Schweizer Nati
«Für uns beginnt die Qualifikation jetzt»

Ottmar Hitzfeld, der Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft, äussert sich zum schwierigen Spiel am Freitag in Montenegro.

Sven Schoch
Merken
Drucken
Teilen

Heute Morgen wird das Schweizer Nationalteam die Charter-Maschine «WK 2222» besteigen und knapp zwei Stunden später in Podgorica in Montenegro landen. Gespielt hat die SFV-Auswahl gegen den jungen Staat noch nie. Die Uefa hat die Montenegriner erst im Januar 2007 aufgenommen.

Die Ausgangslage ist aus Schweizer Sicht nach nur einer Partie und dem 1:3 gegen England bereits heikel. Einen zweiten Fehltritt in Folge darf sich das Team von Ottmar Hitzfeld
im Prinzip nicht mehr leisten – schon gar nicht bei einem möglichen (und bislang verlustpunktlosen) Direktkonkurrenten um den Platz in der Barrage. «Bei neun Punkten Rückstand wäre es sehr schwer», beschönigt Hitzfeld nichts.

Aber der Schweizer Nationalcoach ist ein smarter Taktiker – auf jeder Ebene. Seine eigene Equipe redete er in den letzten Tagen stark. Die Internationalen hätten in ihren Klubs Erfolgserlebnisse gesammelt. An Basel fand er in der Champions League gegen Bayern Gefallen. YB und Leverkusen überzeugten Hitzfeld im europäischen Geschäft ebenso. Für ihn steht deshalb fest: «Die Spieler sind in einer besseren Verfassung.»

Grassierende Torarmut

Keiner muckte nach der schonungslosen Analyse des Trainers im Anschluss an den missratenen Auf-takt gegen England auf. Eren Derdiyok beispielsweise, der ins Zentrum der Kritik geraten war, reagierte sportlich und mit wunderbaren Toren für Leverkusen. «Es freut mich, dass er einfach gespielt hat, dass er präsent und anspielbar war.» Hitzfeld wird in der nächsten Partie zwar nicht von Anfang an auf ihn setzen, aber er hat die Entwicklung des Stürmers «mit riesigem Potenzial» exakt im Auge.

Auch die Skorerqualitäten von David Degen bei den Young Boys (Doublette gegen Getafe) oder der fabelhafte Auftritt Shaqiris gegen die Bayern hat Hitzfeld registriert. «Man erkennt wieder mehr Durchschlagskraft in der Offensive.» Barnetta und Stocker sind weitere Optionen, die Torarmut zu bekämpfen, die seit bald einem Jahr grassiert. Wie bitter nötig das ist, verdeutlicht die Statistik: Nur fünf Treffer hat die Schweiz in den letzten elf Spielen geschossen.

Der Druck ist gross, diese Blockade in der montenegrinischen Hauptstadt brechen zu müssen. Hitzfeld empfindet die angespannte Lage nicht per se als Nachteil: «Das kann auch leistungsfördernd sein, wenn man mental stark ist.» Der SFV-Equipe ist in der Tat vieles zuzutrauen. Fast jeder hat schon eine WM oder EM hinter sich; die womöglich aufgeheizte Atmosphäre im engen Buducnost-Stadion sollte angesichts der reichen Erfahrung zu verkraften sein.

Feine Signale von Hitzfeld

«Ich habe grosses Vertrauen in mein Team», sagte Hitzfeld wenige Tage vor dem Schlüsselspiel und schwor alle Beteiligten auf den zu erwartenden Härtetest ein: «Es wird ein reines Kampfspiel. Montenegro wird uns überall auf dem Platz bedrängen. Mit dieser Aggressivität müssen wir richtig umgehen.»

Die Taktik spiele wohl eine untergeordnete Rolle, der Einstellung sei womöglich mehr Bedeutung zuzumessen, mutmasste Hitzfeld: «Wir müssen bereit sein, diese Zweikämpfe anzunehmen.» Zwei Kontrahenten erwähnte er speziell: «Vucinic (Roma) kennt jeder, er ist brandgefährlich. Und die Nummer 10 (Dalovic) läuft für zwei, einfach unglaublich.»

Für den Trainer ist das weitere Programm der Gruppe derzeit «weit weg». Mit seiner Rhetorik deckt er «nur» das Duell mit Montenegro ab. Dort setzt er nun den Massstab an. England war eine Preisklasse zu hoch. «Für uns beginnt die Qualifikation jetzt -- gegen Teams, die in unserer Reichweite liegen.» Er stellt den Herausforderer als «hart, ungestüm und unberechenbar» dar, der aber auch beide Spiele gegen Wales und Bulgarien hätte verlieren können. «Montenegro ist über sich hinausgewachsen. In der Euphorie kann man auch Fehler machen», setzt Hitzfeld positive Signale.