena je länger, je mehr zwar geschätzt, aber nicht verehrt.

Zum Ende der Saison 2012/13, als die Bayern das Triple gewinnen, ist Kroos verletzt. Nach dem Trainerwechsel zu Pep Guardiola gilt er als Kandidat für die Tribüne. Doch es passiert: das Gegenteil. Guardiola erkennt in Kroos sofort den genialen Regisseur, der zwischen Ballannahme und Pass so virtuos und gedankenschnell ist wie kaum ein Zweiter. Kroos steigt in der Hierarchie des Trainers nach ganz oben.

Weniger Wert als Götze?

Gleichzeitig muss Kroos erkennen, dass die Wertschätzung im Verein nicht seiner Wichtigkeit für das Team entspricht. Er sieht, wie Mario Götze nach seinem Transfer von Dortmund zu Bayern sofort die Gehalts-Sphären der Superstars erklimmt, die Kroos, dem Juniorentransfer, vorenthalten bleiben. Obwohl er zu dieser Zeit viel öfter und prägender spielt als Götze.

Das Angebot für eine Vertragsverlängerung bei den Bayern schlägt er aus. «Natürlich kann man mit finanziellen Angeboten Wertschätzung dokumentieren», sagte er kürzlich in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». Kroos kann nie ganz verbergen, dass ihn die fehlende Zuneigung der Bayern etwas kränkt.

«Ich brauche dich»

Wie gut, dass es Florentino Perez gibt. Der Präsident von Real Madrid, ein leidenschaftlicher WM-TV-Konsument, merkt schnell, welch Coup ihm gelingen kann. Für die vergleichsweise eher geringe Summe von 25 Millionen Euro verpflichtet er Kroos. In einem Telefonat sagt Trainer Carlo Ancelotti zu Kroos: «Ich brauche mehr Balance im Spiel. Ich brauche dich. Mit dir wird Real Madrid noch besser!» Kroos unterschreibt bis 2020. Geschätzter Lohn: 12 Millionen Euro pro Jahr. Und tatsächlich: Derzeit wirkt die Real-Maschinerie imposanter denn je.

Ein Einzelfall ist Kroos nicht. Das weiss Real-Trainer Ancelotti bestens. Ángel di María ist im Champions-League-Final Ancelottis wichtigster Spieler. Nicht Ronaldo, Benzema oder Bale. Di María! Aber auch er ist Opfer der geringen Wertschätzung im Verein.

Der Argentinier wechselt 2010 von Benfica Lissabon zu Real – er ist damals kein Superstar. Di María wird erst mit der Zeit unverzichtbar. Die «echten» Superstars um ihn herum verdienen allesamt viel mehr. Das stört di María. Aber ausser Ancelotti kümmert das niemanden. Im Gegenteil. Die Gelegenheit zum Verkauf ist günstig, weil di María Geld einbringt und die Königlichen dieses brauchen für James Rodriguez. Auch dieser hat Präsident Perez an der WM überzeugt. Dazu erobert Real mit James den Markt in Kolumbien. Und di María? Der sorgt nun bei Manchester United für Aufschwung.

«Überragender Balldieb»

Zurück zu Toni Kroos. Seine Kränkung ist längst überwunden. Das Phänomen wird in Spanien nicht nur geschätzt, sondern geliebt. Medien und Zuschauer überbieten sich mit Lobeshymnen. «Meister des langen Passes» und «überragender Balldieb» wird er genannt. Aber es geht auch schlichter: «Kroos wirkt so, als würde er schon sein Leben lang für Real Madrid spielen.»

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