EM 2016
Frankreichs Fussball: Ein Jahrzehnt voller Skandale

Zidanes Kopfstoss, Ribérys und Benzemas Geschichte mit einer minderjährigen Prostituierte. Die Geschichte von Frankreichs Fussballer ist schwierig. Die Schweiz hält derweil ihr hohes Niveau.

Etienne Wuillemin, Montpellier
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Zidanes Kopfstoss ist inzwischen als Statue verewigt.

Zidanes Kopfstoss ist inzwischen als Statue verewigt.

Keystone

Morgen Abend fordert die Schweiz in Lille Frankreich. Es ist ein ungleiches Duell der Nachbarn. Hier der grosse, stolze Gastgeber, bereits dreimal Welt- oder Europameister. Da die Schweiz, im modernen Fussball noch nie über den Achtelfinal hinausgekommen.

Wer die jüngste Geschichte der beiden Fussballnationen eingehend betrachtet, merkt: Frankreich gemahnt an ein Problemkind, es wird immer wieder von Skandalen erschüttert. «Zehn Jahre der Schande», nennt es das Fachmagazin «France Football». Die Schweiz dagegen erinnert an den Musterschüler, der aus wenig Möglichkeiten viel herausholt.

Juli 2006, Frankreich steht im WMFinal gegen Italien. Es ist der Abschied von Zinédine Zidane. Er könnte glanzvoll werden, Zidane schiesst ein Tor per Penalty. Aber die Geschichte wendet sich dramatisch. In der Verlängerung streckt Zidane den Italiener Materazzi per Kopfstoss nieder. Warum? Materazzi zerrt an Zidanes Leibchen. Dieser sagt: «Wenn du mein Leibchen willst, gebe ich es dir später.» Materazzi antwortet: «Ich nehme lieber deine Schwester, die Hure.» Kopfstoss! Rote Karte. Karriere vorbei. Italien ist Weltmeister.

Die Schweiz muss derweil ein Aus verdauen, das nicht bitterer sein könnte. In der Vorrunde bleibt das Team von Köbi Kuhn ohne Gegentor. Der Achtelfinal gegen die Ukraine ist die Chance, Geschichte zu schreiben – erstmals im modernen Fussball einen Viertelfinal zu erreichen, erstmals ein K.-o.-Spiel zu gewinnen. Wieder bleibt Zuberbühler ohne Gegentor. Aber auch die Schweiz trifft nicht. Kuhn wechselt in der 117. Minute Alex Frei aus. Das Penaltyschiessen wird zum Drama, alle drei Schweizer verschiessen. Trotzdem geht die WM in Deutschland als einer der bedeutendsten Schweizer Anlässe in die Geschichte ein. Bis heute sind die Aktien einer Schweizer Mannschaft nie mehr höher gewesen als an diesem Abend von Köln.

Der unvergessene Streik

Die EM 2008 in der Schweiz und Österreich gerät für Frankreich zum Fiasko. Gruppenletzter, vorzeitiges Aus. Frankreich ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Titel von 1998 und 2000 sind längst vergessen. Es kommt bald noch schlimmer. 2009 müssen «Les Bleus» um die Qualifikation für die WM in Südafrika bangen. In der Barrage gegen Irland setzen sie sich nur durch, weil Thierry Henry die Hand zur Hilfe nimmt bei seiner Vorarbeit zum entscheidenden Tor. Das Land führt fortan eine Diskussion über Fairplay. Henry ist geständig, möchte ein Wiederholungsspiel, die Fifa weigert sich, zahlt den Iren fünf Millionen Euro, um zu verhindern, dass sie vor Gericht ziehen.

Vielleicht wäre es besser gewesen, die Franzosen hätten sich gar nicht erst für die WM 2010 qualifiziert. Es folgt die wohl schlimmste Episode für die «Fédération Française de Football». Trainer Raymond Domenech und Nicolas Anelka geraten in der Halbzeit des ersten Spiels aneinander. «Hurensohn», soll Anelka rufen. Er muss sofort nach Hause. Doch die Affäre weitet sich aus. Weil sich die Mitspieler mit Anelka solidarisieren. Es kommt zum Trainingsstreik. Sogar die Politik schaltet sich ein, eine parlamentarische Kommission untersucht die Vorfälle. Unter den Streikenden befinden sich auch Patrice Evra und Franck Ribéry. Beide werden nur kurz gesperrt und dann begnadigt. Evra ist auch am Sonntag in Lille gegen die Schweiz dabei.

Domenech wird bald entlassen, Laurent Blanc, einer der Helden des WMTitels 1998, sein Nachfolger. Lange dauert es nicht, bis auch er in die Strudel gerät. Kernvorwurf ist eine Aussage, wonach er eine Begrenzung fordert für Spieler mit zwei Pässen, welche die Nation wechseln können, um für Frankreich anzutreten. Ein Sturm der Entrüstung braust auf. An vorderster Front: Lilian Thuram, auch er Held von 1998. Blanc muss sich öffentlich zu bester Sendezeit entschuldigen.

Die minderjährige Prostituierte

In die Amtszeit von Blanc fallen weitere Affären. Es kommt ans Licht, dass sich Franck Ribéry und Karim Benzema noch vor der WM in Südafrika mit einer minderjährigen Prostituierten namens Zahia vergnügt haben sollen. Die Untersuchungen ziehen sich in die Länge. Verbandsmitglieder wünschen eine Suspendierung von Ribéry und Benzema, Blanc ist dagegen. An der EM 2012 rastet Samir Nasri aus, beleidigt die gesamte französische Presse. Im Viertelfinal gegen Spanien ist das Turnier zu Ende. Und auch Blancs Amtszeit, der seinen Vertrag nicht verlängert. Didier Deschamps übernimmt.

Die Schweiz erholt sich schnell von der sportlich ebenfalls enttäuschenden Heim-EM. Köbi Kuhn hat Ottmar Hitzfeld eine funktionierende Mannschaft übergeben. Wie später auch Vladimir Petkovic, startet Hitzfeld mit Problemen. Die Niederlage gegen Luxemburg ist jedoch nicht von weitreichender Bedeutung. Die Schweizer qualifizieren sich doch noch für die WM 2010 in Südafrika. Während die Franzosen streiken, besiegen sie den aktuellen Europameister und späteren Weltmeister Spanien. Der Makel: Für die Achtelfinals reicht es gleichwohl nicht.

Aus dem leichten Gegenwind wird bald ein mittlerer Sturm. Plötzlich läuft vieles schief. Die Qualifikation für die EM 2012 misslingt. Plötzlich befindet sich die Schweiz im Umbruch. Die Generation um die Basler Frei, Streller und Huggel ist nicht mehr dabei. Die Misstöne nehmen zu. Es braucht Zeit, bis die neue Mannschaft um Captain Inler, Lichtsteiner und die jungen Wilden wie Xhaka, Shaqiri oder Rodriguez Tritt findet. Schleichend nehmen die Debatten um Identität und Integration zu. Es ist ein Thema, das Frankreich nur allzu gut kennt. Im Erfolgsfall fliegen der Multikulti-Mannschaft die Herzen zu. Sobald es Probleme gibt, ist die Kritik an ihr umso grösser.

Dreieinhalb Jahre nach der Eröffnung der Untersuchungen, Ende Januar 2014, werden Ribéry und Benzema in der «Affäre Zahia» freigesprochen. Ribéry spielt seither trotzdem nicht mehr für Frankreich. Er meldet sich wegen seines angeschlagenen Körpers für die WM in Brasilien ab. Benzema dagegen ist Teil des Teams, das die Schweiz 5:2 demütigt und später im Viertelfinal an Deutschland scheitert.

Er ist aber bald auch wieder im Mittelpunkt des nächsten Skandals. Diesmal geht es um Erpressung. Er soll seinen eigenen Teamkollegen Mathieu Valbuena unter Druck gesetzt haben. Es geht mutmasslich um eine Zahlung von 150 000 Euro, ansonsten werde ein Sexvideo von Valbuena veröffentlicht. Benzema soll der Gehilfe einiger seiner Jugendfreunde aus Lyon gewesen sein. Für 24 Stunden sitzt er im Gefängnis. Später erklärt er: «Ich werde wie ein Krimineller behandelt.» Der Fall liegt weiterhin vor den Richtern.

Kurz vor der EM-Auslosung im Dezember 2015 beschliesst Verbandspräsident Noël Le Graët, Benzema werde vorerst nicht mehr fürs Nationalteam aufgeboten. Die Sportzeitung «L’équipe» schreibt: «Diese Affäre kann die ganze EM verhageln.» Mitte April herrscht Gewissheit: Benzema verpasst die EM im eigenen Land. Der Spieler schreibt auf Twitter: «Ich bin nicht auserwählt für unsere EM in Frankreich. Das ist traurig für mich und alle, die mich immer unterstützt haben.»

Doch das alles kann Benzema nicht auf sich sitzen lassen. Kurz vor der EM spricht er in einem Interview mit der spanischen Zeitung «Marca» über seine Nicht-Nominierung. Und erhebt schwere Vorwürfe. «Ich weiss nicht, ob es Deschamps alleinige Entscheidung war. Ich denke, er hat sich einem rassistischen Teil Frankreichs gebeugt.» Die Politik zeigt sich ob der Äusserungen entrüstet. Von «inakzeptablen Äusserungen» spricht Frankreichs Sportminister. Das erneute Aufflammen einer RassismusDebatte ist die logische Folge.

Suche nach magischem Moment

Die goldene Schweizer Generation findet sich bald besser zurecht. So souverän wie selten zuvor qualifiziert sie sich für die WM 2014 in Brasilien. Nach schwierigem Start gelingt die Wende. Erst gegen Honduras. Dann folgt ein denkwürdiger Achtelfinal gegen Argentinien. Es reicht knapp nicht zur Sensation. Trotzdem ist es dieser Geist von São Paulo, der das Team unter Petkovic beseelt. Noch ist diese Generation auf der Suche nach ihrem besonderen Moment, der etwas Historisches auslösen kann. Das Spiel gegen Frankreich ist eine erste Gelegenheit dazu.

Für die skandalumwitterten Franzosen ist nur der Titel gut genug. Das Land lechzt nach einer Wiederholung der Geschichte, wollen einen dritten Titel zu Hause. Die Schweiz strebt dagegen unermüdlich nach einem Viertelfinal. Es wäre die Krönung einer Dekade, von der man vor 20 Jahren nicht im Ansatz zu träumen wagte.

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