Es ist Sonntagnachmittag in Lugano. Soeben hat Gelson Fernandes erfahren, dass der FC Sion gegen Zürich noch ausgeglichen hat. Er jubelt. Noch hofft er darauf, dass es sein Verein des Herzens in die Europa League schafft. Und noch spielt ja sein Cousin, Edimilson Fernandes, in Sion. Was Gelson einmal war, ist Edimilson jetzt: ein Versprechen für das Schweizer Nationalteam.

Gelson Fernandes, Mittelfeldspieler von Stade Rennes, ist bald 30 Jahre alt. Und er ist so etwas wie die älteste Konstante in diesem Schweizer Team. Gelson ist immer noch da. Was eigentlich erstaunlich ist. Zumindest aus rein fussballerischer Optik. Aber Gelson hat für diese Mannschaft im zwischenmenschlichen Bereich einen derart hohen Stellenwert bekommen, dass er kaum mehr wegzudenken ist.

Als er vor der WM 2014 merkt, dass die Stimmung im jungen Schweizer Team vielleicht etwas gar locker ist, schreibt er jedem Spieler und jedem Staff-Mitglied einen kleinen Brief. Von Hand. «Ich hatte das Gefühl, es ist Zeit, einige Worte loszuwerden.» Er will auf keinen Fall, dass die Mannschaft eine vielleicht einmalige Gelegenheit fahrlässig verspielt.

Auch vor der anstehenden EM ist klar: Gelson Fernandes wird im Schweizer Team dabei sein. Genauso klar ist, dass er kaum (oder gar nicht) zum Einsatz kommen wird. Aber das stört ihn nicht. Seine Rolle? «Teamplayer!» ruft er, fast schon euphorisch. Er geniesst auch diese Rolle.

Die Geschichte von Gelson Fernandes im Nationalteam ist eine spezielle. Im August 2007 gibt er gegen Holland sein Debüt. Die Schweiz gewinnt 2:1. Sowohl an der Heim-EM 2008 wie auch an der WM 2010 ist er Stammspieler. Er ist es, der das legendäre Tor zum 1:0-Sieg über Spanien schiesst. Allein, der Sieg bleibt wertlos. Gegen Honduras im letzten Gruppenspiel wird Gelson zur Halbzeit ausgewechselt. Es ist sein Ende als Stammspieler im Nationalteam. Und trotzdem: Auch sechs Jahre später gehört dieser Gelson Fernandes immer noch zum Team. Er sagt: «Im Jahr 2010 hatte ein Schweizer Nationaltrainer weniger Möglichkeiten, ein Team zusammenzustellen wie heute. Natürlich ist mein Tor gegen Spanien eine schöne Erinnerung. Aber allzu viel denke ich nicht mehr daran. Wir können nicht für immer im Gestern leben.»

Zurück in die Gegenwart. Ob Gelson Fernandes der Schweizer Delegation in Frankreich wieder einen Brief schreibt? Er wird sich spontan entscheiden. Die Sinne im Team scheinen jedenfalls geschärft. Dafür sorgt alleine schon die spannungsgeladene Affiche gegen Albanien zum EM-Beginn. «Fundamental wichtig», nennt er die Partie. Er weiss, wovon er spricht.