Analyse
Fussballmeisterschaft 2013/14: Wenn die Feier zur Nebensache wird

Die aktuelle Saison brachte viele Sieger hervor. Allen voran die Trainer. Der FC Basel ist ein würdiger Meister. Die Schlagzeilen neben dem Platz sind besorgniserregend.

Etienne Wuillemin
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FCB-Scorer Valentin Stocker feiert seinen Treffer gegen Aarau.

FCB-Scorer Valentin Stocker feiert seinen Treffer gegen Aarau.

Keystone

Der Blick ist leer. Die Mundwinkel zeigen nach unten. Die Stimme ist kraftlos. Vielleicht würde er am liebsten heulen in diesem Moment des Erfolgs, kurz nach dem Abpfiff des Spiels seines FC Basel in Aarau, kurz nach der definitiven Sicherung des Meistertitels. Bernhard Heusler wirkt resigniert. Und es fällt dem Betrachter schwer, sich vorzustellen, dass beim Präsidenten des FC Basel echte Freude aufkommen kann.

Kürzlich sagte Heusler: «Ich bin fast froh, dass wir den Cupfinal verloren haben und dafür nicht über Ausschreitungen unserer Fans diskutieren müssen.» Jetzt hat der FCB den Meistertitel gewonnen. Und er muss als Erstes Auskunft geben über die unwürdigen Bilder einer Handvoll prügelnder Basler Idioten. Es zerreisst Heusler das Herz. Aber solange die Kameras auf ihn gerichtet sind, bewahrt er die Fassung.

Es sind auch solche Bilder, die am Ende dieser Schweizer Fussballmeisterschaft 2013/14 in Erinnerung bleiben. Denn die Bilder der Gewalt im Fussball sind zur Gewohnheit geworden. Nicht nur in Basel. Allein diese Feststellung erfüllt mit Ohnmacht. Auf den Schweizer Fussball wartet eine ziemlich grosse Herausforderung: Verhindern, dass jene «Fans» den Fussball zerstören, die häufig behaupten, ihr Leben sei ohne Fussball kaum lebenswert.

Fakt ist: Bis anhin haben weder Repression noch Dialog zu durchschlagendem Erfolg verholfen. Vielleicht wird es nie eine Lösung geben für das Gewaltproblem. Sicher ist, dass schöne Worte alleine nicht reichen. Vor allem, wenn immer sofort ein «aber» folgt. Wenn jeder Akteur denkt, alle anderen sind schuld, nur er selber nicht. Die Klubs. Die Fans. Die Politiker. Der Fussballverband. Die SBB. Die Polizei.

Sportlich ist die Saison zu Ende gegangen, wie es alle erwarteten: mit einem würdigen Meister aus Basel. Eine weit verbreitete Meinung ist, dass der FCB nur deswegen Meister wurde, weil die Konkurrenz zu schlecht sei. Nie wäre es einfacher gewesen, ihn zu überflügeln. Das ist falsch. Der FCB ist Meister wegen der eigenen Stärke. Er ist dann am stärksten, wenn es wirklich zählt. Auch in diesem Jahr. Zudem: Mit einem Sieg gegen Lausanne käme er auf exakt dieselbe Punktzahl (72) wie letzte Saison. In den Meisterjahren davor waren es 74 und 73 - ein Niedergang sieht anders aus.

Eine andere überstrapazierte Vorstellung ist jene, dass vor allem die Führungsetage für den Titel verantwortlich ist. Ohne Zweifel, die Arbeit von Bernhard Heusler, Georg Heitz und Co. kann nicht genug gelobt werden, aber der Titel ist die Folge der herausragenden Arbeit von Trainer Murat Yakin und seinen Spielern.

Den besten Beweis dafür liefern die Grasshoppers. Was bei den Zürchern hinter den Kulissen wieder einmal geschieht, grenzt an Kannibalismus. Es wirkt, als würde die GC-Führungsetage versuchen, ihren Klub zu zerstören. Eine Flut von Entlassungen und Rücktritten ist die Folge. Nur Mannschaft und Trainer lassen sich davon nicht beeindrucken. Und liefern eine tolle Leistung nach der anderen. Zum zweiten Mal hintereinander erreichen sie den zweiten Platz. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wie es weitergeht, ist eine andere Frage. Klar ist: In dieser Mannschaft stimmt so vieles, dass es ein Jammer wäre, würde sie auseinanderbrechen.

Und sonst? Es war eine Saison mit vielen Siegern. Allen voran die Trainer. Nie hat es in der Geschichte der Super League weniger Entlassungen gegeben. Einzig der Absteiger Lausanne (Simone für Roussey) und Sion (Roussey für Decastel und Ponte für Roussey) tauschten ihre Übungsleiter. Das allein zeigt bereits, dass sich vielerorts kleinere oder grössere Erfolge verstecken.

Der FCZ gewann den Cup. Dass Yassine Chikhaoui seinen Vertrag nun doch verlängerte, ist sowieso eine gute Nachricht für Freunde der Fussball-Kunst. Thun und St. Gallen begeisterten mit ihren Sturmläufen in die Europa League. Luzern überwinterte mit einem höchst durchschnittlichen Kader auf Rang zwei. Aarau spielte den vielleicht attraktivsten Fussball der ganzen Liga. Sion gewann zuletzt unter Ponte vier der letzten fünf Spiele. Und Lausanne war früh dem Abstieg geweiht, kämpfte sich aber immerhin noch einmal heran.

Bleibt YB. Die Berner erlebten in dieser Saison den 10 000. Tag ohne Titelgewinn. Mit Trainer Uli Forte starteten sie fulminant - fünf Spiele, fünf Siege. Der schleichende Niedergang danach war umso schmerzhafter. Typisch YB? Wahrscheinlich trifft das die Wahrheit ziemlich gut. Zwei Dinge sollten nicht vergessen gehen. YB verbesserte sich im Vergleich zur letzten Saison um vier Ränge. Im Gegensatz zur Konkurrenz in Basel und Zürich muss es kaum Abgänge befürchten. Und Verteidiger Vilotic wird endlich fit sein.

Der Verdacht liegt wieder einmal nahe: In der nächsten Saison könnte die Stunde von YB schlagen. Erst recht, wenn es gelingt, der talentierten Mischung einen Chef vom Format eines Vero Salatic beizufügen. Die erste Bewährungsprobe steht schon vor Saisonbeginn an: Gelingt es, Marco Wölfli klarzumachen, dass der junge und überzeugende Yvon Mvogo weiterhin die Nummer 1 im Tor bleibt? Oder verpasst YB einmal mehr die Chance zum Generationenwechsel? Diese Frage kann die Meisterschaft 2015 entscheiden.