Weil sie dem wachsenden Konkurrenzkampf nicht gewachsen waren, starben die Dinosaurier zum Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren langsam aus. Schleichend nähert sich auch der letzte verbliebende Dino der Neuzeit, der Hamburger SV, dem Aussterben. Konkurrenten wie Leipzig, Köln, Berlin oder Hoffenheim sind dem trägen HSV enteilt. Der Dino hinkt immer weiter hinterher. Seit mehr als 53 Jahren tickt die berühmte Stadionuhr im Hamburger Volksparkstadion, die den Dino-Status wahrt und daran erinnert, dass der HSV als einziges Team nie aus der Bundesliga abgestiegen ist.

Doch seit drei Jahren kämpft der selbst ernannte Koloss mit dem Überleben seiner Art. Sechs Deutsche Meisterschaften, drei Cup-Siege und der Gewinn des Landesmeisterpokals, der heutigen Champions League, 1983 gehören der Vergangenheit an. Es regiert Tristesse. Nach dem glücklichen Relegationsdouble – 2014 gegen Greuther Fürth wegen eines Auswärtstores und 2015 gegen der Karlsruher SC wegen eines fragwürdigen Freistosses in der Nachspielzeit – wünscht sich Retter-Coach Bruno Labbadia sich eine «sorgenfreie kommenden Saison 15/16».

HSV-Legende Uwe Seeler wird heute 80 Jahre alt.

HSV-Legende Uwe Seeler wird heute 80 Jahre alt.

Sorgenfrei bedeutet Platz 10. Immerhin. Doch das ungeduldige, oft hektisch reagierende, Umfeld in Hamburg erwartet sogleich den nächsten Schritt. «Einen einstelligen Tabellenplatz», fordert der milliardenschwere Investor Michael Kühne mit Wohnsitz in Schindellegi (Schwyz), der vor der laufenden Saison 32,5 Millionen Euro für Transfers zur Verfügung stellt. Im besten Fall soll Hamburg sogar wieder um die internationalen Plätze mitspielen. Denkste.

Negativrekorde en masse

Die Euphorie ist schnell verflogen. Es folgt der schlechteste Saisonstart der Vereinsgeschichte. Nach nur einem Punkt aus fünf Spielen muss Labbadia gehen, doch auch der neue Trainer Markus Gisdol bekommt das Team nicht in den Griff. In neun Spielen hat der Dino nur elf Mal aufs Tor geschossen. Seit 662 Minuten ist Hamburg torlos. Dazu ist der HSV wegen dreier Platzverweise und 21 Verwarnungen die unfairste Mannschaft der Liga. Jetzt ist auch noch der einzige Torschütze Bobby Wood nach seiner Tätlichkeit im Spiel gegen Köln drei Spiele gesperrt worden. Die hoffnungsvollen Neuzugänge um Halilovic und Kostic enttäuschen. Besserung ist also keine in Sicht, zumal heute – pünktlich zum 80. Geburtstag von HSV-Legende Uwe Seeler – Borussia Dortmund im Volkspark zu Gast ist.

Kopflos, planlos, HSV

Kopflos, planlos, HSV

Seeler, der sich das Spiel im Stadion anschauen wird, wünscht sich «mindestens einen Punkt». «Obwohl in der jetzigen Situation eigentlich nur drei Punkte helfen würden», fügt der Jubilar hinzu. Doch weil der HSV Geschenke zuletzt lieber an die Gegner verteilt, wäre es vermessen, ausgerechnet gegen den BVB ein Punktepräsent zu erwarten. Da hilft es wohl auch nichts, dass Gisdol angekündigt hat, die «positive Energie» des Seeler-Geburtstags in Punkte ummünzen zu wollen.

Doch warum kommt der Dino seit Jahren nicht aus dem Schlamassel? Fest steht, dass Investor Kühne – ohne dessen Finanzspritzen der mit 90 Millionen verschuldete HSV längst in Liga 2 spielen würde – Fluch und Segen zugleich ist, da er sich gerne auch ins operative Geschäft einmischt. Fest steht auch, dass die Misere nicht am Führungspersonal liegen kann. Trainer, Sportchef, Präsident, alle wurden sie ausgetauscht, die Resultate bleiben unverändert. Konstanz und Stabilität sind eine Wunschvorstellung. Stattdessen gelten nun die ständig wechselnden Entscheidungsträger mit ihren unterschiedlichen Konzepten als Auslöser der falschen Kaderplanung. Verfolgt man die letzten Spiele, gleicht die jetzige Truppe einem orientierungslosen Hühnerhaufen. Es fehlen echte Typen, die das Ruder herumreissen.

So hat sich Dietmar Beiersdorfer (rechts) das sicher nicht vorgestellt: Auch der neue Trainer Gisdol bringt keinen Erfolg.

So hat sich Dietmar Beiersdorfer (rechts) das sicher nicht vorgestellt: Auch der neue Trainer Gisdol bringt keinen Erfolg.

Beim letzten Heimspiel (0:3 gegen Frankfurt) haben sich erstmals auch die Fans symbolisch von ihrem Team abgewendet. Der Kredit ist aufgebraucht. Der HSV muss schleunigst aufpassen, dass sich die Wut nicht in Gleichgültigkeit wandelt. Im Winter soll deswegen neues Personal her. Auch der Vorstandsvorsitzendedino Dietmar Beiersdorfer steht massiv unter Druck. Gut möglich, dass ihm ein Sportchef zur Seite gestellt wird. Nachdem auch Basels Sportchef Georg Heitz im Gespräch war, hat nun Ex-Schalke-Sportchef Horst Heldt die besten Karten für den Job. Für neue Spieler hat der spendable Kühne weitere 12,5 Millionen Euro lockergemacht. Geld, dass ihm der HSV nur zurückzahlen muss, wenn das internationale Geschäft erreicht wird.

Absprung der Lebensversicherung?

Doch wie lange macht der Milliardär den Spass mit dem kranken Dino noch mit? «Es geht sportlich und in der Führung so nicht mehr weiter», liess Kühne über seinen Vertrauten und HSV-Aufsichtsrats-Boss Karl Gernandt diese Woche verlauten. Falls doch, droht ein Absprung des Investors, was dem Bankrott des HSV gleichkäme.

Die Sportstadt Hamburg zerfällt. Nicht nur der HSV, auch Zweitligist St. Pauli ist Tabellenletzter. Der HSV-Hamburg Handball und der Eishockey-Klub Hamburg Freezers verloren aufgrund fehlender Gelder dieses Jahr ihre Lizenzen und spielen nun in unterklassigen Ligen. Dazu kommt das Nein des Volkes zu einer möglichen Olympia-Kandidatur 2024 der Hansestadt. Der HSV ist momentan das einzige Flaggschiff im Sporthafen. Doch es deutet momentan alles darauf hin, dass man auf der Suche nach dem Bundesliga-Dino bald nur noch im Museum fündig wird.