EM 2016
Ganz Island fiebert dem Achtelfinal-Duell mit England entgegen

Die Isländer bewundern den englischen Fussball, erstarren aber gewiss nicht vor Respekt.

Markus Brütsch, Paris
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FCB-Söldner Birkir Bjarnason. key

FCB-Söldner Birkir Bjarnason. key

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Die Präsidentenwahlen in Island sind vorbei, die Insel kann sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren: die Fussball-EM. Und bei dieser steht heute Abend (21.00) in Nizza ein Achtelfinal auf dem Programm, der in ganz Island für Herzklopfen sorgt: Der EM-Neuling fordert England. Jene Fussballnation, der die Isländer bisher lediglich in zwei Freundschaftsspielen begegnet sind, die von den meisten Insulanern aber vergöttert wird. «Ganz Island ist verrückt nach dem englischen Fussball», sagt Heimir Hallgrimsson, der zusammen mit Lars Lagerbäck die isländische Nationalmannschaft coacht und nach der EM, wenn der Schwede abtritt, die Chefrolle übernimmt. Er wird dann seinen Job als Zahnarzt aufgeben. «Der grosse Vorteil ist, dass wir über die Engländer alles wissen, sie über uns aber nichts», sagt Hallgrimsson.

Was so nicht ganz stimmt. Denn als der englische Nationalcoach Roy Hodgson 2005 Trainer beim norwegischen Klub Viking FK war, da hatte er auch einen gewissen Birkir Bjarnason unter seinen Fittichen. Dieser war allerdings noch ein Teenager und kam unter Hodgson noch nicht zum Einsatz. Aber auch Bjarnason geht es nicht anders wie den meisten seiner Landsleute: Er schwärmt von der englischen Premier League. «Ich glaube, sie ist das Ziel eines jeden isländischen Fussballers», hatte der Aufbauer des FC Basel kurz vor dem Turnier erklärt. Und dass er die EM durchaus als gute Bühne betrachte, um persönlich diesem Ziel näherzukommen. Dass er sich nun gar in einem Direktduell mit England zeigen kann, ist wohl der Idealfall.

Bei aller Bewunderung für den Gegner ist aber nicht davon auszugehen, dass die isländischen Kicker vor Ehrfurcht erstarren werden. Sie werden wieder ihre «Wall» aufbauen, um dann vielleicht, wenn es lange 0:0 steht und die Engländer allmählich ihre Geduld verlieren, den entscheidenden Konter zu fahren. So, wie Arnor Ingvi Traustason beim 2:1-Siegtor gegen Österreich.

Der FC Basel Spieler Birkir Bjarnasson spielt an der EM in Frankreich gross auf und hat wesentlichen Anteil am Erfolg seines Heimatlandes.

Der FC Basel Spieler Birkir Bjarnasson spielt an der EM in Frankreich gross auf und hat wesentlichen Anteil am Erfolg seines Heimatlandes.

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Fragt sich bloss, was dann Gudmundur Benediktsson macht. Seinen in den sozialen Medien schon Kult gewordenen Gefühlsausbruch nach Traustasons Treffer zu toppen, dürfte für ihn selbst bei einer Sensation gegen England eine Herausforderung sein. Und vielleicht ist Benediktsson auch gar nicht mehr so gut drauf wie zuletzt. Er ist beim Fernsehen nur freier Mitarbeiter, daneben aber vor allem Assistenztrainer beim Rekordmeister KR Reykjavik. Das heisst: Er ist Assistenztrainer gewesen. Gestern nämlich meldete der Klub auf seiner Homepage, dass nach dem ungenügenden Saisonstart − die Meisterschaft in Island läuft während der EM weiter − Benediktsson und sein Chef Bjarni Eggerts den Verein verlassen müssten. Benediktsson, der selber einmal Nationalspieler gewesen ist, war nach dem Spiel gegen Österreich sogar für eine Partie mit Reykjavik in die Heimat zurückgeflogen.

Jetzt kann er sich ganz auf die EM konzentrieren. Alle Isländer, die nicht in Frankreich sind, werden vor dem Bildschirm sitzen und für eine Einschaltquote von gegen 100 Prozent sorgen. Coach Lagerbäck sagte gestern, er hoffe, dass sein Team ein bisschen mehr Ballbesitz habe als in den Gruppenspielen. «Aber wenn das Resultat ähnlich gut ist...» Es steht schliesslich die Reputation auf dem Spiel, das einzige Team Europas zu bleiben, das bei einer EM noch nie verloren hat.