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Gelson Fernandes sagt Adieu

Gelson Fernandes stand in Italien bei Udinese und Chievo Verona unter Vertrag

Gelson Fernandes stand in Italien bei Udinese und Chievo Verona unter Vertrag

Sein Lachen ist ansteckend, seine Energiereserven sind unerschöpflich: Mit Gelson Fernandes verlässt am Wochenende eine wichtige und integrative Figur der letzten eineinhalb Dekaden die Fussballbühne.

Der Mann mit der Kraft eines Pferdes, der populäre Allrounder, der personifizierte Energiespender kann seinen Abschied nach einer langen Karriere nicht auf grüner Unterlage zelebrieren. Gelson Fernandes wird am Samstag seine Derniere mit Eintracht Frankfurt gegen Paderborn auf der Tribüne verbringen. Ein Riss in der Wadenmuskulatur stoppt den Schweizer im Finish.

Die letzten Monate seiner bemerkenswerten Reise durch nahezu alle europäischen Top-Ligen verliefen kompliziert. Nach körperlichen Rückschlägen legte die Corona-Krise den Sportglobus flächendeckend lahm. "Im Januar verletzte ich mich schwer, kämpfte mich aber zurück. Mit Corona hatte ich nicht gerechnet", meldet der 33-jährige Westschweizer aus einem Frankfurter Hotel. Bedrückt wirkt er nicht, den späten Stillstand nach einer spektakulär dynamischen Laufbahn trägt der Mittelfeldspieler mit Fassung: "Alles kann man im Leben eben nicht entscheiden. Ich hatte oft unglaubliches Glück."

Fernandes hatte nach einem frühen Abenteuer beim kurze Zeit später von Abu Dhabi aus gesteuerten und vergoldeten Premier-League-Verein Manchester City einige Turbulenzen auszuhalten. Im Jahrestakt und meistens auf Leihbasis wurde er in Italien, England und Portugal platziert. "Damals wechselte ich zu oft." Von der Inkonstanz auf Klublevel liess er sich indes nie irritieren: "An den den meisten Orten schaffte ich den Durchbruch."

Sion, Manchester City, Saint-Etienne, Chievo, Leicester, Udinese, Sporting Lissabon, Freiburg, Rennes, Frankfurt. Keine Gastspiele an den nobelsten Adressen Europas zwar, aber dennoch ein internationaler Parcours von Format. "Ich habe nicht die ganz grosse Bühne geschafft, weil mir vielleicht das Potenzial dazu fehlte - aber ich habe immer hart gearbeitet", zieht Fernandes offen und ehrlich Bilanz.

Der Sohn von Immigranten aus Kapverden hat die Bodenhaftung nie verloren: "Ich weiss, woher meine Familie stammt. Wir haben zusammen viel erreicht." Die Passion für den Sport sei eine göttliche Gabe gewesen, die Liebe zum Fussball ebenso. Sein persönliches Wohlbefinden übertrug der Romand auch auf die Mitspieler. Keiner würde je ein schlechtes Wort über ihn verbreiten. Gelson Fernandes versorgte jede seiner Equipen mit frischer Energie. Seine Erklärung klingt simpel: "Wenn ich mit meiner Geschichte negativ wäre, hätte ich was nicht verstanden."

Im Nationalteam gehörte der fünffache Endrunden-Teilnehmer bei drei verschiedenen Selektionären zum erweiterten Stamm. Köbi Kuhn, Ottmar Hitzfeld und Vladimir Petkovic schätzten die integrative Kraft von Fernandes gleichermassen. In Erinnerung blieb bei den meisten SFV-Aficionados primär der Siegtreffer gegen den nachmaligen Weltmeister Spanien beim Turnier 2010 in Südafrika. Für Fernandes hingegen "ist dieses Tor nicht der beste Moment in der Nationalmannschaft". Er erinnert sich lieber an die WM 2014: "São Paulo, 60'000 Zuschauer, der Achtelfinal gegen Argentinien. Das war grossartig!"

Die Souvenirs an jenen heroischen Auftritt gegen Lionel Messis Auswahl entzücken Gelson Fernandes weiterhin uneingeschränkt: "Die erste Halbzeit der Verlängerung, wir sind voll da und auf Augenhöhe. Wir spielen einen grossen Fussball – gegen den besten Spieler der Welt. Damals sagte ich in der Kabine zu meinen Kollegen: 'Wow, wir schaffen das, wir können sie schlagen.'" Die Schweiz unterlag 0:1, Hitzfeld zog sich zurück, Fernandes glüht noch heute vor Stolz: "Was für ein Auftritt, was für eine Generation!"

Zeit zum Schwelgen bleibt ihm ausreichend. Die Adrenalinstösse werden weniger, Fernandes verlegt seine Schwerpunkte neben den Rasen. Den Rückzug hat er gedanklich schon länger vorbereitet und sich im Wirtschaftssektor weitergebildet. Ein Vakuum hat Fernandes nicht zu befürchten. Sein Knowhow wird der sprachlich überdurchschnittlich versierte Ex-Kicker künftig als Experte beim französischsprachigen Teleclub zur Verfügung stellen.

"Ich werde meinen Weg finden", lässt der 33-Jährige keine Zweifel offen. Er sei offen für viele Richtungen: "Für den Verband, für einen Klub. Aber klar ist auch: Nicht alle meiner Altersklasse können Trainer werden. Es gibt im Schweizer Fussball nicht genug Stellen für alle, die über Kompetenz verfügen und etwas bewegen könnten."

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