Super League
«Führen ohne Emotionen? Schwachsinn!»

Der FCZ ist zurück im Konzert der Grossen. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» spricht Präsident Ancillo Canepa (64) nun über entlaufene Talente, den Krach mit Urs Fischer und den taumelnden FC Basel.

Sébastian Lavoyer
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FCZ-Präsident Ancillo Canepa: «Ich bin intelligent genug, um zu wissen, wann der Kopf reagieren muss und wann der Bauch.»

FCZ-Präsident Ancillo Canepa: «Ich bin intelligent genug, um zu wissen, wann der Kopf reagieren muss und wann der Bauch.»

KEYSTONE/WALTER BIERI

Herr Canepa, mit Dimitri Oberlin (19) steht ein ehemaliges FCZ-Talent beim FC Basel unter Vertrag. Kein Einzelfall. Etliche Talente liefen dem FCZ davon. Warum?

Ancillo Canepa: Weil sie in der ersten Mannschaft keine Chance bekamen. Sie könnten auch Djibril Sow, Anto Grgic oder Vasilije Janjicic nennen. Sie alle wären gerne geblieben, sind aber irgendwann an den Punkt gekommen, wo sie sagen mussten: Ich kriege keine Einsatzmöglichkeit. Leider hatten sie recht, und das ärgert mich heute noch.

Was haben Sie unternommen?
Wir haben daraus gelernt, wollen nicht mehr zulassen, dass junge Talente bei uns vertrocknen. Seit dem Abstieg letzte Saison und schon zuvor hat sich einiges geändert. In der sportlichen Leitung sitzen jetzt Leute, die in dieser Hinsicht gleich denken wie ich.

Hat sich etwas verbessert?

Die Durchlässigkeit von der Academy zum Fanionteam haben wir klar erhöht. Die Jungen trainieren regelmässig mit der ersten Mannschaft. So haben wir zum Beispiel einen Kevin Rüegg, der ist 18-jährig und praktisch Stammspieler. Oder Maren Haile-Selassie, auch er erst 18-jährig, und schon mit einzelnen Einsätzen. Das ist auch ein Verdienst von Sportchef Tommy Bickel und Cheftrainer Uli Forte.

Es liefen Ihnen nicht nur Talente weg, es kam auch immer wieder zu Trennungen im Unfrieden. Warum?

Das stimmt so nicht. Jeder Abgang hat seine Geschichte. Nehmen wir Fredy Bickel, er hat von YB ein Angebot gekriegt, er ging nicht im Krach, wie es da und dort hiess. Er hat uns sogar nach Wien eingeladen. Aber schauen Sie, wann immer ein Arbeitsverhältnis aufgelöst wird, ist das für alle Beteiligten manchmal eine schwierige Situation. Ob bei Spielern, Trainern oder sonst irgendwem. Ich kann eines mit Gewissheit behaupten: Mit den meisten Ehemaligen haben wir sehr guten Kontakt.

Aber zwischen Ihnen und Urs Fischer herrscht Funkstille.

Mit 95 Prozent der Spieler und Trainer, die beim FCZ gegangen sind, haben wir ein gutes Verhältnis. Aber es gibt sicherlich einige wenige Personen, mit denen ich nicht mehr an einen Tisch sitzen werde.

Urs Fischer: Mit ihm wird es wohl keine Treffen mehr geben.

Urs Fischer: Mit ihm wird es wohl keine Treffen mehr geben.

Keystone

Sind Sie nachtragend?

Nein, ich bin konsequent. Es gibt gewisse Verhaltensweisen, die ich nicht akzeptiere. Integrität und gegenseitiges Vertrauen sind für mich zentrale Punkte, egal in welcher Position.

Denken Sie jetzt an Urs Fischer?

Ich denke an niemanden. Ich wollte einfach noch einmal betonen, dass wir mit den meisten ein sehr gutes Verhältnis haben.

Aber mit Fischer haben Sie sich nie mehr getroffen, oder?

Ich sehe keinen Grund dafür.

Sind Sie manchmal vielleicht zu emotional?

Es gibt einen Führungsgrundsatz auf Primarschulniveau: Eine Führungskraft wird nie emotionell. Das ist doch Schwachsinn. In der Emotion kommt auch ein gewisses Mass an Ehrlichkeit rüber. Ich bin intelligent genug, um zu wissen, wann der Kopf reagieren muss und wann der Bauch. Im besten Fall ist es eine Kombination. Denn letztlich ist Fussball ja auch ein emotionales Geschäft. Wir leben von diesen Gefühlen.

Richtig emotional wurden Sie, als der Transfer von Raphael Dwamena zu Brighton platzte. Was lief schief?

Vorneweg: Ich habe diesen Transfer nicht angestrebt. Aber das dritte Angebot erreichte die finanzielle Schmerzgrenze, also haben wir zugesagt.

Warum wurde der Transfer kommuniziert, bevor die Unterschriften unter dem Vertrag waren?

Einen Transfer kommuniziert man aus Prinzip erst dann, wenn er über die Bühne ist. Aber Brighton hat ohne unser Wissen bereits über den geplanten Transfer informiert. Wir mussten das bestätigen. Genauso stümperhaft war das Kommunikationsverhalten von Brighton dann nach dem Medizincheck. Auch ein Fussballspieler hat Persönlichkeitsrechte, auch er geniesst einen Datenschutz.

Es sickerte durch, dass Dwamena ein Herzproblem hat. Er hat deswegen über Wochen nicht gespielt, zahlreiche Tests absolviert. Das Resultat: Alles okay! Sie haben mit rechtlichen Schritten gedroht. Hat sich das schon etwas konkretisiert?

Das Kommunikationsverhalten von Brighton war stümperhaft und rechtswidrig. Deshalb kläre ich ab, ob wir juristische Schritte unternehmen wollen. Aber entschieden ist noch nichts.

Wie gross ist der Schaden, der dem FCZ entstanden ist?

Ich will das nicht juristisch definieren. Aber logisch, uns sind die Transfereinnahmen entgangen, dem Spieler ein lukrativer Vertrag, sein Ausbildungsverein hätte auch profitiert. Und dann sind da die potenziellen Folgeschäden. Der Ruf des Spielers, Fragezeichen bei späteren Transfers. Das weiss man einfach nicht, auch wenn ich überzeugt bin, dass er seinen Transfer irgendwann noch machen wird. Er ist zu gut, als dass diese Geschichte ihn aufhalten könnte.

Wie sehr wäre der FCZ nach einem Jahr Challenge League auf das Geld angewiesen gewesen?

Die letzte Saison war kostspielig. Vor allem auch, weil wir viel weniger Einnahmen hatten. In der Challenge League bekommt man praktisch keine Fernsehgelder. Zudem haben wir die Preise der Saisonkarten reduziert. Aber letztlich hatten wir Glück im Unglück, gewannen den Cup und spielten Europa League. Das hat finanziell einiges aufgewogen und wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Wir waren und sind nicht angewiesen auf diesen Transfer.

Das Jahr in der Challenge League ermöglichte dem FCZ einen Marschhalt, um alles zu analysieren.

Das Jahr in der Challenge League ermöglichte dem FCZ einen Marschhalt, um alles zu analysieren.

Keystone

Was brachte das Jahr Challenge League Ihrem Klub?

Zuerst gab es uns die Möglichkeit, einen Marschhalt zu machen, alles zu analysieren. Dazu haben wir ja auch Peter Knäbel als externen Berater beigezogen. Wir haben interne Workshops gemacht, Massnahmen definiert.

Was für Massnahmen?

Vor allem in personeller Hinsicht. Fussball lebt von den Personen. Wir haben einige Personalwechsel vorgenommen, quer durch den ganzen Club. Wir haben auch das Talentmanagement und das Scouting weiterentwickelt. Aber natürlich haben wir noch immer Punkte, wo wir Luft nach oben haben.

Was bleibt Ihnen persönlich aus einem Jahr in der Unterklassigkeit?

Dass wir überall sehr gastfreundlich empfangen wurden. Von den Klubs, von den Fans. Wir haben auswärts fast immer volle Stadien gehabt, weil wir sie gefüllt haben (lacht). Und ja, wir haben oft gewonnen, das tut auch gut.

Und das fussballerische Niveau?

Es hat sich, seit die Liga auf zehn Teams reduziert wurde, enorm positiv entwickelt. Von der Qualität der Mannschaften, der Stadien und des Umfelds gibt es sicher vier, fünf Klubs, die in der Super League spielen könnten.

Sind Sie eigentlich ein Fussball-Romantiker?

Ja, durchaus. Als ich Präsident wurde, habe ich gesagt, dass mich Titel allein nicht interessieren. Ich will auch schönen Fussball sehen. Das Statement würde ich so nicht mehr machen (lacht). Der Erfolg steuert alles. Aber ich bin und bleibe zu einem gewissen Grad ein Romantiker. Das kommt auch in unserer Spielphilosophie zum Ausdruck.

Ich frage, weil einige Stadien in der Challenge League bei Romantikern hoch im Kurs sind.

Ja, das stimmt. Zum Beispiel das Stadion in Baulmes, wo wir gegen Le Mont spielten. Zwischen Wäldern und Wiesen, nebenan grasen die Kühe. Das ist schon Fussball-Romantik pur. Oder in Wohlen, wenn das Stadion voll ist.

Wie steht es eigentlich um Ihr eigenes Stadion-Projekt?

Das Grossprojekt mit zwei Wohntürmen, Sozialwohnungen und dem Stadion in der Mitte ist auf gutem Weg. Aber logisch, wir leben in der Schweiz, es gibt zahlreiche Vorschriften, einen langwierigen Bewilligungsprozess. Es ist ein steiniger Weg. Wenn alles gut läuft, können wir das Stadion 2021 eröffnen.

Wie wichtig ist das für den FCZ?

Überlebenswichtig. Genauso wie für die Grasshoppers. Beide Klubs sind nur Mieter im Letzigrund. Die ganze Vermarktung, das Catering – das alles läuft übers Stadionmanagement, und das gehört der Stadt. Andere Klubs machen mit diesen Bereichen mehrere Millionen Umsatz. Zudem würde es mehr Zuschauer geben. Ich rechne mit 40 bis 50 Prozent mehr Zuschauern.

Auch dann würden Sie noch weit hinter Ihrem morgigen Konkurrenten, dem FC Basel, herhinken.

Ja. Darum beneide ich die Basler auch. Die Stellung, die der Verein in der Stadt geniesst, ist einzigartig in der Schweiz. Fast wie in der Bundesliga.

Freuen Sie sich eigentlich auf Ihre persönliche Rückkehr nach Basel?

Ich war oft im St. Jakob-Stadion, bis ich einmal aus persönlichen Gründen verhindert war. Ausgerechnet dann gewannen wir in Basel. Die Stimmung in diesem Stadion mit 30 000 Zuschauern ist immer etwas Besonderes.

Zur Person

Im Dezember vor elf Jahren wurde Ancillo Canepa (64) FCZ-Präsident. Vom Abstieg bis zur Champions League – Canepa hat mit dem FCZ fast alles erlebt. Er selbst spielte beim FC Rüti Amateur-Fussball (2. Liga), durfte mal bei GC ein Probetraining machen, scheiterte aber. Also machte er in der Privatwirtschaft Karriere, war Leiter der Wirtschaftsprüfung bei Ernst & Young. Seit 44 Jahren ist er mit der Österreicherin Heliane verheiratet. Ihr gemeinsamer Hund Kookie hat Kultstatus. Er gehört zu den Canepas wie das Rauchen. Sie Zigaretten - er Pfeife.

Der FCB hat acht Titel in Serie geholt. Sie sind Präsident des Klubs, der dem FCB im letzten Jahrzehnt als einziger den Titel streitig machte. Was braucht es dazu?

In den letzten beiden Saisons waren die Basler der Liga tatsächlich ein Stück weit entrückt. Aber zuvor war es immer wieder eng. Und drei Mal war es nur der Dummheit der anderen geschuldet, dass der FCB den Titel holte.

Wird es in dieser Saison eng?

Irgendwann bricht jede Serie, das ist Mathematik. Vielleicht – und das hoffen wir ja alle, ausser Basel natürlich – ist es ja diese Saison so weit.

Und der FCB nährt die Hoffnung mit einem schlechten Saisonstart.

Trotzdem hält sich der Rückstand auf den Leader in engen Grenzen. Aber Basel ist natürlich verwöhnt. Wenn man acht Mal hintereinander Meister war, wird das Publikum relativ schnell unruhig, wenn es mal nicht so läuft. Trotzdem muss man wegen dieses Starts nichts dramatisieren. Es zeigt einfach, dass die Liga, allen Unkenrufen zum Trotz, ausgeglichen ist. Man putzt keinen Gegner einfach so weg.

Der Umbruch beim FCB ist doch die grosse Chance für die Konkurrenz.

Das ist schwer zu sagen. Aber ich war schon überrascht, als Bernhard Heusler seinen Rücktritt ankündigte. Und natürlich wurde seither vieles verändert und diverse Positionen neu besetzt. Aber Basel ist und bleibt derzeit noch das Mass aller Dinge.

Zum Schluss: Sie sind seit elf Jahren «Mr. FCZ». Wie sehr hat diese Zeit an Ihnen gezehrt?

Ich bin viel gelassener, als man mir zuschreibt. Mit elf Jahren Profi-Erfahrung weiss ich langsam, wie das Geschäft funktioniert. Manchmal muss man einfach über den Dingen stehen, ein bisschen Humor haben. Aber, was wirklich schlimm geblieben ist, sind diese 90 Minuten. Manchmal sind sie eine richtige Qual, so extrem ist die Anspannung. Ich habe auch schon gedacht, dass ich während der Spiele besser im Bett bleiben und dann einfach das Schlussresultat anschauen sollte (lacht).