Fussball-Em
Vom Alleskönner bis zu den Dorfkickern: Diese Spieler haben uns bislang entzückt

Patrick Schick, Goran Pandev oder Yann Sommer. Während der Gruppenphase der EM haben mehrere Spieler mit speziellen Geschichten auf sich aufmerksam gemacht. Wir haben einige herausgepickt.

Etienne Wuillemin, Christian Brägger und François Schmid-Bechtel
Merken
Drucken
Teilen

Die EM-Gruppenphase hat uns nicht nur ein Schweizer Happy-End beschert, sondern auch viele grossartige Geschichten und atemberaubende Bilder geliefert. Hier eine Highlight-Auswahl in sieben Kapiteln.

Schick den Ball

Es läuft die 52. Minute der Begegnung Tschechien – Schottland, Zwischenstand 1:0. Die Schotten greifen an, die Tschechen fangen den Ball ab und passen sofort Richtung Patrick Schick (bis dahin einziger Torschütze) an die Mittellinie. Der Stürmer von Bayer Leverkusen mit auffallend vielen Klubwechseln nimmt das Leder nicht mal an, vielmehr hält er aus dem Lauf heraus sofort drauf.

Es ist nicht einfach ein weiter Ball aus 50 Metern Distanz, sondern ein Geschoss. Der zu weit vorne postierte schottische Goalie David Marshall versucht noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Tor, 2:0!

Der schottische Torhüter ist gegen Patrick Schicks Schuss machtlos.

Der schottische Torhüter ist gegen Patrick Schicks Schuss machtlos.

Bild: Andy Buchanan / AP

Schon jetzt krönen wir, zugegebenermassen etwas voreilig, Schicks Geniestreich zum Treffer dieser EM. Allein die Gabe, das Gefühl für den Raum zu haben, verdient diese Ehrung. Kleine Gegenfrage: Schafft es Ihr Schuss von der Mittellinie direkt ins Tor?

Dorfkicker

Sassuolo. 15 Kilometer südwestlich von Modena gelegen. 10834 Einwohner. Eher Dorf als Stadt. Unbedeutend. Ausser im Fussball. Da mischt die Unione Sportiva Sassuolo Calcio seit 2013 in der Serie A mit. Natürlich im Schatten der Grossen, weshalb man die US Sassuolo und ihre Spieler im Ausland kaum wahrnimmt. Doch damit ist spätestens seit dieser EM Schluss. Die Dorfkicker, die ihre Heimspiele in Reggio nell’Emilia austragen, sorgen für Furore. Da ist Domenico Berardi, dieser geschmeidige, durchsetzungsstarke und flinke Flügelspieler, der im Auftaktspiel gegen die Türkei mit seiner Aktion, die zum 1:0 führt, den italienischen Höhenflug initiiert. Da ist aber auch Manuel Locatelli.

Manuel Locatelli ist gegen die Schweiz der Mann des Spiels.

Manuel Locatelli ist gegen die Schweiz der Mann des Spiels.

Bild: Ettore Ferrari / AP

Eigentlich bloss der Vertreter des angeschlagenen Superstars Marco Verratti. Doch Locatelli ist gewillt, um seinen Platz zu kämpfen. Und wie: Gegen die Schweiz trifft der Mittelfeldspieler zweimal. Apropos Schweiz: Sie macht auch im letzten Gruppenspiel Bekanntschaft mit einem bislang unbekannten Spieler aus Sassuolo. Der junge türkische Aussenverteidiger Mart Müldür ist der mit Abstand beste Mann beim Gegner. Forza Sassuolo!

Vater Goran

Im vergangenen November ist es Goran Pandev, der Nordmazedonien im Playoff gegen Georgien an die EM schiesst. Und damit sich und dem Land den grössten Traum erfüllt: die erstmalige Teilnahme. Es gibt Spieler, von denen man erst nach dem Rücktritt merkt, welche Bedeutung sie hatten. Und es gibt Goran Pandev, diesen unverwüstlichen Stürmer mit Spuren bei Inter, Lazio, Napoli und Galatasaray. 37 Jahre alt ist er inzwischen, was ihn nun aus dem Nationalteam zurücktreten lässt.

Der unverwüstliche 37-jährige Goran Pandev feiert seinen Treffer gegen Österreich.

Der unverwüstliche 37-jährige Goran Pandev feiert seinen Treffer gegen Österreich.

Bild: Vadim Ghirda / AP

Rekordspieler für sein Land mit 122 Auftritten ist er sowieso, Rekordtorschütze mit 39 Toren ebenfalls. Das letzte kommt in der Vorrunde gegen Österreich dazu, weil er wieder einmal richtig steht. Wie Pandev im abschliessenden Gruppenspiel gegen Holland in der 69.Minute ausgewechselt wird und ihn die Mitspieler verabschieden, lässt keinen kalt – auch Pandev nicht.

Wege zum Glück

Viele Wege führen nach Rom. Und viele Wege führen ins Glück. Der Schweizer Torhüter Yann Sommer musste an dieser EM aber zuerst von Rom abreisen, um sein grösstes Glück zu finden. Er reiste direkt nach dem frustrierenden 0:3 gegen Italien zurück zu seiner Frau – und durfte seine zweite Tochter im Leben begrüssen.

Wurde zum zweiten Mal Vater und hielt wenige Tage später gegen die Türkei stark: Yann Sommer.

Wurde zum zweiten Mal Vater und hielt wenige Tage später gegen die Türkei stark: Yann Sommer.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Sie heisst zwar weder Bianca noch Julia, sondern Nayla – aber sie sorgte dafür, dass Sommer danach vollgepackt mit wunderbaren Gefühlen zurück zum Team reiste. Und danach gegen die Türkei eine Parforce-Leistung auf den Platz zauberte, von der er Nayla dereinst einmal voller Stolz berichten darf. Wohin führt er nun, der Schweizer Weg? Es wäre mit Sicherheit von Vorteil, wenn die Baby-Emotionen gegen den Weltmeister aus Frankreich noch für weitere Sommer-Höhenflüge sorgen würden.

10 Minuten

Wer hätte ihnen das zugetraut! Die Ungarn sind der Beweis, wie weit Erwartungen und Realität manchmal auseinander liegen können. Vor der EM hätte manch einer gesagt: Vielleicht können sie gegen Frankreich, Portugal und Deutschland zehn Minuten lang ein Unentschieden halten – alle Partien zusammengerechnet. Es war genau umgekehrt: Nur 10 Minuten (inklusive Nachspielzeit) lagen die Ungarn im Rückstand. Aber jene drei Gegentore gegen Portugal waren am Ende entscheidend. Alles unermüdliche und schlaue Rennen nützte nichts. Der verdiente Lohn in Form der Achtelfinal-Qualifikation blieb aus.

Nur zehn Minuten im Rückstand, aber trotzdem ausgeschieden: Ungarn.

Nur zehn Minuten im Rückstand, aber trotzdem ausgeschieden: Ungarn.

Bild: Matthias Hangst / AP

Stolz sein dürfen die Ungarn trotzdem auf ihre Leistungen. Von der Erkenntnis, wie viel möglich ist gegen Frankreich mit derart grosser Leidensbereitschaft und Kompaktheit, darf sich die Schweizer Nati nun durchaus inspirieren lassen. Es gibt manch eine Mannschaft, bei deren Anblick man nun in der K.o.-Phase Ungarn vermisst. Was wir hingegen nie vermissen werden, sind die fürchterlichen Fratzen unter den ungarischen Fans.

«Georgenie» Wijnaldum

Kaum jemand hatte die Holländer vor dem Turnier auf der Rechnung. Die Tests vor der EM waren kaum auszuhalten. Ausserdem drückten die Absenzen grosser Namen zusätzlich auf die Stimmung. Starverteidiger van Djik, Stammtorhüter Cillessen und Mittelfeldstratege van de Beek – sie alle mussten wegen Verletzungen oder positiven Coronatests Forfait geben. Im Tor der Holländer steht mit dem 38-jährigen Maarten Stekelenburg einer, der sich eigentlich auf das Leben nach der Karriere vorbereiten wollte. Egal. Bis jetzt wurde er nicht gross gebraucht.

Georginio Wijnaldum (Mitte) führt in Hollands Mittelfeld Regie.

Georginio Wijnaldum (Mitte) führt in Hollands Mittelfeld Regie.

Bild: Keystone

Denn die Holländer begeistern mit ihrem zielstrebigen Offensivfussball. Und einer sticht dabei besonders hervor. Georginio «das Genie» Wijnaldum. Er ist neben Paul Pogba der beste Mittelfeldspieler des Turniers. Einer, der alles kann. Der Kopf, das Herz und die Lunge dieser jungen, wilden Holländer.

Der schönste Sieg

Der Herzstillstand von Christian Eriksen hat den Fussball an dieser EM überschattet. Zum Glück konnte er noch auf dem Platz reanimiert werden. Und zum Glück geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Alleine schon, dass die Dänen unter diesen Umständen die Kraft fanden, um weiterzuspielen, ist eine grossartige Leistung. Dass sie sich mit einem Sieg gegen Russland nun sogar für den Achtelfinal qualifizierten, freut ganz Fussball-Europa. Es waren Bilder der Freude, die an Emotionen kaum zu überbieten sind.

Daniel Wass und Jens Stryger Larsen feiern den Einzug in den Achtelfinal.

Daniel Wass und Jens Stryger Larsen feiern den Einzug in den Achtelfinal.

Bild: Getty

Und es scheint, als hätte die Geschichte etwas ausgelöst im ganzen Land. Der Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Publikum ist inspirierend. Den schönsten Sieg hat Dänemark schon hinter sich: dass Eriksen sein Leben wieder fand. Mal schauen, wie weit das Team von diesen Emotionen noch getragen wird.