Stefan Brändle, Paris

«Alle zusammen für einen neuen blauen Traum», steht auf dem Mannschaftsbus der «Bleus», der französischen Fussballelf, in Südafrika. Der Traum ist allerdings längst ein Albtraum. Die Fussballnation Frankreich steht am Abgrund, und wahrscheinlich wird sie am Dienstag noch ganz ins Leere stürzen, wenn im letzten Gruppenspiel gegen Südafrika nicht ein Wunder geschieht und sie mit einen halben Dutzend Tore Vorsprung siegt. «Liberté, égalité, éliminé», frotzelt bereits ein italienisches Sportblatt, was auch Frankreichs früherem Erfolgstrainer Aimé Jacquet nicht entgangen ist: «Wir sind die Lachnummer der Welt.»

Den Franzosen selbst ist das Lachen seit langem vergangen. Anarchie und Chaos regieren in der Truppe, die mit ihrem WM-Titel 1998 einer ganzen Nation zu einem Höhenflug verholfen hatte. «So etwas habe ich noch nie gesehen», meinte der frühere Sportminister Jean-François Lamour gestern. Gewiss, schon vor der WM hatte bei den Bleus der Wurm dringesteckt: Sie qualifizierten sich nur dank einem Handspiel von Spielerstar Thierry Henry. In Südafrika sind die Chancen auf ein Vordringen in die Finalrunde nach einem torlosen Unentschieden gegen Uruguay und einer kläglichen Niederlage gegen Mexiko gleich null.

«Nul», wie man auf Französisch sagt, ist auch das Verhalten der Spieler. In der Pause des Spiels gegen Mexiko soll Stürmerstar Nicolas Anelka den Trainer mit Ausdrücken angeflucht haben, von denen «Hurensohn» noch das harmlosere war.

Mobbing gegen Yoann Gourcuff

Die seit Monaten spürbaren Spannungen im Team brachen damit offen aus. Es erwies sich, dass Spieler wie Franck Ribéry – der in Frankreich schon in eine Prostituiertenaffäre verwickelt ist –, Anelka und Henry den schüchternen, aber erfolgreichen Mitspieler Yoann Gourcuff schwer gemobbt hatten. Anelka wurde vom französischen Fussballverband aus der Mannschaft verwiesen. Die verbliebenen Bleus bestreikten aber aus Solidarität das sonntägliche Training und verlangten in einem Communiqué, dass nicht Anelka bestraft werde, sondern der «Verräter», der die strittigen Worte an die Presse weitergeleitet habe. Ausgerechnet Domenech verlas das Schreiben, das seinen Beleidiger in Schutz nahm, vor den TV-Kameras. Nur der Teamchef warf den Bettel hin und reiste nach Frankreich zurück.

Nicolas Sarkozy greift ein

Gestern war die Lage im französischen Lager so gespannt, dass der Staatspräsident persönlich eingreifen musste. Nicolas Sarkozy wies die ohnehin in Südafrika befindliche Sportministerin Roselyne Bachelot an, die Führung der nationalen Delegation zu übernehmen und eine Krisensitzung mit dem Verbandschef, dem Trainer Domenech und Rädelsführer Patrice Evra einzuberufen.

Der Staatseingriff kommt viel zu spät – und dies nicht nur, weil das Ausscheiden kaum mehr abwendbar ist. Weit schlimmer als die sportliche Seite ist, dass laut einer Umfrage bloss 15Prozent der Franzosen überhaupt noch die Qualifikation der Bleus wünschen. So etwas hat es wirklich noch nie gegeben in einem Land, in dem Nationalstolz eine Selbstverständlichkeit ist. Und in dem die Bleus seit 1998 eine Art Nationalheilige gewesen waren.

Umso tiefer ist jetzt ihr Fall: «Meuterer», «schändliche Nichtsnutze» heisst es in Pressekommentaren, und der Philosoph Alain Finkielkraut bezeichnete sie gestern gar als «eine Bande von Strolchen, die nur eine Moral kennen, die der Mafia»; mehrere «Clans» zeigten zudem die «ethnischen Spaltungen» innerhalb der Mannschaft auf, will der Philosoph wissen.

WM 1998: Schwarz-weiss-braun

Frankreich fällt damit von einem Extrem ins andere. Der Kontrast könnte nicht grösser sein zu 1998, als Frankreich seine «équipe black-blanc-beur» (schwarz-weiss-braun) als Modell für die gesellschaftliche Integration seiner Einwanderer gelobt hatte. Die Bleus hatten damit die Pionierrolle in Europa übernommen, sind doch heute diverse europäische Nationalteams multikulturell gefärbt. Nun wenden sich die Franzosen selbst von ihren Helden ab. Es seien müde Spielerstars, die nur noch fürs Geld, nicht aber für die – nationale – Ehre kämpften, lautet der Grundtenor.

Diese Kritik wirkt exzessiv – so exzessiv wie beim WM-Titel von 1998, als Spielergenies wie Zinédine Zidane gleichsam zu Nationalhelden emporstilisiert worden waren. Noch heute bleibt eine grosse Nostalgie für die damalige Fussballergeneration; sie wächst umso mehr, als die aktuellen Spieler in Grund und Boden verdammt werden.

Dabei scheint Zidane bei dem aktuellen Spieleraufstand selbst einige Fäden gezogen zu haben. So ganz schwarz und weiss liegen die Dinge also nicht. Die «ethnischen» Spannungen sind ebenfalls zu relativieren, da von ihrer Herkunft her sehr unterschiedliche Spieler wie Ribéry oder
Evra gemeinsame Sache machen. Sie sind zum Teil auch Opfer der Umstände – letztlich des jahrelangen, aber unverständlichen Festhaltens des Fussballverbandes an Trainer Domenech. Dass sie nur am Geld interessiert wären, ist kaum der Grund für ihre Lethargie auf dem Spielfeld: Aus Südafrika wären sie mit sechsstelligen Siegprämien zurückgekehrt.

Der Stimmungswandel der Franzosen gegenüber den Bleus zeigt vor allem auch auf, wie heikel es ist, dem Sport eine gesellschaftspolitische Rolle zuzuweisen. Für die Millionen von Immigranten in den Banlieue-Siedlungen hat Frankreichs WM-Titel von 1998 jedenfalls kaum etwas verändert.